TV-Kritik: Sterben wir bald amtl. bewilligt?

Der Bund will die Sterbehilfe einschränken - sehr zum Ärger der Sterbehilfeorganisationen. Im «Club» wurde gestern darüber diskutiert, wie viel Leiden für Menschen zumutbar ist.

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Sterbehilfe – kein einfaches Thema, zumal der Mensch in unseren Breitengraden die Auseinandersetzung mit Tod und Leiden zu vermeiden sucht. Dennoch: Immer wieder wollen Menschen, chronisch und psychisch Kranke, freiwillig aus dem Leben scheiden – mithilfe von Sterbehilfeorganisationen. Diese Entwicklung will der Bundesrat einschränken.

Im «Club» sassen sich gestern die zwei Lager gegenüber. Hier die Vertreter des Bundes, der Kirchen und der Palliativmedizin (schmerzlindernde Medizin), da die Vertreter der Sterbehilfe und betroffene Privatpersonen. Dass endlich eine öffentliche Diskussion stattfinde, so war man sich einig, sei zu begrüssen. Sie wurde in ruhigem Ton, aber unerbittlich in der Sache geführt.

Zunächst umriss Yves Rossier, Direktor des Bundesamts für Sozialversicherungen, die Absicht des Bundes. Die Suizidhilfe sei so zu regeln, dass der Schutz der Sterbewilligen und der korrekte Ablauf des Verfahrens gewährleistet sei. Unabhängige Gutachter müssten her, die Frist vom Todesbeschluss bis zur Ausführung verlängert werden. Dabei gehe es auch darum, dass Sterbehilfeorganisationen kein Geschäft mit dem Tod machten.

So weit, so verständlich. Deutlich wird aber auch, dass Rosset aus der Distanz des Politikers spricht und die Sache theoretisch sieht. Ganz anders Walter Fesenbeckh, Vorstandsmitglied von Exit, bei dem die persönliche Betroffenheit greifbar wird. Er hält die Absicht des Bundes für einen Misstrauensantrag an Organisationen wie Exit. Dass er die Suizidhilfe auf unmittelbar vor dem Tod stehende Leute beschränken und etwa chronisch Kranken verweigern will, hält er für eine unzulängliche Beeinträchtigung der persönlichen Autonomie des Einzelnen.

Sterben ist Gebot der Menschlichkeit

Sterbehilfeorganisationen arbeiteten jetzt schon sehr sorgfältig, argumentierte er, die geplante Gesetzgebung des Bundes werde bloss zu mehr Bürokratie und längerem Leiden führen. Für Fesenbeckh, so wird deutlich, ist Sterbehilfe ein Gebot der Menschlichkeit. Dass der Staat Leben gegen den Willen der Lebenden schützen will, und zwar zugunsten des Leidens, ist ihm unverständlich.

Natürlich schränke der Staat in Einzelfällen die Autonomie ein, so entgegnet Rossier, weil ein Gesetz eben alle berücksichtigen müsse, allen voran besonders vulnerable Gruppen, wie etwa Sterbewillige. Das sei wie mit dem Strassenverkehrsgesetz. Ein Michael Schumacher fühle sich dadurch auch eingeschränkt, aber es gebe eben nicht nur Michael Schumachers auf dieser Welt.

Dafür gibt es noch die Kirche, und die meldet sich auf das Stichwort «Leiden » durch Abt Martin Werlen zu Wort. Auf die Frage, ob die Kirche Druck auf den Bund ausgeübt habe, erwidert er, man habe es hier schliesslich mit (Sterbehilfe)organisationen zu tun, weshalb auch eine Gesetzgebung her müsse. Die Kirche, so vermutet der Zuhörer, will ihren Autoritätsanspruch bei Fragen zu menschlichem Leben und Leiden behaupten.

