Kultur

TV-Kritik: «Pyros gehören zum Gesamtpaket»

Von Linus Schöpfer. Aktualisiert am 12.10.2011 93 Kommentare

Im Zentrum der gestrigen «Club»-Debatte stand die Frage: Was dürfen uns Fussball-Emotionen kosten? Schnell wurde klar, dass der Goodwill gegenüber radikalen Fans massiv geschrumpft ist.

1/8 «Pyros sorgen für Stimmung, und der Fussball lebt doch von der Stimmung», warf Röbi Koller in die «Club»-Runde, bei der einmal mehr...
Bild: Screenshot SF

   

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Der garstig-primitive Menschenschlag des Krawallfans blamiert die Schweizer Fussballklubs und die Behörden seit Jahren immer wieder aufs Neue mit wüsten Kloppereien, Randalen und Saubannerzügen. Seit dem Skandal-Derby zwischen dem FC Zürich und den Grasshoppers vom 2. Oktober steht eine besonders gefährliche Unart im Fokus: der Petardenwurf. Und so fragte der «Club» des Schweizer Fernsehens gestern Abend: «Ohne Pyros keine Fussballfeste?»

Zur Klärung lud Moderator Röbi Koller Vertreter der Klubs (FCZ-Präsident Ancillo Canepa, YB-CEO Ilja Kaenzig), der Politik (Gerold Lauber, Stadtrat Zürich) und der Strafverfolgung (Staatsanwalt Simon Burger, Polizeikommandant Stefan Blättler) zum Gespräch. Als Fankultur-Experte komplettierte Buchautor und «Magazin»-Reporter Daniel Ryser die Runde.

Wust an Repressionsmassnahmen

«Pyros gehören zum Gesamtpaket wie Choreografien auch», sagte Ryser, der als Einziger die Hardcore-Fans offensiv verteidigte. Die bis dato getroffenen Repressionsmassnahmen seien allesamt gescheitert. Nun müsse über eine Legalisierung geordneter Fackelshows diskutiert werden, sagte er.

Davon wollten die restlichen Teilnehmer allerdings nichts wissen – ganz im Gegenteil. Blättler, Burger und Lauber trugen im Verlauf der Sendung einen imposanten Wust an Verschärfungsvorschlägen zusammen, von Kutten- und Fahnenverboten über eine Bewilligungspflicht für Hochrisikospiele über Geisterspiele über verstärkte Eingangskontrollen über Alkoholprohibition bis hin zu Polizeigrenadieren, die Fankurven erstürmen.

Es war offensichtlich, dass dieses Law-and-Order-Trio nicht gewillt war, gegenüber den Fans irgendeine Art von Nachsicht zu zeigen, sei es nun aus Enttäuschung (Stadtrat Lauber), sei es aus Prinzip (Blättler und Burger). «Wenn sie zum Mob zusammenkommen, dann ticken sie aus», konstatierte Staatsanwalt Burger. Lauber forderte, dass bereits das Anzünden einer einzigen Fackel zum sofortigen Spielabbruch führen müsse.

Indoor-Pyros als Lösung?

Besonders diffizile Positionen nahmen die beiden Klubbosse Canepa und Kaenzig ein. Der wie gewohnt sehr engagierte Canepa versuchte einerseits, die Hardcore-Fans der FCZ-Südkurve zu verteidigen, andererseits aber auch seinem Unmut über die Fackelwürfe aus den eigenen Reihen Ausdruck zu geben. Mehr als einmal wirkte der FCZ-Präsident dabei wie ein allzu nachsichtiger Vater, der sich über die Ungezogenheiten seiner verwöhnten Kinder ärgert. «Im Geist bin ich ja Ihrer Meinung», sagte er einigermassen hilflos zu Ryser.

Canepa musste zugeben, dass die eingefleischten FCZ-Anhänger einen Moralkodex verträten, der dem Schutz von Missetätern zuträglich und dass die Stadionfackel kindischerweise gerade wegen ihrer Illegalität bei Fans so beliebt sei. Brisant war auch Canepas Feststellung, dass es tatsächlich in der Macht der Südkurve liege, ob während eines Matches Pyros gezündet würden oder nicht.

Als möglichen Ausweg schlug Canepa die Einführung von Indoor-Pyros vor, die weit weniger gefährlich seien als die bis zu 1000 Grad heissen Schwefelfackeln, die derzeit im Gebrauch sind. Keine nennenswerte Unterstützung erhielt Canepa von YB-CEO Ilja Kaenzig, dessen Statements sich auf bedrohliches Geraune («Die Schwelle ist überschritten»; «unser Fussball droht kaputtzugehen») beschränkten.

Canepas Furor und die kalte Ablehnung von Blättler und Burger zeigten eins: Die zündelnden Hardcore-Fans stehen mittlerweile sehr einsam da. Ästhetische Entschuldigungen, wie sie Moderator Koller halbherzig in die Runde warf («Pyros sorgen für Stimmung, und der Fussball lebt doch von der Stimmung»), werden kaum noch akzeptiert. Und die Behördenvertreter liessen keine Zweifel aufkommen, dass sie gegebenenfalls nicht zögern werden, weitere als problematisch empfundene fussballkulturelle Phänomene wenn nicht auszulöschen, so doch einzudämmen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.10.2011, 10:24 Uhr

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93 Kommentare

Rolf Iseli

12.10.2011, 10:59 Uhr
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Wenn ich ein Open Air Konzert besuche, steh ich auch nicht 5 Minuten vor Konzertbeginn vor dem Stadion. Also was soll das Gemeckere der FCZ Leitung von wegen unzumutbar für die Fans etc. Ihr müsst halt vor dem Spiel auch was bieten. Könnt ja Feuerschlucker engagieren. Lasst euch mal was einfallen. Ansonsten bin ich für Wassergraben mit Alligatoren darin oder Vergitterung mit Stromanschluss. Antworten


Heidi Boser

12.10.2011, 10:36 Uhr
Melden 50 Empfehlung

Mir ist es egal, wenn noch so lange diskutiert wird, bis überhaupt nur noch Hooligans ins Stadion gehen. Solange Canepa + Co. an denen genug verdienen, wird sich nichts ändern. Erst wenn es am Geldbeutel anfängt zu schmerzen, geht etwas. Antworten




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