TV-Kritik: Man muss es den Männern schmackhaft machen

Viele Männer möchten Teilzeit arbeiten, wenige tun es. Warum das so ist, ergründete der gestrige «Club» mit interessanten Einsichten - zum Beispiel zum «Kollateralschaden des Feminismus».

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Es steckt eine kleine Provokation darin, wenn eine von Frauen verantwortete Sendung wie der «Club» sich das Thema «Teilzeitmann – halber Kerl?» aufs Programm schreibt. Eine Provokation, welche der berühmteste Hausmann der Schweiz, Bänz Friedli, gleich zu Beginn der Sendung aufgriff: Teilzeitmann, das sei ein Unwort, ein gnadenloser Begriff, denn das mit dem Mannsein funktioniere trotz Hausarbeit ganz gut.

Sollen, wollen, können sie nicht?

Damit waren solche Zweifel ausgeräumt, und die mit Teilzeitvätern, einem Hausmann und einem Vollblutpolitiker gut bestückte Runde unter der souveränen Leitung von Mona Vetsch konnte sich auf die wesentlichen Fragen konzentrieren, die da lauteten: Warum gibt es noch immer so wenige Männer in Teilzeitjobs, obschon sie laut Studien immer wieder ihren Wunsch bekunden, weniger zu arbeiten? Sollen, wollen, können sie nicht, und worum geht es bei dieser Frage eigentlich?

Um vieles, das zeigte der gestrige «Club», und pauschale Antworten greifen oft zu kurz. Schliesslich verschränken sich in der Frage ganz unterschiedliche gesellschaftspolitische, lebensweltliche und ökonomische Aspekte. Es geht um Ökonomie, Arbeitsrealitäten und Unternehmenskulturen. Vor allem aber geht es um Zeit, die wichtigste Ressource, um eine Familie oder eine Karriere aufzubauen. Und es geht um eine Wertefrage, nämlich welche Zeit welche Wertschätzung erfährt.

Kollateralschaden des Feminismus

So betonte Bänz Friedli vehement, dass Väterzeit mit Kindern nicht nur in Begriffen der Qualitytime gemessen werden könne, welche erschöpfte Väter nach Feierabend mit ihren Kindern verbringen. Die Zeit mit den Kindern sei die wertvollste Zeit überhaupt, wobei Quantität eine wesentliche Rolle spiele. Als Problem sieht er die fehlende Wertschätzung, welche der Hausarbeit entgegengebracht werde. Dass diese immer noch gering geschätzt werde, sieht er als Kollateralschaden des Feminismus und fordert: «Man muss es den Männern eben schmackhaft machen.»

Eher ökonomisch denn moralisch argumentierte Wirtschaftsprofessorin Sibylle Sachs. Teilzeitmodelle für Männer würden auch ökonomischen Gewinn bringen. Väter eigneten sich in der Familienzeit Qualitäten wie Sozialkompetenz etc. an, was dem Unternehmen schliesslich einen Return on Investment bringe. Lebensweltlich argumentierte FDP-Präsident Philipp Müller. Die Frage, warum nicht mehr Männer Teilzeiter seien, sei zu eindimensional gestellt, befand er. Schliesslich gebe es in verschiedenen Lebensphasen verschiedene Bedürfnisse nach entweder mehr Familien- oder mehr Arbeitszeit.

An der Front schwieriger als im Backoffice

Insgesamt hielt die Runde ein paar wesentliche Punkte fest. Erstens existiert heute, gerade in den urbanen Zentren, eine moralische Erwartung an die Männer, sich als Väter mehr zu Hause zu engagieren. Tatsächlich ist der Wunsch nach mehr Teilzeitstellen ein reales Bedürfnis vieler Männer, weshalb Unternehmen angehalten sind, solche auch anzubieten, wenn sie sich attraktiv machen wollen. Umgekehrt haben viele Unternehmen gemerkt, dass auch Teilzeiter vollwertige Mitarbeiter sein können.

Noch ist diese Erkenntnis aber nicht flächendeckend durchgedrungen, und noch immer akzeptieren Unternehmen Teilzeitarbeit eher, wenn der Grund dafür etwa in einer Fortbildung liegt als im Wunsch, mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen. Das musste Unternehmer Christian Löhrer erfahren, weshalb er sich irgendwann mit seiner Frau selbstständig machte, um sein Teilzeitmodell leben zu können.

Zuletzt spielen aber immer unterschiedlichste Faktoren eine Rolle, wie Geri Aebi, CEO der Wirz-Gruppe, erläuterte: Es ist für kleinere Betriebe schwieriger, Teilzeitmodelle anzubieten, als für grosse. In einem Dienstleistungsbetrieb ist es schwieriger als in der Baubranche, an der Front ist es schwieriger als im Backoffice, und eine leitende Funktion ist ebenfalls schwierig, in Teilzeit zu bestreiten. Um es mit Philipp Müller zu sagen: Rasterdenken funktioniert hier nicht, es gibt nur individuelle Lösungen. Er sieht aber politischen Handlungsbedarf, um solche Lösungen auch anzubieten – ein Votum, das Bänz Friedli so begeisterte, dass er eine Parteimitgliedschaft in Erwägung zog. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 28.11.2012, 10:07 Uhr)

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