Kultur

TV-Kritik: Mord und Fettnäpfchen

Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 28.11.2011 34 Kommentare

Wo war Gott in Auschwitz? Und wie sagt man dem jüdischen Käppi? Der gestrige «Tatort» wollte einem das Judentum näherbringen. Ganz koscher war das nicht.

1/9 Ein ganz und gar nicht normaler Fall: Die Polizisten Leitmayr und Batic ermitteln in der jüdischen Gemeinschaft Münchens.

   

Kritik, Rating, Diskussion

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Folge: «Ein ganz normaler Fall»

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Auf seiner Mission, ein Streiflicht auf allerlei gesellschaftliche Minoritäten zu werfen, kam der «Tatort» gestern in der jüdischen Gemeinschaft Münchens vorbei. Dort hatte man einen Toten zu beklagen, der in der neuen jüdischen Synagoge gefunden wurde: Treppensturz, natürlich mit Fremdeinwirkung.

Zu lösen hatten den Fall die beiden Kommissare Leitmayer und Batic – und zwar mit «Fingerspitzengefühl», wie ihr Staatsanwalt bemerkte. Klar: Deutsche Polizisten, die im jüdischen Milieu Leute verhören; das weckt ungute Erinnerungen. Wie die beiden Polizisten Fettnäpfe fürchtend in der jüdischen Gemeinde ermittelten, sollte denn auch der Running Gag des Films werden.

Auf Verrat steht der Tod

Doch zurück zum Fall. Bei der Leiche waren die Buchstaben M O S E R mit Blut auf den Boden gemalt. «Din Moser» ist ein altes jüdisches Gesetz, das besagt: «Wenn ein Jude im Begriff ist, einen anderen Juden zu verraten, darf man ihn töten». Gilt dieses Gesetz heute noch? Und was hatte Jonathan Fränkel, ein orthodoxer Jude, der die Leiche fand, zu verbergen?

Schon der Auftakt des gestrigen «Tatorts» machte klar: Nicht um eine Mörderjagd ging es, sondern um das Zusammenleben von Juden und Nicht-Juden. So erfuhr der Zuschauer, dass der Sabbat beginnt, wenn es dunkel wird. Und dass das Käppi der Juden Kippa heisst. Solche Belehrungen wurden meist in einem komischen Kontext vorgebracht. Etwa wenn Jonathan Fränkel vor der Polizei floh, um dann plötzlich stehen zu bleiben – weil er sich am Sabbat nicht mehr als 2000 Ellen fortbewegen darf.

Dass weder Juden noch die Polizisten der Lächerlichkeit preisgegeben wurden, ist das Verdienst des Films. Wenn schon, dann teilte man auf beide Seiten aus. Nachdem Fränkel urplötzlich stehen blieb, verhafteten ihn die beiden Polizisten. Dabei fiel ihm die Kippa vom Kopf, was die Polizisten aber nicht weiter störte. Auf seine religiösen Gefühle nahmen sie keine Rücksicht – nicht weil sie sie nicht kümmerten, sondern weil sie sie nicht kannten. So weit, so ignorant. Dumm nur, wurde die Szene von zwei Jugendlichen beobachtet und landete am nächsten Tag in der Zeitung.

Polizist des Jahres

Der Eiertanz um die Political Correctness wurde hübscherweise anhand der beiden Kommissare verstärkt: Hier der deutsch-verkrampfte Leitmayr, der in seiner Jugend den Ausflug nach Dachau verschlafen hatte, dort der im Kommunismus aufgewachsene Atheist Batic. Dass das Ganze nicht zu einem moralinsauren Lehrstück verkam, verdankte die Folge nicht zuletzt ihnen. Zumal sie sich in einem lächerlichen betriebsinternen Wettbewerb befanden, den sie heimlich beide gewinnen wollten: Polizist des Jahres.

Dazwischen uferte der Blick in die jüdische Parallelwelt in eine veritable Religionsstunde aus. Wo war Gott in Auschwitz? Gibts Gott überhaupt? Solche Fragen wälzt man im «Tatort» sonst eher selten. Mehr Dialog, weniger Vorurteile, lautete die Botschaft. Doch was für das Zusammenleben von Juden und Christen stimmt, gilt leider nicht für einen Krimi. Die Spannung war quasi nicht ganz koscher, sie litt unter dem intelligenten, aber wortlastigen Drehbuch und der Absicht, dem Zuschauer die Komplexität des jüdischen Glaubens näherzubringen. Auch weil der Film auf Dauer den Fehler machte, den er anprangerte: Er legte wahnsinnig viel Fingerspitzengefühl an den Tag.

Doch wir Schweizer haben gut reden – oder nicht? Meinungen bitte unten eintragen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.11.2011, 10:32 Uhr

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34 Kommentare

Karl Buschweiler

28.11.2011, 10:52 Uhr
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Einer der besten Tatort-Folgen schlechthin. Keine moralischen Vorwürfe, sondern einfach ein Aufzeigen wie wir uns mit der Geschichte schwer tun, nicht nur die Deutschen, auch wir Schweizer. Ein ausgezeichneter André Jung als Rabbiner Grünberg. Dieser Tatort verlangte viel vom Zuschauer; 90 Minuten volle Konzentration, um die Dialoge mitzubekommen und zu verstehen, was die Botschaften sein sollen. Antworten


Daniela Mueller

28.11.2011, 10:40 Uhr
Melden 38 Empfehlung

Ich fand den gestrigen Tatort sehr gut. Endlich mal wieder ein Tatort, der trotz des ersten Themas auch intelligenten Humor zeigte und sich nicht in Düsterkeit, in seltsam intellektuellen Verrenkungen oder im Zuviel-Wollen verliert. Antworten




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