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TV-Kritik: Hugh Grants Bums-Schlitten

Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 15.08.2012 45 Kommentare

Die britische Autoshow «Top Gear» versetzt wöchentlich 350 Millionen Fans weltweit in Ekstase. Warum bloss? Seit gestern wissen auch wir Schweizer: An den Autos liegt es nur am Rande.

1/17 Diese Rennstrecke ist zwar kerzengerade, deren Ende ist aber dennoch nicht zu sehen, «wegen der Erdkrümmung», sagt Moderator James May und schon sitzt er drin...
Bild: Screenshot SRF

   

Hugh Grants «Piep»-Auftritt bei «Top Gear»

Der Bugatti Veyron im Test

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Ganz ehrlich: Ich habe gar kein Auto. Und noch weniger habe ich eine Ahnung von Autos. Es löst bei mir null Emotionen aus, wenn ich Dinge höre wie 16 Zylinder, 10 Kühler, 1001 PS und das alles verpackt unter einer einzelnen Autohaube eines wohlklingenden Modellnamens. Das ist aber offenbar kein Ausschlussgrund, wenn es um die britische Autosendung «Top Gear» geht; denn Autos sollen gar nicht das Wichtigste sein, wie da und dort zu lesen ist.

«Top Gear» von BBC holt einmal pro Woche eine Stunde lang 350 Millionen Zuschauer weltweit vor den Fernseher. 2005 wurde die Autosendung mit einem internationalen Emmy für die beste Entertainmentshow ausgezeichnet. Seit gestern Abend ist sie auch auf SF 2 zu sehen. Es muss wohl etwas dran sein. Aber was bloss?

Schneller als Schumacher

Moderator Jeremy Clarkson eröffnet die Sendung, steht in einem abgedunkelten Raum, umringt von Publikum, fast wie bei einem Unplugged-Konzert. Clarkson ist Brite, leicht ergraut, beige Anzugjacke, gestreiftes Hemd, keine Frisur. Auf eine Stylistin hört er ziemlich sicher nicht. Er kündigt einen Beitrag mit seinem Kollegen James May an, der dafür eine umso auffälligere Frisur trägt, die knapp über den Schultern endet. Auch er kein Mann, der die 350 Millionen Zuschauer wegen seines Sex-Appeals vor den Bildschirm bekommt. «Bis der in die Gänge kommt, sind seine Haare um zwei Zentimeter gewachsen», stichelt Clarkson. Es ist der Neid, der aus ihm spricht.

Denn May steht auf dem VW-Testgelände in Niedersachsen, umzingelt von kilometerlangem Maschendrahtzaun. Die Musik ist dramatisch wie in einem Thriller, kein Mensch weit und breit, der Beitrag ist wie ein Videoclip geschnitten, schnell, mit unkonventionellen Kameraeinstellungen. May kann sich gleich in einen Bugatti Veyron setzen! Das schnellste Serienauto der Welt! Mit einer maximalen Geschwindigkeit von 407 Kilometern pro Stunde! Angeblich noch schneller als Michael Schumacher mit seinem Formel-1-Boliden!

Dies führt er auf einer geheimen Rennstrecke vor, die zwar kerzengerade und so unendlich lang ist, dass deren Ende nicht sichtbar ist – wegen der Erdkrümmung. Der gute Mann trägt Helm und Anzug, ist ganz aufgeregt, er will bis ans Limit, drückt aufs Gaspedal. «Ich fahre ein Fussballfeld pro Sekunde! 720 PS! Die Reifen halten 50 Minuten bei dem Tempo! Egal, nach 12 Minuten ist sowieso der Sprit alle!», schreit er nacheinander Informationen ins Mikrofon, während er auf die Erdkrümmung zufährt. Ja, dem Mann gefällt sein Job.

Stimmung wie im Pfadilager

Zurück ins Studio, wo wir bei den News erfahren, dass der Porsche Cayenne «noch nie gut ausgesehen hat» und dass ein Renault Clio selbst bei einem Rennfahrer eine gebeulte Hose hinterlässt (PR-Beweisfoto inklusive). Als Nächstes geht es darum, herauszufinden, welches der drei Sportcoupés Audi TT, Alfa Romeo Brera und Mazda RX 8 das beste Auto ist. Streitend treten die drei Moderatoren gegeneinander an, Richard Hammond ist der Dritte im ungleichen Trio. Die Stimmung erinnert an aufgedrehte Jungs am Pfadilagerfeuer. Bloss dass diese Jungs hier allesamt angegraute Haare haben.

