Kultur

TV-Kritik: «Heisse Scheiss» mit Pannen

Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 29.03.2011 31 Kommentare

Joiz, der neue, interaktive Jugendsender, ist seit gestern 17 Uhr on air. Funktioniert hat fast gar nichts. Ein Einblick in vier Stunden des Grauens – mit kleinem Lichtblick.

1/16 Der neue Jugendsender Joiz setzt auf Interaktion via Facebook oder Skype. Allerdings gab es in den ersten vier Sendestunden kaum eine Live-Schaltung,...
Bild: Screenshot Joiz

   

Joiz

Joiz kann über Kabel (analog und digital), Swisscom TV, Web-TV, diverse Streaming-Apps und über die Website Joiz.ch empfangen werden.

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«Wenn ihr über dreissig seid, dann schaltet doch auf SF um», sagt die Moderatorin und kommt sich ziemlich cool vor. «Wenn ihr hier (Moderator zeigt auf Stirn), hier (Moderator zeigt auf Brust) oder hier (Moderator zeigt auf Penis) noch nicht dreissig seid, dann könnt ihr hier bleiben.» Willkommen beim neuen Jugendsender der Schweiz, Joiz, eine Mischung aus «Joy» (Freude) und «Choice» (Wahl). Die Choice, jetzt umzuschalten, fällt weg für mich. Bleibt die Hoffnung auf vier Stunden Joy.

Die professionell gemachten Trailer, die schon den ganzen Tag gelaufen sind, versprachen einiges. Da waren lässige, gut aussehende junge Leute, die ihre coolen Sendungen auf Joiz anpriesen: ein Topmodel, das in fremde Schränke schaut, eine burschikose Rothaarige, die aus fremden WG-Kühlschrankinhalten etwas Essbares kocht (selbstgemachte Hotdogs zum Beispiel) oder ein hippes Geschwisterpaar, das in L.A. als Musiker durchstarten will. Via TV, Live-Stream im Internet und sogar via Handy würden wir dabei sein können– und dabei auch noch live mitmischen via Facebook, Skype oder Webcam. Es klang alles so gut, so innovativ, das Wohlwollen war da (ehrlich!). Und dann war 17 Uhr.

Üble Qualität

Das TV-Bild ist für einen Moment eingefroren, der Live-Stream im Internet rund 20 Minuten lang schwarz. Auf der Facebook-Seite von Joiz bricht Unruhe aus. «Wilmaa funktioniert nicht!», «Ich kann mich nicht registrieren», «Bei mir in Basel nix ausser blauer Bildschirm». Die Technik hat versagt. Und eins vorweg: Es wird nicht besser. Nach zwei Stunden Sendezeit wird keine einzige Live-Schaltung funktioniert haben. Entweder ist gar niemand im Bild oder schlecht. Und wenn jemand richtig im Bild ist, dann ist er entweder gar nicht oder fast nicht zu hören.

Oder die Schaltung ist so offensichtlich getürkt, dass es peinlich ist. Beispiel: die Beratungssendung «joiZoneLove» mit «Doktor Sex». Es geht um das Thema «Virtuelles Fremdgehen». Da! Endlich eine Zuschauerin, die mitmachen will: Anne, 27, aus Zürich erscheint via Webcam. Schnell wird klar: Die hat überhaupt keinen Plan und erst recht keine Frage. «Wie findest du die Sendung?», versucht Moderatorin Alexandra den Beschiss zu vertuschen. Und prompt verplappert sich Anne: «Ich bin grad zugeschaltet worden und hab noch nicht die Chance gehabt, die Sendung zu schauen.»

«Hände aus den Hosensäcken!»

Glück gehabt, Anne! Sei froh, hast du die ersten beiden Stunden verpasst. Das erste Moderatorenduo, das als Alleskönner angekündigt war, kriegte überhaupt nichts hin. Die beiden machten auf supercool, verhaspelten sich ständig und waren noch hölzerner, als Giacobbo/Müller zu Anfangszeiten. Haben die vorher mal geübt? Die Macher hatten im Vorfeld gesagt, sie wollten extra keine Leute, die nur gut aussehen und Textli vom Teleprompter ablesen, sondern lieber solche, die polarisieren. Das tut Gülsha. Markenzeichen: Lippenstift und übersteigertes Selbstbewusstsein. Die fand alles «wow» und «uhuu!» und «huere cool» und prahlte damit, dass sie auf Twitter mehr Follower habe als ihr Moderationskollege Schimun, der derweil via Facebook eins aufs Dach bekam.

«Hände aus den Hosensäcken!» «Nimm die verdammten Hände aus dem Hosensack, du Sack.» «Die Perspektive ist furchtbar. Grosse Oberkörper, kurze Beine.» Die Sendung an sich, Noiz, das angebliche Pendant zur «Tagesschau», war völlig inhaltslos. Wir sahen ein dröges Youtube-Filmchen über Steven Seagal (kennt den überhaupt jemand aus der Zielgruppe?), den «Heisse Scheiss» des Tages (einen Musikclip) oder einen Printausschnitt aus «20 Minuten» über Kate und Williams Hochzeit. Die Erkenntnis: Die männlichen Gäste müssen in der Kirche den Zylinder ausziehen, weil Gott sonst eifersüchtig wäre. Soll das lustig sein? Der einzige wirkliche Lichtblick des ersten Sendeabends war der Rapper Knackeboul, der mit seinen live improvisierten Rap-Einlagen sowohl im Studio als auch auf der Gasse begeisterte. Auch das Live-Interview mit Beat Schlatter war eine unverhoffte Freude.

Nein, das war heute nichts mit Joiz. Die Technik miserabel, die Inhalte flach, die Moderatoren nur teilweise überzeugend. Den interaktiven Usern jedoch scheint dies egal zu sein. Klickt man auf die Facebook-Seite von Joiz, findet man dort lauter begeisterte Einträge. Alles ist so «wow» und «uhuu!» und «huere cool» wie bei Gülsha. Ob die Anfangseuphorie anhält, hängt nun von der Qualität der angekündigten Sendungen und den übrigen Moderierenden ab, vor allem aber von der Technik. Bekommt Joiz die Probleme nicht rasch in den Griff, wird aus dem Segen der Interaktion ganz schnell ein Fluch und aus dem «heisse Scheiss» ein «huere Scheiss». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.03.2011, 09:52 Uhr

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31 Kommentare

Deejay Sanuk

30.03.2011, 03:12 Uhr
Melden 3 Empfehlung

ich bin 45 und moechte eine Klage wegen altersdiskriminuerung einreichen. es geht doch nicht an dass die alles nachmachen was wir schon lange gemacht haben und uns dann noch diskriminieren. ich will mein recht auf einen ab 43 sender mit meinem idol roger schawinski als ansagedame in netzstruempfen. Antworten


Lukas Huwiler

29.03.2011, 14:23 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Joiz soll wohl antibünzlig sein, aber gibt es etwas Bünzligeres als partout cool sein zu wollen? Wer's nötig hat sich so anzubiedern, hat doch ein Problem mit dem Selbstvertrauen, allem Schein zum Trotz. Antworten




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