TV-Kritik: Nach dem Crash ein Gruppengespräch
Von Linus Schöpfer. Aktualisiert am 10.08.2011 48 Kommentare
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«Wie kann der Werkplatz Schweiz gerettet werden?», so lautete die dramatische Fragestellung, welche der Diskussionsrunde zugrunde lag. Und in der Tat schien die ungewöhnliche Wortwahl der «Club»-Produzenten an diesem Dienstag angemessen angesichts eines SMI, der zeitweise um fünf Prozent einbrach, eines Frankens, der eine Stunde vor Sendebeginn die Parität zum Euro so gut wie erreicht hatte, und einer UBS-Aktie, die unter die neuralgische Marke von zehn Franken fiel.
Drohende Rezession
Über den Ernst der Lage waren sich denn auch alle Teilnehmer einig. Hans Hess, Präsident des Industrieverbands Swissmem und Economiesuisse-Vize, erklärte, dass viele Unternehmen spätestens 2012 «gegen die Wand» fahren könnten, dann nämlich seien die noch vor dem Crash und zu besseren Konditionen eingeholten Aufträge abgearbeitet. Bereits jetzt lebte ein Drittel der Industriefirmen von der Substanz.
Ähnlich pessimistisch äusserten sich Daniel Lampart vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund («Eine schwere Rezession droht») und Seco-Leiter Serge Gaillard («Die Krise greift über auf sämtliche Firmen, die mit dem Ausland in Konkurrenz stehen»).
Klares Wechselkursziel soll ausgegeben werden
Bezüglich der zu ergreifenden Massnahmen bestand im Grundsatz ebenfalls Konsens: Die Nationalbank solle sich auf ein klares Wechselkursziel festlegen und dieses konsequent verteidigen, um weiteren Franken-Spekulationen vorzubeugen. Bei der Frage, wo genau diese Untergrenze liegen soll, gingen die Meinungen allerdings auseinander. Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann schlug die Anvisierung eines Euro-Wechselkurses von 1.10 Franken vor.
«Das wäre verheerend», monierte SGB-Chefökonom Lampart, und Gaillard erklärte, bei einer Konsolidierung dieses Kurses habe die Schweizer Wirtschaft eine mehrjährige Stagnation sowie eine wachsende Arbeitslosigkeit zu gewärtigen.
«Wenn wir nichts tun, werden die Kosten enorm sein»
Straumann erwiderte, dass auch sein Ziel ein deutlich schwächerer Franken sei, dass mit der Festsetzung der relativ tiefen Untergrenze von 1.10 aber ein glaubwürdiges Signal an den Devisenmarkt ausgesendet werden könne, das eine Trendwende hin zu einem erträglichen Wechselkurs einzuleiten vermöge. Das Risiko zu scheitern, gab Straumann zu, sei dabei durchaus gegeben (im April 2010 vermochte es die Nationalbank nicht, einen Kurs von 1.40 zu verteidigen). Dies nicht zuletzt deshalb, weil der Euro noch immer keine gefestigte Währung sei. «Aber wenn wir nichts tun, werden die Kosten enorm sein», warnte er.
Am Nutzen einer Untergrenze zweifelten lediglich zwei Gesprächsteilnehmer: der Luzerner Biskuit-Fabrikant Werner Hug und Peter Bodenmann. Während der wortkarge Hug ein leicht resigniertes «Schön wärs!» verlauten liess, gefiel sich Hotelier Bodenmann in der Rolle des rabaukigen Outlaws.
Bodenmann polemisch wie eh und je
Der frühere SP-Präsident machte keinen Hehl daraus, dass er eine radikalere Lösung, nämlich die Übernahme des Euro, favorisiert; die Befürworter des Frankens sollten jetzt dessen Überlebensfähigkeit unter Beweis stellen, so seine Forderung. Der Walliser liess keine Zweifel daran, wie verschwindend klein sein Vertrauen in das hiesige Krisenmanagement ist: «Schneider-Ammann und Hildebrand haben in den letzten Tagen keine drei geraden Sätze zustande gebracht.»
Ein geplantes Krisentreffen von Bund und Verwaltung bezeichnete Bodenmann abschätzig als «Brunch», an welchem viel Zeit mit Essen und Verdauen verloren ginge: «Da soll doch bloss der Eindruck vermittelt werden, man würde etwas arbeiten.»
Verblüffende Übereinstimmungen
Bodenmann war notabene nicht als politischer Experte geladen, sondern als Repräsentant der gebeutelten Schweizer Tourismusbranche – eine fragwürdige Wahl. Bodenmann trat auf wie zu seinen politischen Aktivzeiten: spitzzüngig und polemisch. Es wäre für die Sendeverantwortlichen ein Leichtes gewesen, einen fachlich mindestens ebenso kompetenten, ideologisch aber unbelasteten Tourismusfachmann ausfindig zu machen.
Von Bodenmanns Attacken abgesehen förderte die ansonsten besonnen-sachorientierte gestrige «Club»-Runde jedoch verblüffende Übereinstimmungen zutage, zumal zwischen Lampart und Hess. «Wir müssen die Spekulanten jetzt rausputzen», sagte der Gewerkschafter. Und Hess pflichtete bei: «Es braucht Mut, gegen den Moloch Kapitalmarkt anzutreten.» Radikale Worte – dem Industrieboss wäre es wohl vor wenigen Tagen nicht einmal im Traum in den Sinn gekommen, sie in einer TV-Show kundzutun.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 10.08.2011, 10:18 Uhr
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48 Kommentare
Als Bodenmann noch SP-Präsident war, war diese Partei einigermassen wählbar. Heute fehlt den Genossen einer wie Bodenmann, der nicht gleich weinend die "Schlechte-Anstands"-Karte den anderen zeigt, wenn ihm die Gegner zu deftig vorgehen. Antworten
Also wer den Bodenmann zu einer Diskussion einlädt weiss genau, dass da nur Blödsinn rauskommt. Da gibt es schon kompetentere Personen, welche die Touristikbranche vertreten können. Diese alten SP-Präsidenten sollten endlich Ruhe geben, so auch Hubacher. Die Ex-Präsidenten der SVP melden sich auch nicht immer wieder zu Wort. Antworten
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