TV-Kritik: Gottschalks Selbstgespräch
Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 24.01.2012 12 Kommentare
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«Gottschalk Live» läuft jeweils Montag bis Donnerstag von 19.20 Uhr - 19.50 Uhr. Es soll ein Mix zwischen Frühstücksfernsehen und Late Night Show werden, bei dem sich die Zuschauer via Twitter, Facebook und Live-Chat einbringen können.
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Er hätte sich in Ruhe ins sonnige Malibu zurückziehen und sich mit seinen zahlreichen prominenten Freunden ein schönes Leben machen können. Aber nicht mit Thomas Gottschalk. Dem ist das offenbar zu langweilig. Nach seinem «Wetten, dass..?»-Aus will er bei der ARD die «Todeszone», wie er die an schlechten Quoten kränkelnde Stunde vor 20 Uhr nennt, zum Leben erwecken und vielleicht auch ein bisschen sich selber. Richtig motiviert wirkte er in seinen letzten «Wetten, dass..?»-Jahren jedenfalls nicht mehr.
Gestern Abend um 19 Uhr 20 war es so weit: Thomas Gottschalk lud in «Gottschalk Live» in sein neues ARD-Studiowohnzimmer mit grossen Ledersesseln auf beigem Teppich, einer Liege mit Britenflagge als Stoffbezug und einem klobigen Pult in Alu-Optik. Nebenan im Grossraumbüro mit dem riesigem Gottschalk-Gemälde an der Wand arbeitete sein junges, gut aussehendes Team, das gleich auch noch den Part des frenetischen Studiopublikums übernahm und johlte, lachte und klatschte, wann immer es nötig war. Gottschalk moderierte, als gäbe es kein Morgen in der «Todeszone», lief hin und her, erzählte dies und das.
Die Bedingungen der Diva
Jeden Abend von Montag bis Donnerstag will Thomas Gottschalk fortan eine halbe Wohlfühlstunde in die heimische Stube bringen und dabei weder von Rettungsschirmen noch von Wulff sprechen und auch nicht kochen. Das stellte er gleich klar. Auch kündigte er an, dass er die ARD-Krawatte auf keinen Fall anziehen und wie Günther Jauch alle Modedummheiten mitmachen werde, «nicht mit mir». Dafür werde es keine oberflächlichen Stars geben, die nur etwas promoten wollten. Nicolas Cage habe er deshalb tags zuvor wieder ausgeladen. Als Beweis blendete er ein Foto mit sich und Cage ein. «In dieser Sendung werden Sie alles erfahren, was Sie und mich interessiert.» Scheinbar weiss Thomas Gottschalk genau, was das ist: Thomas Gottschalk. So fand er zu jedem Thema den passenden Ich-Bezug. Und wenn nicht, dann schaffte er ihn sich selber.
Zuerst zeigte er ein 41 Jahre altes Video von sich, danach ein aktuelles Klatschheft-Cover mit der Titelstory «Schockierende Enthüllung – Gottschalks verarmter Cousin in Polen». «Andere Kollegen würden die verklagen, aber ich doch nicht.» Danach thematisierte er Heidi Klums Ehe-Aus und erwähnte rasch, dass er es gewesen sei, der sie vor 20 Jahren entdeckt habe, und dass nun der Moment wäre, irgendeinen Promi-Experten zu Wort kommen zu lassen. «Ich brauche das nicht, ich kenne mich aus.» So habe er vorhin mit Heidis Papa Günther telefoniert. Was dieser gesagt hatte, ging in Gottschalks scharfer Paaranalyse leider vergessen.