Die aufwendig produzierten Beiträge erinnern an Autogames für Playstation und Co.: Dauermusik im Hintergrund, schnelle Schnitte, unkonventionelle Kameraeinstellungen, weite Landschaften ohne Menschen oder andere Autos. Die Bilder sind so ästhetisch, dass man fast zu jedem Zeitpunkt die Stopptaste drücken könnte und ein prima Fotosujet hätte für den Bilderrahmen hinter dem Sofa. Es wird mit Filtern gearbeitet, die an die Optik eines verblassten Polaroidfotos erinnern.

«Das ist ja potthässlich!»

Bald wird klar, weshalb «Top Gear» wohl unter anderem so erfolgreich ist: «Der neue Audi TT ist wie eine Kuh in einem Renndress.» «Das Interieur ist ja potthässlich.» «Der Mazda RX 8 ist ja oberspiessig.» Das ist keine gewählte PR-Sprache, das sind für SF-Zuschauer-Ohren ungewohnt direkte Worte, die bis an die Gürtellinie reichen, was wiederum die eine oder andere Frau augenrollend zum nächsten Fernsehsender zappen lässt.

Der spätere Studiogast Hugh Grant setzt noch ein paar drauf. Mehrmals wird er mit einem «Piep» übertönt. «Du als Hollywoodstar fährst bestimmt einen Toyota Prius», lautet die Anfangsfrage an den Schauspieler. Nein, er habe bislang entweder «kleine Wichser-Kisten gefahren oder Bums-Schlitten» wie Aston Martin, Porsche oder Bentley. Letzteren habe er nach einem halben Jahr wieder zurückgegeben, weil ihm beim Fahren die Eier geschmerzt hatten. Das Publikum tobte, was Grant und die Moderatoren noch mehr anstachelte.

Üble Synchronisation

Ärgerlich ist bloss, dass man bei der Synchronisation von «Top Gear» geschlampt hat. Die ist im Stile dieser Dauerwerbesendungen, in denen amerikanische Frauen mit Sixpacks und blendenden Zähnen irgendwelche Geräte für einen flachen Bauch und einen knackigen Po anpreisen. Das Amerikanische wird dabei nur halbpatzig mit einer deutschen Stimme übertönt. Es empfiehlt sich, bei «Top Gear» auf den britischen Originalton umzuschalten.

Die Frage ist bloss: Wer ist die Schweizer Zielgruppe? Diejenigen, die damit liebäugeln, ein neues Auto zu kaufen, definitiv nicht. Die Sendung, die wir gestern zu sehen bekommen haben, ist mindestens fünf Jahre alt (erkennbar am Studiogast Hugh Grant, der seinen «neuen» Film «Music and Lyrics» aus dem Jahr 2007 vorstellte). Genauso alt sind demnach auch die «neuen» Autos.

«Top Gear» ist eher etwas für Freunde der ästhetischen Bilder, des schnellen Tempos und des frechen, britischen Humors. Gut möglich, dass sich das mit der Zeit ablutscht. «Top Gear» läuft in Grossbritannien zwar schon seit 18 Staffeln, in Deutschland wurde die Serie jedoch mangels Zuschauerzahlen nach wenigen Monaten abgesetzt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.08.2012, 08:25 Uhr

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45 Kommentare

Jack Muller

15.08.2012, 10:27 Uhr
Melden 75 Empfehlung 0

Empfehle insbesondere die Spezialsendungen! Indien, Bolivien, Naher Osten, Vietnam, Nordpol...
Bin übrigens alles andere als ein Autofreak. Aber was die BBC hier wieder mal bietet, ist unübertroffen... Einfach zum kaputtlachen, was die mit ihren Autos alles anstellen...
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Maximilian Gerber

15.08.2012, 09:46 Uhr
Melden 60 Empfehlung 0

Endlich mal eine Sendung für richtige Männer. Und informativ zudem.
Das der Porsche Cayenne nichts taugt, kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen - dann doch lieber einen Toyota Prius.
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