Kultur

TV-Kritik: Der «Literaturclub» im Sinkflug

Von Guido Kalberer. Aktualisiert am 20.05.2010 22 Kommentare

Die Moderatorin stolpert über Sätze, die Kritiker erweisen sich mehr als Fans denn als Experten.

Versucht krampfhaft zu imitieren, was sie nicht kann: «Literaturclub»-Moderatorin Iris Radisch mit Kritiker  Juri Steiner und Traudl Bünger (rechts).

Versucht krampfhaft zu imitieren, was sie nicht kann: «Literaturclub»-Moderatorin Iris Radisch mit Kritiker Juri Steiner und Traudl Bünger (rechts).
Bild: SF

Roger de Weck, der neue mächtige Mann beim Schweizer Fernsehen, schob die Bedenken von Stephan Klapproth, er sei zu elitär für den Job, mit einer geschickten Frage beiseite: «Was gibt es Schöneres, als abends vor dem Fernseher zu sitzen und einem Fussballmatch zu folgen?» Da die WM in Südafrika erst im Juni beginnt, entschied ich mich am Dienstagabend, wieder einmal den «Literaturclub» anzuschauen. Es gibt Schöneres!

Philipp Tingler, der Wahlzürcher aus Westberlin, war Gast der Sendung, und er zeigte, was intelligente Literaturkritik zu leisten vermag. Er sprach mit scharfem Verstand und mit einer an Thomas Mann geschulten Ironie. Es machte Spass, ihm zuzuhören – auch, weil man sah, wie er aufmerksam den anderen zuhörte. Im Unterschied zu den Profis behauptete er nicht einfach, sondern argumentierte. Er machte genau das, was Gabriele von Arnim, die wir in dieser Talkrunde schmerzlich vermissen, ausgezeichnet konnte und was sie ausgezeichnet hat. Doch wenn nur der Gast für das Gute und Schöne der Formulierungen zuständig ist, dann ist das zwar schmeichelhaft für ihn, aber ein Desaster für die Sendung.

Wo bleiben die Argumente?

Iris Radisch, die man gerne in der «Zeit» liest, ist einfach zu hektisch und nervös als Moderatorin, und sie ist, wie man bei uns Alemannen sagt, «verhühnert». Sie stolpert durch die Sätze, gestikuliert wild mit ihren Händen und versucht krampfhaft zu imitieren, was sie nun leider gar nicht kann. Und dann verfolgt sie meist zwei verbale Strategien. Wenn sie gerade mal nicht behauptet, dann verteidigt sie sich gegen ihre Kritiker – ohne das anzuführen, was wir von einer Sendung dieses Formats mit Fug erwarten: das Abwägen des einen Arguments gegen das andere, die Gründe für die Meinung oder – auch hübsch – die Verführung durch die Rhetorik. Wenn für all das kein Platz ist, dann braucht es keinen Klub, in dem Literatur verhandelt wird. Von Experten darf man Expertenwissen verlangen – wie bei einem Fussballer oder bei einem Mechaniker.

Der «Literaturclub», so wie er sich heute präsentiert, ist wenig mehr als ein Stammtisch in einer rauchfreien Kneipe. Juri Steiner ist nun einmal Fan von John Irving, da kann er auch nichts dafür, und Traudl Bünger wirft ihre grossen Augen in die Kamera und findet Bücher, die sie gut findet, spannend. Oder grossartig oder so. Der «Literaturclub» kannte bisher viele Hochs (Leitung: Daniel Cohn-Bendit) und Tiefs (Leitung: Jürg Acklin). Zurzeit befindet sich die Sendung im Sinkflug: Anschnallen bitte, die Landung steht kurz bevor! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.05.2010, 08:10 Uhr

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22 Kommentare

Peter Müller

20.05.2010, 13:59 Uhr
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In der Schweiz geht das ganze Know-how verloren. Wissen wird verkauft, die Firmen ruiniert. Man hat viel Geld für Kunst und BlaBlaBla. Keine richtige Ausbildung für die Jugend. Dafür de Weck BlaBla. Man lebt von den Lizenzen und hat keine neuen Produkte. Den die werden jetzt in Fernost produziert. Siehe Desaster von Zahnrad Maag, Sulzer MF Oerlikon, Escher Wyss, Porzellan Langental usw, usw, usw, Antworten


Doris Kessler

20.05.2010, 14:37 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Nach langer Zeit schaute ich wieder einmal in den" Literaturclub" hinein und hielt es nicht lange aus. Weshalb nicht bei den Briten abgucken. Einmal monatlich ein Interview im intimen Rahmen zu einem aktuellen Buch: Schriftstellerin/Schriftsteller und ein kompetenter Interviewer ohne grossartige Kulisse, dafür viel Information und Atmosphäre.That's it. Danach: Lesen! Antworten



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