TV-Kritik: Der Riesenpenis und das gescannte Gehirn

Eine ARD-Doku versuchte gestern, das Wesen jenes Millionenblatts zu ergründen, das eben Justizministerin Simonetta Sommaruga verklagt hat – der «Bild». Es gelang nicht ganz.

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Nicht alles ist schlecht an der «Bild», durchaus nicht. An guten Tagen brilliert sie mit knallhartem, aufwendigem Recherche-Journalismus, die Mauscheleien des kürzlich zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff etwa wurden grossteils von «Bild»-Reportern aufgedeckt. Mit solchen Storys wird die auflagenstärkste deutschsprachige Zeitung ihrem selbst erteilten Auftrag als Anwältin des kleinen Mannes denn auch tatsächlich gerecht. «Die ‹Bild›-Zeitung ist schon ein Stück... wenn ich das mal so sagen darf... eine Art direkte Demokratie», radebrechte in bekannter Manier CSU-Urgestein Edmund Stoiber – ein grösseres Kompliment ist aus dem Umfeld deutscher Spitzen-Politik, die sich traditionell nach Kräften wehrt gegen Ermächtigungen des Stimmbürgers, kaum denkbar.

Gysis gescanntes Gehirn

Der gestrige, anlässlich des 60. Geburtstags der «Bild» produzierte ARD-Dokufilm «Bild. Macht. Politik» erwähnte diese positiven Seiten des Millionenblatts aus dem Springer-Verlag zwar bloss in Nebensätzen, aber immerhin.

Aber natürlich und erwartungsgemäss ging es vornehmlich um fragwürdige Methoden und grobianische Töne. Der linke Zampano Gregor Gysi erzählte die bizarre Geschichte seines gescannten Gehirns, dessen Foto die «Bild» unerlaubterweise abgedruckt hatte («Gysi zeigt sein Gehirn»), die Grüne Claudia Roth berichtete, wie ihr ein «Bild»-Redaktor die Worte im Mund umgedreht und wie sie sich später eine voluminöse Gegendarstellung erstritten hatte.

Die Dokufilmer zeigten, wie ungemein clever die «Bild»-Oberen um Chefredaktor Kai Diekmann die Politiker in ein Netz von Abhängigkeiten und Gefälligkeiten verstricken; hier eine Home-Story gegen eine unterlassene Klage, dort ein Verriss wegen zurückgehaltener Informationen. Jene, die sich wie Wulff auf einen Pakt mit der «Bild» einlassen, werden im Fall einer Kooperationsverweigerung besonders «hart angefasst», wie sich Diekmann ausdrückte.

Schillernder Chefredaktor

Ohnehin, dieser Diekmann – ein schillernder Chefredaktor, nicht bloss der Gordon-Gekko-mässigen Gel-Tolle wegen. Wie der Studienabbrecher und frühere Heeresfotograf sein Produkt so konsequent wie eloquent verteidigte, nötigte dann doch auch etwas Respekt ab. Ausserdem kann Diekmann ein gewisser Sportsgeist im Umgang mit seiner journalistischen Gegnerschaft nicht abgesprochen werden.

So lobte Diekmann ausführlich die Schlagzeilen der ihm ausnehmend feindlich gesinnten linken «taz» – dies obwohl (oder vielleicht doch: weil?) am Berliner Redaktionsgebäude der «taz» ein Relief montiert wurde, das Diekmann mit einem Riesenpenis zeigt, der sich über mehrere Stockwerke erstreckt. Diekmann: «Ich bin ganz begeistert, wenn ich sehe, welche Busladungen von Japanern und Koreanern dort ausgespuckt werden, die das dann ganz begeistert fotografieren».

Ziel nicht erreicht

Doch leider gelang es den Filmern nicht, tief hinter die schillernden Fassaden zu gucken, weder hinter jene von Kai Diekmann noch hinter jene der «Bild» an sich – der Zugang in die Redaktionsstuben blieb dem ARD-Team nämlich verwehrt. Die Filmemacher verfehlten nicht zuletzt deswegen ihr Ziel, das widersprüchliche Wesen der «Bild» zu ergründen und das Denken der Macher zu entschlüsseln.

Übrig blieb als Fazit schliesslich allein die lauwarme These, dass sich die «Bild» langsam mässige, entradikalisiere. Gestützt wurde diese Behauptung lediglich durch die Entfernung des Seite-1-Girls, das Diekmann just am Weltfrauentag mit viel Brimborium abgeschafft hatte. Aktionen wie die Harakiri-Klage gegen Sommaruga zeigen vielmehr: Die «Bild» ist noch immer ein garstig-widerborstiges Ungetüm, das auch weiterhin für grobe publizistische Keilereien sorgen wird. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 17.04.2012, 10:34 Uhr)

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Video

ARTE-Sendung «Durch die Nacht»: «Bild»-Chefredaktor Diekmann mit Kolumnist Henryk Broder.

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