TV-Kritik: Micheline vergeigt den Mani Matter

Vor drei Jahren sang sie schon mal und nun sollte sie es wieder tun: Micheline Calmy-Rey. Was die Bundesrätin aus Mani Matters Lied «Dene, wo's guet geit» machte, erfüllte die hohen Erwartungen nicht.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Ja», strahlte Bundesrätin Calmy-Rey mit ihrem typischen Micheline-Grinsen, als Monika «Dirndl» Fasnacht sie zu Beginn der Sendung fragte, ob sie denn Musik möge. Dann wies die Jasserin der Nation betont geheimnisvoll darauf hin, dass Musik später noch eine Rolle spiele werde und Mundart ebenso.

Das wussten die Zuschauerinnen und Zuschauer natürlich längst. Schon vor Tagen hatten alle grossen Zeitungen und Newsportale getitelt, dass Micheline Calmy-Rey es im «Donnschtig Jass» wieder tut: singen. Das, nachdem sie vor drei Jahren schon einmal musizierend im Fernsehen aufgetreten ist. Bei TSR gab sie die Edith Piaf und sang «Les trois cloches», das Chanson, das die französische Sängerin berühmt gemacht hatte.

«Ich verstehe nicht Mundart»

Dieses Mal war die Schwierigkeitsstufe allerdings höher: Erstens ist Mani Matters «Dene, wo's guet geit» nicht sehr melodiös, also eher schwierig zu singen, und zweitens ist es in Berndeutsch. «Ich verstehe nicht Mundart», stellte Bundesrätin Calmy-Rey gleich klar. Mit charmantem Lächeln und ihrem neckischen, grauen Hütchen hatte sie jedoch alle in der Tasche. Vor allem die Einheimischen vor Ort. Das Wallis sei für sie Familie, Natur, schöne Landschaften, sagte die Bundesrätin, die in der Kantonshauptstadt Sitten zur Welt gekommen ist.

Nun konnte es losgehen mit der Runde Nummer 1 zwischen Altdorf und Andermatt. Für alle, die mit Jassen wenig am Hut haben und eigentlich nur die Bundesrätin singen hören wollten, wurde es nun ein wenig langweilig. Nach Runde 1 fing es jedoch an zu stürmen und Micheline Calmy-Rey war wieder im Bild. Singt sie nun? Noch nicht. Monika Fasnacht wollte mit ihr lieber über den Sturm im Bundesrat reden. Ja, es seien schwierige Zeiten gewesen, vor allem die beiden Verhandlungsjahre mit Libyen.

«Ich habe ein gutes Gewissen»

«Ich habe aber meine Pflicht erfüllt und meine Arbeit gemacht. Ich habe ein gutes Gewissen und schlafe gut», so Calmy-Rey selbstbewusst. Mehr Selbstvertrauen wünschte sie sich auch für die Schweiz, die ein Musterbeispiel sei, was die Finanzen und die Arbeitslosigkeit betreffe. Was jetzt komme, sei ein steiniger Weg in der Europapolitik. Zuerst aber fasste sie noch ihre Aufgabe: Trauen Sie sich zu, den Mani-Matter-Songtext «Dene, wo's guet geit» in perfektem Berndeutsch wiederzugeben? Sie schaute im Einspieler aus dem Bundeshaus ein wenig skeptisch, nahm die Herausforderung jedoch an.

Klischees und rosa Hütchen

Runde 2 im Donnschtig Jass. Trinkpause für die Jass-Banausen. Der Sturm in Visp wurde immer heftiger, die Wolken immer dunkler. «Der ganze Tisch wackelt ja!», klagte Monika Fasnacht. Hoffentlich muss die Sendung nicht abgebrochen werden, dachte man sich auf dem heimischen Sofa. Calmy-Rey muss doch noch singen! Nach viel Walliser Klischee mit Trachten und Wein folgten Jassrunde Nr. 3 und ein zweites Hütchen. Diesmal war das Hütchen rosa und gehörte Michel Villa, dem Walliser Entertainer, der vor über 30 Jahren mit seinem Song «Der Tifel isch gschtorbe» bekannt worden war. Das Playback passte so wenig auf Villas Lippen wie sein Hütchen zum rot-pink gemusterten Gilet.

