Kultur

TV-Kritik: Gutes Sterben, schlechtes Sterben

Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 19.11.2010 9 Kommentare

Eine britische Ärztin wählte den Freitod bei Dignitas – begleitet von einem Fernsehteam – und löste damit heftige Diskussionen aus. Der Spielfilm zur wahren Geschichte lief gestern erstmals in der Schweiz.

1/7 Eine Woche vor ihrem Tod erklärt Dr. Anne Turner (gespielt von Julie Walters) gegenüber BBC, warum sie in der Schweiz sterben will. Die Szene aus dem Spielfilm hat sich...
Bild: SF

   

«Es ist Zeit, einen Flug zu buchen für eine kurze Reise in die Schweiz», sagt die 66-jährige Anne Turner (gespielt von Julie Walters) am Weihnachtsabend zu ihrer Tochter. Bestürzung und Resignation machen sich breit auf deren Gesicht. Kurz darauf sehen wir Anne Turner, gestützt von ihren Kindern, vor einem Zürcher Wohnhaus aus dem Taxi steigen. Auf der Türklingel steht: «Dignitas».

«Wir verbieten dir, dich umzubringen»

Es ist das Unverhoffte, die Frage nach dem Warum, die Angehörige von Selbsttötern oft am meisten quälen. Hätte ich es verhindern können? Die britische Ärztin Anne Turner lässt ihr Umfeld und die Öffentlichkeit an ihrem Freitod teilhaben. Der Spielfilm «Eine kurze Reise in die Schweiz» erzählt ihre wahre Geschichte. Vom Moment, als sie wegen ihrer Krankheit zum ersten Mal das Gleichgewicht verliert, sich im Café in die Hose macht und sich mit einem Plastiksack das Leben zu nehmen versucht, bis zum Moment, als sie sich in Zürich vor den Augen ihrer Kinder ein Glas mit der bitteren, todbringenden Flüssigkeit an die Lippen führt. Die Momente des Todes im unpersönlichen Zürcher Raum, der ausschaut wie ein verlassenes Altersheimzimmer, gehören zu den bewegendsten im Film.

Die Frage nach dem Warum kann Anne Turner einfach beantworten. Sie will nicht so enden wie ihr schwer pflegebedürftiger Mann. «Es ist verdammtes Pech, so abzutreten», meint Anne kurz vor dessen Tod, ohne zu ahnen, dass auch in ihrem Körper bald «eine Bombe explodiert. Langsam aber sicher». Progressive Supranukleäre Parese heisst die parkinsonähnliche Nervenkrankheit, die in wenigen Jahren zum Tod führt. «Fragt mich, was es ist, solange ich noch antworten kann», sagt Anne schnippisch zu ihren drei schockierten Kindern, um ihnen sogleich zu verkünden, dass sie sich das Leben nehmen wird. «Wir verbieten dir, dich umzubringen», empört sich der Sohn und die Tochter schreit: «Sei nicht so verdammt egoistisch!»

Keine Gesetzesänderung trotz Appell

Darf man sich das Leben nehmen? Darf man sich mit fremder Hilfe, einer Sterbehilfeorganisation, das Leben nehmen? In Grossbritannien ist die Sterbehilfe noch umstrittener als in der Schweiz und zudem verboten. Das ist der Grund, warum Anne Turner an einem Januartag vor vier Jahren in die Schweiz geflogen ist, begleitet von einem Kamerateam der BBC. Sie wollte damit eine Gesetzesänderung bewirken. «Bevor das Leben unerträglich ist, soll man die Möglichkeit haben, ihm ein Ende zu setzen. Oder wenigstens wissen, dass die Möglichkeit dazu besteht», so Turner in einem Interview eine Woche vor ihrem Tod. Das erleichtere das Leiden. Für sie als Ärztin sei das eine grundlegende Pflicht der Medizin.

«Es ist schrecklich, in ein fremdes Land gehen zu müssen, um zu sterben», meint die Britin Minuten vor ihrem Freitod zum Kamerateam. Sie ist gefasst. Eine andere Wahl als Dignitas scheint es für Turner dennoch nicht zu geben. Das Flehen ihrer Kinder kann sie genauso wenig umstimmen wie das Unverständnis ihrer Freundin: «Du bist ein Feigling.» Auf Wunsch von Anne Turner wurden die BBC-Aufnahmen nach ihrem Freitod in Grossbritannien ausgestrahlt. Sie haben zwar für heftige Diskussionen gesorgt, die erhoffte Gesetzesänderung konnte die 66-Jährige aber nicht durchsetzen.

Suizid ist nachvollziehbar

Der BBC-Spielfilm, der gestern erstmals in der Schweiz ausgestrahlt wurde, kommt teilweise etwas gar konstruiert daher und lässt einen zwischendurch fast vergessen, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt. Abgesehen davon zeigt er – ohne zu werten – das Leiden einer Ärztin, deren Krankheit täglich mehr Kontrolle über ihr Leben gewinnt, bis sie kaum mehr gehen und nur noch lallend sprechen kann.

Der Film zeigt am Beispiel der leidenden Kinder, dass ein angekündigter Suizid vielleicht noch schwerer zu ertragen ist, als ein unverhoffter, vor allem, wenn er vor den eigenen Augen geschieht. Gleichzeitig ist Anne Turners Entscheid nachvollziehbar angesichts ihrer zunehmenden körperlichen Qualen. «Es geht um die Wahl eines guten Todes und eines schlechten Todes», verteidigt der Sohn die Entscheidung seiner Mutter. Ob das Sterben in einer unpersönlichen Mietwohnung ein guter Tod ist, ist jedoch ein anderes Thema. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.11.2010, 08:57 Uhr

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9 Kommentare

Heiny W. Dürr

19.11.2010, 10:33 Uhr
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Wirklich jeder Mensch muss selbst bestimmen können, ob und wann er gehen möchte. Niemand und kein Staat hat das Recht dagegen zu sein. Antworten


Ramon Paxus

19.11.2010, 10:35 Uhr
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Ich kann nur hoffen, sollte ich eines Tages in der gleichen Situation sein, das ich den Mut aufbringe um den gleichen Weg zu gehen. Dieser Frau gebührt mein aufrichtiger Respekt. Antworten




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