TV-Kritik: Müslüm betanzt den Amstutz
Von Rico Bandle. Aktualisiert am 08.12.2010 93 Kommentare
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Man könnte diese Art von Sendungen Konkordanz-Sendungen nennen: Man bespricht ein übergeordnetes Thema, jede Partei und jede Generation ist ausgeglichen vertreten, alle beschwören die Gesprächskultur und den Willen zur Zusammenarbeit. Und wie bei der Konkordanz in der Politik gilt auch für Konkordanz-Sendungen: Sie sind zwar sympathisch, in der Regel aber unspektakulär wenn nicht gar langweilig – bis jemand ausschert. Das galt auch für die Sonderausgabe des «Club» unter dem Titel «Talk der Generationen – Radikale Parolen, maximale Gewinne: Verludern Politik und Wirtschaft?».
In der ersten Gesprächsrunde mit gestandenen Politikern und Wirtschaftsvertretern waren sich vom SVP-Mann Adrian Amstutz über den Raiffeisen-CEO Pierin Vincenz bis zum Caritas-Direktor Hugo Fasel alle einig: Gewisse Exzesse der Banken sind degoutant, selbst der Millionenverdiener Vincenz zeigte Verständnis für Forderungen nach Boni-Begrenzungen. SP-Vorzeigefrau Pascal Bruderer meinte: «Werte sind der Kitt unserer Gesellschaft.» Und alle nickten zustimmend. Zwischendurch wurde das Publikum nach seiner Meinung gefragt, was zu Kurzdialogen wie diesem führte: «Ist die Diagnose der Runde richtig?» Gast: «Ja.» – «Was soll man also tun?» – «Da kann ich nichts Gescheites dazu sagen.»
Wo sind die Grenzen des Anstands?
Auch darüber, dass man in der Politik bei allen Meinungsverschiedenheiten anständig miteinander umgehen soll, herrschte Einigkeit. Doch was ist Anstand? Co-Moderatorin Christine Maier sprach Adrian Amstutz auf die «Arena» zur Ausschaffungsinitiative an, als er Bundesrätin Simonetta Sommaruga vorhielt, sie lüge («Sie erzählen einfach einen Seich nach dem anderen, Frau Bundesrätin»). Das Thema scheint Amstutz noch immer aufzuwühlen. Vehement hielt er daran fest, dass Sommaruga «nachweislich gelogen» habe. «Ä lugi isch ä lugi!», sagte er sichtlich aufgebracht, man könne eine Lüge nicht einfach «schön verpacken». Einzelne Zuschauer buhten ihn in der Folge mehrmals aus – wohl dieselben Leute, die sonst immer gleich nach Anstand rufen. Auch von den übrigen Gesprächsteilnehmern konnte er keine Unterstützung erwarten, worauf Christine Maier beruhigen musste: «Das soll nicht zu einem Tribunal werden.»
Amstutz sah sich bereits in die Situation «alle gegen die SVP» gedrängt, da kündete Maier den Auftritt der Kunstfigur Müslüm (Semih Yavsaner) an. Der Komiker aus der linken Berner Szene, präsentierte als verkleideter Samichlaus ein Protestlied gegen die Annahme der Ausschaffungsinitiative. Zu orientalischer Musik tänzelte er um Amstutz und die anderen Gäste herum und verspottete unter anderem ein prominentes SVP-Mitglied. «Wunderschöne Tag Herr Mörgeli, haben Sie denn heute keni Sörgeli? Chömmet mir spile mit em Handörgeli bis am Mörgeli (...)», heisst es in dem Lied, das auch auf Youtube ein Hit ist. Ob das Amstutz gefallen hat, darf bezweifelt werden, sicherlich sehen sich durch diesen Auftritt all jene bestätigt, die schon immer gewusst haben wollen, dass das Schweizer Fernsehen ein linkes Medium ist.
Junge imitieren Alte
Die Runde mit den gestandenen Politikern und Wirtschaftsvertretern wechselte sich mit einer Gruppe von Jungpolitikern aus allen Lagern ab. Auffallend war, wie sehr die Jungen das Vokabular ihrer älteren Vorbilder übernehmen. Zu Recht meinte Holcim-Verwaltungsratspräsident Rolf Soiron: «Die Jungen sollen nicht den Bildern der Gesellschaft nachhängen, sondern die Realität so sehen, wie sie für sie ist.» Gegen Mitternacht ging die zähflüssige Sendung erst zu Ende. Was einmal mehr zeigte: Demokratie kann sehr anstrengend sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 08.12.2010, 09:50 Uhr
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93 Kommentare
Könnte man nicht das Schweizer Fernsehen von seinem Informationsauftrag befreien und dies der Privatwirtschaft überlassen? Dann hätte man keine Gebühren und keine Billag mehr. Und die Leute, die sowas produzieren wollen, dürften das, aber auf eigene Kosten. Antworten
@Daniel Graf: Ganz starker Beitrag, Herr Graf. Man muss sowas aber gar nicht unbedingt in ein Mediengesetz aufnehmen; der gesunde Menschenverstand allein sollte schon verbieten, dass man in solchen Sendungen immer die gleichen, phrasendreschenden Haudraufs berücksichtigt. Es muss doch selbst in der SVP jemand zu finden sein, mit dem sich anständig diskutieren lässt. Antworten
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