Inzwischen goss es in Visp wie aus Kübeln, Micheline Calmy-Rey grinste jedoch immer noch, selbst beim Auftritt des Komikerduos «Hösli & Sturzenegger», die Gags auf Lager hatten, wie sie in jedem schlechten Witzbuch stehen. Dann wurde es ernst. 64 Prozent der Zuschauerinnen und Zuschauer trauten Micheline Calmy-Rey ihre Aufgabe zu und diese strahlte wieder.

Wo ist die Melodie?

Schaltung ins Bundeshaus. «Der Text des Liedes hat mir sehr gefallen. Es erinnert mich an Boni. Die muss man auch an alle verteilen, damit es allen gut geht», erklärte Micheline Calmy-Rey in ihrem Büro. Aha, die Aufgabe wurde also bereits gelöst. Okay. Jetzt aber Ohren auf, und? Wie klingt sie als Mani Matter? Doch nichts mit Musik, nichts mit Melodie. Calmy-Rey las Mani Matters Songtext einfach ab und erst nur den halben.

Welch eine Enttäuschung! Kein Gesang! Mit dem Berndeutschen klappte es bereits beim dritten Wort nicht mehr. Der «Schiedsrichter», ein ETH-Professor, war nach der zehnsekündigen Darbietung dennoch aus dem Häuschen. Wegen ihres französischen Akzents klinge es wie früher beim Berner Patriziertum. Und Calmy-Rey fügte an: «Vielleicht werde ich nächstes Mal singen.» Ja, aber warum hat sie es denn nicht gleich getan? Hat sie wollen und nicht dürfen, oder wie? Haben die Medien etwas falsch verstanden? Was sollte das? War die Teilnahme am Donnschtig-Jass einfach Goodwill? Ein Versuch, Sympathiepunkte zu sammeln?

Bei der Schaltung zurück auf den fast leeren Visper Dorfplatz grinste Calmy-Rey immer noch. Danach wars rasch aus mit der nassen Sendung. Was blieb, war das Gefühl, veräppelt worden zu sein. Calmy-Rey war zwar durchaus sympathisch und hatte sich Mühe gegeben. Aber irgendwie hatte man auch ein bisschen Mitleid mit ihr. Genau wie man auch mit Bundesrat Merz ein bisschen Mitleid hatte, als er bei Ghadhafi in Libyen abgeblitzt war. Was auch immer der Plan war, wie gut gemeint er auch sein mochte, er dürfte kaum aufgegangen sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.07.2010, 21:45 Uhr

Aussenministerin in der Folklore-Sendung: Micheline Calmy-Rey (l.) und Moderatorin Monika Fasnacht. (Bild: Keystone )

Artikel zum Thema

Mit Mani-Matter-Song gegen das Formtief

Aussenministerin Micheline Calmy-Rey steht arg in der Kritik. Da kommt ein Auftritt im «Donnschtig-Jass» des Schweizer Fernsehens gerade recht. Mehr...

Abo

Digitale Abos - Neu ab 18.- pro Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen. Flexibel und jederzeit kündbar
Neu nur CHF 18.- pro Monat

Kommentare

Abo

Digitale Abos - Neu ab 18.- pro Monat

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Jetzt neu ab 18.- CHF pro Monat.

Die Welt in Bildern

Männchen machen für einen Heiligen: Auf den Hinterbeinen bahnen sich Pferd und Reiter ihren Weg durch die Menschenmenge in Ciutadella auf der spanischen Insel Menorca. Das ist Brauch während des San-Juan-Fests – und wer die Brust des Tieres streicheln kann, soll vom Glück gesegnet werden. (23. Juni 2017)
(Bild: Jaime Reina) Mehr...