Drei Werbepausen in 30 Minuten
Schliesslich durfte doch noch ein Talkgast auftreten, Michael «Bully» Herbig. Sagen durfte er wenig, weil Gottschalk ihn ständig bremste. Nicht, um nachzuhaken, sondern um etwas über sich einzustreuen. Etwa das Paparazzo-Foto, das ihn vor ein paar Tagen vertraut mit seiner Sekretärin beim Dinner zeigte. Und wenn es nicht Gottschalk war, der Herbig mitten im Satz unterbrach, dann war es eine andere höhere Gewalt: die Werbung. Nichts mehr mit minutenlangem Überziehen, die ARD ist da knallhart.
Zeit für eine kurze Zwischen-Info: Bei «Gottschalk Live» können die Zuschauer aktiv dabei sein via Facebook, Twitter, Forum sowie halbstündigem Live-Chat nach der Sendung. Zurück zu Gottschalk und Herbig. Wo sind wir stehen geblieben? Ah ja, bei Herbigs neuem Film. Gottschalk wirkte ein wenig gehetzt, machte ein Durcheinander mit den Jahreszahlen, was er aber sofort für einen Gag nutzte («Ich musste mir drei Jahreszahlen merken und hab das auch getan – bloss in der falschen Reihenfolge»). Kaum war der Faden gefunden, ertönte aus dem Hintergrund eine Werbespot-Melodie, die das Gespräch übertönte. Kurze Werbeunterbrechung Nummer 2.
Theatralisches Ende
Wo waren wir diesmal stehen geblieben? Eine Zuschauerfrage an Bully Herbig via Twitter rettete Gottschalk. Beziehungsweise, so halb. Denn, unglaublich, aber wahr: Es folgte sogleich Werbeblock Nummer 3, dieses Mal gefolgt von einem ausgedehnten Meteo, das dem Wetteransager vermutlich den Auftritt seines Lebens bescherte. Drei Werbeunterbrechungen in dreissig Minuten, das muss der ARD erst mal ein Privatsender nachmachen. Wieder zurück im Studio, drängte Gottschalk seinen Gast zu einer kurzen Antwort, bevor er auf die Knie ging und das Publikum anflehte, beim nächsten Mal bitte, bitte wieder einzuschalten. «Ich brauche jeden Zuschauer!»
Ein theatralisches Ende eines Stücks, dessen Premiere etwas daneben ging. «Mensch Thomas, war dir das nicht auch zu kurz, zu zerfahren, zu zerhackt?», schrieb ein Zuschauer anschliessend im Live-Chat. «Naja, ich muss mich in das Zeitfenster noch reinwurschteln», antwortete Gottschalk, «unrecht hast du nicht.» Und ein anderer: «Hallo Thomas, Bully war eine echt gute Wahl für deine erste Sendung. Doch wozu kam er bitte in die Sendung, wenn er nicht mal richtig zu Wort kommt!?!» Gottschalks Antwort: «Och, er war zufrieden, mehr wollte er gar nicht sagen.»
Wer Gottschalk mag, ist in der neuen Sendung – sofern Thomas sich von den überflüssigen Werbepausen nicht mehr so sehr hetzen lässt – gut aufgehoben. Er versprüht die Aura einer Diva, die mit den Hollywood-Stars auf Du und Du ist, und gibt den Zuschauern gleichzeitig das Gefühl, nahe an ihn heranzukommen. Motiviert ist er ebenfalls wieder, was auf den einen oder anderen spontanen Gag hoffen lässt. Aber mit der gestrigen Premiere hat er in der «Todeszone» nur dank einem grosszügigen Anfängerbonus überlebt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 24.01.2012, 09:53 Uhr
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12 Kommentare
So, nun wissen wir es also. Alle, welche gestern nicht dabei waren, dürfen nun das nächste Mal hineinschauen. Ich denke, dass dann viele Zuschauer genug gesehen haben. Den Gottschalk wollen wir (will ich) nicht mehr sehen. Der Mann hat seine narzistischen Züge in den letzten 30 Jahren zur Genüge ausgelebt. Ich bin sicher, dass seine neue Sendung bald der Vergangenheit angehören wird - Wetten dass! Antworten
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