TV-Kritik

TV-Kritik: Die verlorene Ehre des Jörg Kachelmann

Seit Monaten wird Jörg Kachelmann der Prozess gemacht wegen einer angeblichen Vergewaltigung. Doch alle Indizien deuteten darauf hin, dass er selbst das Opfer sei, sagt der Dok-Film von Hansjürg Zumstein.

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«Der Fall Kachelmann» heisst der Dok-Film von Hansjürg Zumstein schlicht. Falls wahr ist, was der Filmer suggeriert, dürfte dieser Titel reichlich beschönigend sein. «Der Kachelmann-Skandal» müsste es in diesem Fall heissen. Denn vieles deutet darauf hin, dass dem Wettermoderator der Prozess gemacht wurde wegen der Falschaussage der angeblich Vergewaltigten. Dabei wurde der Fall keineswegs «unter Ausschluss der Öffentlichkeit» abgehandelt, vielmehr sollen die Medien gezielt manipuliert worden sein.

Sex, Lügen und falsche Liebe – der Fall war ein gefundenes Fressen. Der beliebte Wettermoderator, Botschafter von Blumenkohlwölkchen und Frühlingsregen, wird der Vergewaltigung angeklagt. Es stellt sich heraus, dass er ein Doppelleben mit zahlreichen Beziehungen zu verschiedenen Frauen geführt hat. Die öffentliche Meinung ist schnell gemacht: So einem ist alles zuzutrauen. Eine Meinung, welche die Feministin Alice Schwarzer im Auftrag der «Bild»-Zeitung am prominentesten verkündet.

Indizienprozess

In Interviews mit Gerichtsreporterinnen und mit Passagen aus den Aussageprotokollen zeichnet Zumstein ein ganz anderes Bild vom Prozess. Da Aussage gegen Aussage steht, kann die Wahrheitsfindung nur über Indizien rekonstruiert werden. Zum Beispiel das Tatmesser, mit dem Kachelmann laut Anklage die Radiomoderatorin D. in der Tatnacht verletzt haben soll. Und die blauen Flecken und Schrammen am Körper der Frau. Entscheidend sind die Gutachten der untersuchenden Experten. Doch was die herausfinden, stützt die Tatversion D.s in keiner Weise. So fanden sich keine Spuren des Angeklagten am angeblichen Tatmesser. Und was die Verletzungen angeht, scheint es sehr wahrscheinlich, dass sich die Frau die Verletzungen selbst beigebracht hat, erklärt Rechtsmediziner Brinkmann.

Doch damit nicht genug. Das mutmassliche Opfer hat auch bezüglich des Tathergangs gelogen, wie eine Auswertung ihrer Computerdaten ergab. Die Geschichte mit den gefundenen Flugtickets, welche D. als Auslöser für den Streit zwischen ihr und Kachelmann angab, war nachweislich eine Lüge. Trotzdem hält die Staatsanwaltschaft am Prozess fest.

Ein Medienskandal

Alles deutet laut Zumstein darauf hin, dass Kachelmann die Tat nicht begangen hat. Womit der Fall Kachelmann ein beispielloser Fall von Vorverurteilung wäre, unter kräftiger Mithilfe von Staatsanwaltschaft und Medien, die sich gegenseitig instrumentalisieren.

Auch die Rolle der Medien beleuchtet Zumstein kritisch. Denn mit der «Beschädigung des Jörg Kachelmanns» wird kräftig Geld verdient. «Bild» hat als Erste von der Verhaftung Kachelmanns berichtet. Niemand weiss, wie die Zeitung zu der Information kam. Episch wird über Kachelmanns Doppelleben berichtet. Die Zeitschrift «Bunte» zahlt Kachelmanns Geliebter 50'000 Euro für ein Interview. Schwarzer benutzt den Prozess für ihre ideologischen Botschaften von den Frauen als Opfer. Sie spricht von Menschenwürde und dass Kachelmann den Frauen falsche Tatsachen vorgegaukelt habe. Es gehe nicht um Gefühle, es gehe um Macht. «Von diesem Prozess geht ein fatales Signal für die Opfer aus», sagt Schwarzer.

Allerdings. Doch diesmal unter umgekehrten Vorzeichen. Klug ist, dass Zumsteins Film sich vor allem auf Interviewpartnerinnen stützt. In einem ideologisch so aufgeladenen Fall ist das wichtig. Die Gerichtsreporterinnen von der «Zeit» und vom Magazin «Der Spiegel» unterstellen Radiomoderatorin D. ein Rachemotiv und kommen zum Schluss, dass die Anklage sich auf schlicht gar nichts stützt. Tanja May, die Reporterin von der «Bunten», bemerkt zum Schluss etwas hilflos, dass das ja furchtbar durchtrieben wäre, sollte das mutmassliche Opfer am Ende alles nur erstunken und erlogen haben. Sie sagt: «Die Chance für eine Verurteilung ist immer noch fünfzig-fünfzig. Deshalb ist dieser Fall so spannend.» Als ob es um Unterhaltung ginge.

Man geht von einem Urteil Ende Mai aus. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.04.2011, 09:57 Uhr

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