TV-Kritik: Der Strich soll in die Box

Zürich will die Strassenprostitution in Sexboxen verlagern. Unwürdig? Überflüssig? Oder einzige Lösung? Die «Club»-Gäste fanden keinen Nenner und liessen die Prostituierte in der Runde kaum zu Wort kommen.

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In Zürich hat sich die Situation um den Strassenstrich zugespitzt. Dutzende von Frauen werben am Sihlquai täglich um Freier und weichen für den bezahlten Sex auf das umliegende Wohnquartier aus. Nun will die Stadt den Strassenstrich in Sexboxen verlagern und damit neue Wege gehen. Am 11. März stimmen die Zürcherinnen und Zürcher darüber ab.

Die Fragen «Wohin mit dem ältesten Gewerbe der Welt? Was wollen die Prostituierten, was die Freier, was die Anwohnerinnen und Anwohner?» stellte der gestrige «Club» zur Diskussion, wobei nur über die erste Frage wirklich diskutiert wurde. Was die Freier, Anwohner und Prostituierten wollen, kam bis zum Ende der Sendung kaum zur Sprache.

Erst die Antwort, dann die Frage

Dafür meldete sich Valentin Landmann, Rechtsanwalt und Buchautor von «Nackte Tatsachen – der Rotlicht-Report» umso mehr zu Wort. Er setzt sich dafür ein, dass Prostitution als eine Dienstleistung wie jede andere behandelt wird. «Die Konditorei am Paradeplatz wirbt auch für sich, genau wie die Frauen auf dem Strich.» Auch versuchte er, den Ablauf beim Strassenstrich zu veranschaulichen («Oft stehen die Frauen nach zehn Minuten wieder an ihrem Platz») und die Vorteile der Sexboxen herauszustreichen (mehr Sicherheit für die Frauen, weniger Auswirkungen auf das umliegende Quartier).

Dass sich die Situation am Zürcher Strassenstrich zugespitzt habe, habe nichts mit den Frauen, sondern mit den Rahmenbedingungen zu tun. «Stellen Sie sich vor, wenn es im Zug keine Toilette gäbe. Dann wäre alles ‹verschiffet›.» Valentin Landmann war teilweise so eifrig mit seinen Ausführungen, dass er nicht auf Mona Vetschs Fragen warten mochte, sondern die Antworten gleich vorwegnahm. Mona Vetsch blieb jedoch charmant und unterbrach die Männer in der Runde bestimmt, wenn es sein musste.

Prostituierte kam zu wenig zu Wort

«Bei so vielen Juristen und Rechtsanwälten muss man schauen, dass man zu Wort kommt», sagte Dominique S., die als selbstständige Prostituierte arbeitet. In der Diskussion, die in Zürich schon seit Monaten andauert, waren die betroffenen Frauen bislang kaum zu Wort gekommen. Diese Chance hat man auch im gestrigen «Club» etwas vergeben. Dominique S. konnte sich kaum Redezeit verschaffen. An die Lösung mit den Sexboxen glaube sie jedoch nicht, sagte sie, ohne dies zu begründen. Zumindest hakte Vetsch nicht nach.

Der Zürcher SVP-Gemeinderat Sven Dogwiler hält ebenfalls nichts von den Sexboxen. Er fand, diese würden die Prostitution fördern, und störte sich vor allem an den Kosten: 7,4 Millionen Franken müssten die Zürcher Steuerzahler innerhalb von zehn Jahren für die Sexboxen bezahlen. Eine alternative Lösung hatte er nicht, vielmehr brachte er das Thema Menschenhandel und Begleitkriminalität auf den Tisch, was für den einen oder anderen Seufzer in der Runde sorgte und die Diskussion zeitweilig vom konkreten Thema wegbrachte.

Den Käfer machen funktioniert nicht

Nicole Barandun, Präsidentin CVP-Frauen Stadt Zürich, will weder Sexboxen noch einen Strassenstrich. «Ich finde den Zustand schmuddelig für die Frauen», sagte sie und monierte die fehlenden Duschen, Lavabos und Frotteetüchlein sowie den fehlenden Respekt der Freier. Man wurde jedoch den Eindruck nicht los, dass Barandun das Sexgewerbe wohl am liebsten ganz abgeschafft hätte. «Ist das nicht ein Mittelschichtdenken, Prostitution für frauenunwürdig zu halten?», forderte Regula Rother, Leiterin der Zürcher Stadtmission mit Beratungsstelle für Prostituierte Isla Victoria, sie heraus.

Mona Vetsch bemühte sich um Anschaulichkeit, erzählte von ihrem kürzlichen Besuch des Strassenstrichs, zeigte ein Foto einer Sexbox in Deutschland sowie das Modell der Zürcher Sexboxen und fragte Dominique S., was denn eine gute Prostituierte für Eigenschaften haben müsse («Auf den Rücken liegen und den Käfer machen, das funktioniert nicht. Es braucht Disziplin und eine dauernde Werbepräsenz.»). Die Diskussion kippte dennoch nie in die Schmuddelecke, und der Begriff «Sex» war auffallend selten zu hören für eine Sendung mit dem Titel «Prostitution: Puff, Box oder Strasse?».

Zwar driftete die Diskussion hie und da in übergeordnete Fragen wie «Tun die Frauen das freiwillig?» ab, die knapp 75 Sendeminuten waren aber im Nu vorbei. Die Gäste wollten gar nicht mehr aufhören zu diskutieren. Die nächste Runde folgt bestimmt. Dazu einfach ein, zwei Politiker und Anwälte weniger einladen, dafür mehr Direktbetroffene, und dann klappts vielleicht auch mit den restlichen Fragen und Antworten.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 08.02.2012, 09:19 Uhr)

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