Kultur

TV-Kritik: «Schön ists, jo, aber auch streng»

Das SF schickt für seine neue Serie «Ab auf die Alp» Städter auf die Alp. Nach der ersten Sendung, die am Freitagabend ausgestrahlt wird, fragt sich: Sind die Deutschen vielleicht die besseren Schweizer?

1/5 Alp Guggeln, Rellerli, Schoenried, bei Saanen. Daniel Glauser, Anna Tschannen und ihre Kinder Lilith und Max.

   

Sendung

«Ab auf die Alp! Wie Städter zu Sennen werden», erste Folge heute Freitag, 21 Uhr, SF 1.

Stichworte

Kaum haben wir die folkloristische Grossoffensive des Eidgenössischen Schwinger- und Älplerfests überstanden, folgt schon der nächste Streich: das Schweizer Fernsehen hilft uns mit «Ab auf die Alp» den verschütteten Älpler in uns wieder zu entdecken. Allerdings scheinen den nicht nur Schweizer zu haben. Die Serie von Alain Godet begleitet vier Parteien, zwei davon aus Deutschland, die einen Sommer lang auf der Alp leben und käsen wollen. Es sind ganz unterschiedliche Leute mit unterschiedlichen Motiven und einer Gemeinsamkeit: Sie lieben die Berge, sie lieben die Natur. Aber wie Bergbauer Schmid sagt: «Schön ists, jo, aber auch streng.»

Alpverrückt

Wir haben ein Studentenquartett aus Deutschland, die junge Familie Anna und Dänu mit ihren zwei Kindern, den gemütlichen Pöstler Res und schliesslich Katharina Kraufmann, Hebamme aus Deutschland, eine Alp-Veteranin. Die Geschichten dieser recht unterschiedlichen Leute dürften einen interessanten Querschnitt dessen ergeben, was Städter auf Alpen so erleben. Und wir kriegen einen schönen Blick darauf, wie es da oben denn so aussieht – von der historischen, kleinen Alp bis zum modern ausgebauten Grossbetrieb.

Pöstler Res Wirth zum Beispiel. In seinem normalen Leben verteilt er Briefe und Pakete, aber sein grosser Traum ist, einen Sommer auf der Alp zu verbringen. «Die ländliche Atmosphäre hat den leidenschaftlichen Jäger immer schon fasziniert», erfahren wir. Res’ Frau sagt es etwas pointierter: «Der ist alpverrückt.» Res scheint aber auch ziemlich genau zu wissen, was auf ihn zukommt. Jedenfalls sehen wir, wie er zu Hause mit Hanteln und Gummiband an seiner Fitness arbeitet. Und als er dann beim ersten Besuch auf seiner Alp gleich schon mal schneeschippen und später Zäune flicken muss, packt er beherzt zu.

Alpen-Time-out

Anna und Dänu betrachten ihren Sommer-Aufenthalt auf der Alp Trubenau im Simmental dagegen eher als Time-out. Wir begleiten sie zu Bauer Hanspeter Schmid, wo sie die letzten Details des Vertrags klären. Anna verhandelt hart, Dänu hält sich eher zurück. Offensichtlich war das Ganze eher ihre Idee, während er wohl ahnt, dass die Aufgabe die Familie an ihre Grenzen bringen könnte. Trotzdem sind die beiden zuversichtlich. 16 Kühe und fünf Geissen werden sie während vier 4 Monaten betreuen, in einer eher primitiven, 200 Jahre alten Hütte wohnen. «Hm, ist noch interessant», sagt Anna bei ihrem ersten Besuch und schaut skeptisch. Dafür taut Dänu langsam auf. Der Sommer kann kommen.

Hörbücher und Melkmaschinen

Die Studenten aus Deutschland wiederum sind fröhlich und unbekümmert. Sie erwarten Alpenromantik, finden natürlich leben, melken und käsen einfach cool. Wir sehen sie in ihrer WG-Küche beim Essen, sie unterhalten sich darüber, welche Hörbücher sie mitnehmen wollen.

Katharina, die Hebamme aus Stuttgart will die Alp mit 75 Kühen übernehmen. Seit sie das Älplerleben kennt, kommt sie nicht mehr davon los. «Die Natur, das Leben hier und die Berge in rotem Licht, das ist einfach schön.» Besser hätte es ein Schweizer auch nicht sagen können.

Dass zwei Teams aus Deutschland kommen, ist kein Zufall. Der Off-Kommentar orientiert uns darüber, dass sich zu wenig Einheimische für die Alp melden, weshalb heute bereits mehr als 17 Prozent der Zeitsennen aus Deutschland kommen. Allerdings scheinen unsere nördlichen Nachbarn ihre Sache ganz gut zu machen.

Das jedenfalls weiss Käsermeister Hanspeter Graf zu berichten, bei dem unsere angehenden Sennen das Käsen lernen. «Beim Käsen ist 90 Prozent putzen», erfahren wir da – kein Wunder machen die Schweizer den besten Käse. Aber er erzählt uns auch, was wir von den Deutschen lernen können: «Sie laufen weniger schnell davon als die Einheimischen. Sie können beissen», sagt er und lächelt auf den Stockzähnen. Da freuen wir uns doch schon, wenn bei den Studenten die erste Krise ausbricht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.09.2010, 14:37 Uhr

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6 Kommentare

Hans Knecht

10.09.2010, 21:52 Uhr
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"Sie laufen weniger schnell davon als die Einheimischen." Warum laufen Einheimische schnell davon? Wohl kaum wegen der "harten" physischen Arbeit. Gegensätze ziehen sich an, oder Geleich und Gleich gesellt sich gerne? Antworten


christoph scheidegger

03.09.2010, 23:36 Uhr
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@ Werner Meier : ja, so ähnlich wie im berührenden film "les petites fugues", der 1979 in der schweiz produziert wurde. Antworten


Alexandra Hinn

03.09.2010, 16:25 Uhr
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Warum so erstaunt, dass auch unsere nördlichen Nachbarn sich bei der Alp-Arbeit so wacker schlagen? Schliesslich gibts auch in Deutschland Berge, Käse und Landwirtschaft - der "Älpler" ist ja nicht etwas ausschliesslich Schweizerisches. Ausserdem ist der Vorschlag von Werner Meier doch recht toll: wie schlägt sich ein Älpler in der Stadt/Agglo? Aber das ist wohl weniger romantisierbar... Antworten


Martin Bürlimann

03.09.2010, 15:53 Uhr
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Viele Älpler arbeiten im Winter als Handwerker oder auch im Büro. Ein echtes Problem ist auch hier die Personenfreizügigkeit. Es wird immer schwieriger bis unmöglich, seinen Arbeitsplatz für 3-4 Monate zu verlassen um z'alp zu gehen. Antworten


Soraya Moana

03.09.2010, 15:14 Uhr
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@Werner Meier: Die Älpler sind auch moderne Menschen, besitzen Handys, Computer, Autos. Nur weil sie ein hartes, arbeits- und entbehrungsreiches Leben auf der Alp auf sich nehmen heisst das noch lange nicht dass sie noch im Mittelalter leben. Und seien wir doch froh dass es noch Leute gibt welche das harte Älplerleben auf sich nehmen - sie produzieren die Lebensmittel welche wir täglich kaufen. Antworten


Werner Meier

03.09.2010, 14:57 Uhr
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Könnte SF DRS nicht mal Älpler portraitieren, wie sie ihm Agglo-Dschungel zurecht kommen? Sozusagen: Eine Zeitreise mal in die andere Richtung, zur Gegenwart quasi. Antworten



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