TV-Kritik: Der Swiss Award und die Langeweile
Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 09.01.2011 46 Kommentare
Dossiers
Artikel zum Thema
«Meine Frau hat behauptet, dass sie hier einen Millionenlos-Knopf drücken muss, sonst wären wir gar nicht gekommen», sagte Emil Steinberger, der gerade seinen «Swiss Award» für sein Lebenswerk entgegen nehmen konnte und war sichtlich gerührt. Da konnte sein «Luusmeitli» Niccel in der ersten Reihe aufatmen und strahlen, hatte sie ihren Mann doch unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in das Hallenstadion gelockt. Zumindest hatte dieser am Ende etwas davon, was man nicht von allen Anwesenden in der Halle und zu Hause auf dem Sofa behaupten kann.
«Das Jahr der Löcher»
Sobald die Weihnachtszeit vorbei ist und unsereiner am Postschalter keine Millionenlose mehr aufgeschwatzt bekommt, ist also wieder Zeit für die «Swiss Awards», die grosse Gala von SF, eine Mischung aus Oscar-Verleihung und «Benissimo». Einerseits wird der Schweizer des Jahres gekürt, andererseits können sechs Glückliche je eine Million Schweizer Franken gewinnen, sofern sie ein Millionenlos gekauft haben (böse Zungen behaupten, dass alle nur deswegen die «Swiss Awards» schauen). «2010 war das Jahr der Löcher», fasste Moderatorin Sandra Studer die wichtigsten Ereignisse zusammen und meinte damit den isländischen Vulkan, den Gotthard-Tunnel, das Öl-Leck, das Loch im chilenischen Bergwerk oder Wikileaks. «Und draussen wartet das Januarloch.» Nicht nur das. Es warteten auch 150 lange Sendeminuten mit diversen Stimmungslöchern.
Wir hätten es ja schon beim Roten Teppich vor der Sendung ahnen müssen. Wo dieses Schaulaufen der Abendkleider die Oscar-Verleihung etwas erträglicher macht, wollte dies bei der Schweizer «Veranstaltung des Jahres» so gar nicht klappen. Da spuckten vorgefahrene Autos im Minutentakt verloren wirkende Prominente aus, während ein paar Teenies im Hintergrund ein wenig kreischten und mit ihren Handys fuchtelten. Beni Thurnheer kam mit seiner ehemaligen Glücksfee Michèle Prêtre, Walter Roderer fragte nach dem Weg und Benedikt Weibel nutzte die Gelegenheit und machte rasch Werbung für sein Buch. Das durfte er. Schliesslich wurde brav der Hinweis eingeblendet, dass es sich um eine «Sendung mit Produkteplatzierung» handelt. So durften wir etwa ganz transparent erfahren, dass in der Trophäe eine goldene «Omega Ladymatic» verborgen ist.
Studers missglückte Schenkelklopfer
Platziert waren in der Sendung nebst Produkten wie gewohnt auch die beiden Show-Monopolisten von SF: Sven Epiney und Sandra Studer. Die machten ihre Sache wie immer korrekt. Dummerweise versuchten sie aber auch lustig zu sein. Als Anmoderation des Schmusesängers Nek (das ist der Italiener mit den hellblauen Augen und dem Laura-non-c'è-Song) hatte sich Studer zum Beispiel folgenden Witz ausgedacht: «Laura ist heute nicht da und ob sie jemals gekommen ist, das weiss ich auch nicht. Aber hier ist Nek mit einem Medley.» Und Epiney machte erst ein Handy-Knutschfoto von zwei Gästen im Publikum und meinte später zum Pärchen, das die Saal-Million gewonnen hatte: «Die beiden halten immer noch Händchen. Liebe geht also auch durchs Portemonnaie.»
Wirtschaft, Show, Politik, Gesellschaft und Kultur – je drei Nominierte pro Kategorie durften gestern auf einen «Swiss Award» hoffen. Dazu noch drei Sportler und fertig war die 18-köpfige Nominationsliste für die Auszeichnung «Schweizer des Jahres», die schon Roger Federer, Beat Richner oder Eveline Widmer-Schlumpf entgegen nehmen durften. Nicht alle Nominierten waren dem gemeinen Fernsehpublikum ein Begriff und so mussten sie allesamt in kurzen Beiträgen vorgestellt werden. Dazu kamen noch alle erdenklichen Jahresrückblicke wie «Rücktritte und Comebacks»,«Das bewegte die Schweiz», «Privates Glück», «Typisch Schweiz» oder «Siege für die Ewigkeit». Es wollte gar nicht mehr enden. Dasselbe dachte man sich auch bei der einen oder anderen Laudatio. So kam es, dass es die TV-Kameras nicht immer schafften, eine Aufnahme ohne gelangweilten Prominenten im Bild zu zeigen.
Giacobbos Rettung
Zum Glück betrat um 22 Uhr 20 Viktor Giacobbo die Bühne. Der Kabarettist machte sich zuerst ein wenig über die verschiedenen Miss-, Mister-, oder Beinahe-Miss-Schweiz lustig, die zwischendurch einen Knopf drucken durften, um einen Millionengewinner zu küren (vorausgesetzt, die Post-Angestellten sind tatsächlich alle Millionenlose los geworden). Dann kündigte er Emil als Swiss-Award-Preisträger an. Zum Glück habe Emil seine Niccel geheiratet und nicht irgendeine Amerikanerin bei seinem Aufenthalt in New York. «Das wäre nicht gut rausgekommen. Fragen Sie Thomas Borer.»
Eine weitere halbe Stunde später dann die endgültige Erlösung: Schweizer des Jahres sind der Arzt Rolf Maibach und die Krankenschwester Marianne Kaufmann vom Albert-Schweitzer-Spital in Haiti. Diesen schien das ganze Tamtam im Hallenstadion auch zu viel zu sein. Erst wollten sie gar nicht auf die Bühne und kaum hatte Sandra Studer einen Moment lang nicht aufgepasst, huschten sie schon wieder zurück zu ihren Stühlen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 09.01.2011, 08:38 Uhr
Kommentar schreiben
46 Kommentare
In der ARD Volksmusik, auf RTL "Superstar" und im SF die "Swiss Awards". Wer am Samstagabend Fernsehen schauen will, verzweifelt. Wider besseren Willens habe ich mir die "Swiss Awards" angesehen und es bitter bereut. Die einzigen Höhepunkte waren die Musik-Acts von Anna Rossinelli und Naturally 7 sowie Giacobbos Auftritt. Da schaut man doch lieber einer frisch gestrichenen Wand beim trocknen zu. Antworten
Kultur
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
Grandioses Berg-Erleben.
Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!





