TV-Kritik: Ogis Ärger auf die EU-Minister
Von Rico Bandle. Aktualisiert am 27.12.2010 27 Kommentare
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Überall Jahresrückblicke. Und überall sieht man wieder dieselben Ereignisse. Beim Schweizer Fernsehen am Sonntagabend gleich zweimal hintereinander: Zuerst zeigte die «Tagesschau»-Hauptausgabe eine Folge ihres mehrteiligen Jahresrückblicks, wenige Minuten später begrüsste Kurt Aeschbacher die Gäste zu «Menschen 2010». «Es söll mönschele bi üs», meinte Aeschbacher zu Beginn – als obs dies bei ihm nicht immer täte.
Um Helden ging es, um Helden des Alltags, aber auch der Wirtschaft und der Politik. Und als solcher durfte sich Alt-Bundesrat Adolf Ogi feiern lassen. Was dem exzentrischen Berner natürlich gefiel. Man hätte meinen können, Ogi habe den Gotthard-Tunnel ganz alleine ausgehoben, wäre da nicht noch jener Tunnelbauer dazugekommen, der die heilige Barbara am Tag des Durchschlags durch das Loch trug. Ein «Befreiungsschlag» sei der Durchstich gewesen, so Ogi, und eine Genugtuung angesichts all des Widerstands, den er zu ertragen gehabt habe. So richtig in Fahrt kam der Alt-Bundesrat aber erst, als der EU-Botschafter Michael Reiterer neben ihm Platz nahm.
Reiterers trockener Humor
Noch immer scheint Ogi gekränkt zu sein, dass die EU-Verkehrsminister nicht zum feierlichen Durchstich angereist sind. «Wir hätten um einen Tag verschieben können oder die Minister hätten in der Schweiz tagen können. Wenn man dort unten war, so war dies schon etwas ganz anderes als einfach am Bildschirm!», sagte er zum bestens gelaunten EU-Botschafter, der zwar auch im Tunnel war, aber Ogis Tunneleuphorie souverän mit trockenem Humor konterte («Ich war schon dreimal im Tunnel, um den Baufortschritt zu kontrollieren»). Doch weder Ogi noch Aeschbacher fanden das lustig.
Als Nächstes durfte ein Junge erklären, wie sein Luftballon bei einem Wettbewerb im Bauch eines Haifischs bis nach Hawaii gelangte, worauf 150 Chorsänger der Sendung «Kampf der Chöre» vor dem Studio Ballone mit angehefteten Wünschen aufsteigen liessen. Beziehungsweise aufsteigen lassen wollten. Denn am Tag, als die Sendung aufgezeichnet wurde, regnete es so stark, dass die meisten Wunschballone gar nicht erst abhoben. Ein trostloses Bild, sinnbildlich für eine Sendung, die vor sich hin plätscherte, mit weit über zwei Stunden viel zu sehr in die Länge gezogen war, bei der man gleichzeitig die Wohnung staubsaugen konnte, ohne etwas zu verpassen.
Brautpaar durfte nichts sagen
Da waren zwar sympathische Gäste, zum Beispiel die Multikulti-Frauenfussball-Mannschaft aus Bern-Bethlehem und die wunderbare Edita aus Bern-Bümpliz, Siegerin einer deutschen Casting-Show. Viel zu sagen hatten diese allerdings nicht. Und jene, die einen interessiert hätten, klemmte Aeschbacher ab. Gotthard-Bassist Marc Lynn meinte zum Beispiel, er verzeihe dem Lastwagenfahrer nicht, der für den Tod des Sängers Steve Lee verantwortlich war, durfte dies aber nicht ausführen. Lee-Witwe Brigitte Voss-Balzerini hat ihm hingegen längst verziehen. Was ist nun mit der angeblichen Millionen-Klage gegen den Fahrer, die bei den Fans dermassen auf Unverständnis gestossen ist?
Auch bei anderen Gästen hatte man das Gefühl, hier werde einem etwas vorenthalten. So wurde ein Brautpaar angekündigt, sie 85, er 87 Jahre alt. Die beiden hatten in jungen Jahren ein uneheliches Kind zusammen, sich dann 60 Jahre nicht mehr gesehen und nun im Altersheim geheiratet. Das Paar durfte zwar auftreten, aber nichts sagen. Wurde da nachträglich etwas herausgeschnitten? So blieb die berührendste Geschichte des Abends eine ungeplante. Als zu Beginn der Sendung der Moderator einige Zuschauer fragt, was für sie der bedeutendste Moment des Jahres war, so erzählte ein Busfahrer aus Biel ausführlich von einer Geburt in seinem Linienbus. Da war auch Aeschbacher baff. Nur blöd: Der Höhepunkt der Sendung war damit nach zwei Minuten schon vorüber.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.12.2010, 09:56 Uhr
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27 Kommentare
Es scheint mir, als hätten Herr Bandle die Sendung vorzeitig weggeknippst. Denn das Gute kam hier wirklich ganz zum Schluss: Jean-Claude Biver. - Diesem Mann hätte ich am liebsten 2 Stunden zu gehört. Sendung auf SF-Podcast anschauen und zu den letzten 20 Minuten vorspulen. "Wow" trifft es wohl am genausten! Antworten
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