Menschliches Leben, so die Position der Kirche, darf auf keinen Fall verkürzt werden – auch wenn es Leiden heisst. «Ich habe schon viele zum Tod begleitet und habe noch nie erlebt, dass der Mensch dabei nicht gereift ist. Und wäre dieser Prozess abgebrochen worden, wäre viel von diesem Leben abgebrochen worden», sagt er. Man dürfe die Sorge um das Heil des Menschen nicht einfach einer Organisation wie Exit zuschieben, sagt er und behauptet damit den Exklusivanspruch der Kirche auf diesem Gebiet.

Ist Palliativmedizin Sterbehilfe?

Der Palliativmediziner Daniel Büche wendet ein, Sterbewillige seien oft gar nicht in der Lage, ihre Situation zu überblicken, wozu es eben Mediziner wie ihn brauche. Er findet es sogar egoistisch, wenn Sterbewillige Selbstmord begehen – schliesslich litten die Hinterbliebenen auch, wenn ein Angehöriger sterbe. Dass aber Palliativmediziner selber eine Art aktiver Sterbehilfe betrieben, weist er so heftig von sich, dass man beinahe vermutet, dass etwas Wahres dran sein muss.

Auf der Seite der Sterbehilfegegner, so weckt die Diskussion den Eindruck, stehen Vertreter von Organisationen, die ihre Autorität in der Angelegenheit behaupten wollen. Die Befürworter scheinen eher von der konkreten Erfahrung tiefen Leidens geprägt, das sie zur Überzeugung bringt, jeder Mensch solle das Recht auf den eigenen Tod haben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)

Erstellt: 04.11.2009, 15:08 Uhr

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24 KOMMENTARE

Leo Nauber

04.11.2009, 16:57 Uhr

Gott wird der letzte Richter sein.Ob Sie es glauben oder nicht. Wie er aber richten wird, welches seine Massstäbe sind, das weiss wahrscheinlich nicht einmal der Papst. Darum lassen wir doch die Entscheidung, mit welchem Paket von Taten sich jeder einst dem ewigen Richter stellen will jedem selber. Ich habe viele sterben sehen, Sie hoffentl. auch. Das ändert das Lebensbild und den Glauben massiv.


Markus Henny

04.11.2009, 16:22 Uhr

In diesem Forum hier sind die Kommentare viel gescheiter, als es scheinbar die Beiträge im Club waren. Denn der Bund sollte nur die Auswüchse bekämpfen (Sterbetourismus); aber nicht das Recht von Leuten, welche in der Schweiz leben einschränken. Wenn der Abt eine Sado-Masochistische Ader hat, so soll er diese bei sich selber ausleben.


Grazia Annen

04.11.2009, 16:22 Uhr

Wenn man den Sterbehilfe-Verweigerer zuhört beschleicht einen das mulmige Gefühl, dass das irgendwelche selbsternannte Hüter der Moral dem Menschen die elementarste Verfügungsgewalt über sich selbst nehmen will. Im Privatbereich sollen Mündige sich in aller Freiheit gesetzeskonforme Regeln geben dürfen, wenn es sich um ihre unveräusserlichen big 3 geht: Leben - Eigentum - Würde.


Ben Müller

04.11.2009, 16:19 Uhr

In letzter Konsequenz bedeutet dies, dass der Staat uns alle in Zwangsjacken stecken und in Zellen einsperren muss. Weil nur so kann verhindert werden, dass wir in irgendeiner Form unserem Leben ein Ende bereiten wie das eigentlich unser gutes Recht wäre. Der Staat und vor allem die Kirche haben sich aus diesem Thema rauszuhalten, ich will keine zusätzlichen Regeln!


Fritz Lang

04.11.2009, 15:38 Uhr

Ach ja, Hr. Dr. Büche. Nur ein Mediziner ist in der Lage zu erkennen was ich will? Danke schön, danke schön. Darauf habe ich gerade noch gewartet. Der Herr Doktor mit der Morphiumspritze mach mir das Leben dann schon wierder lebenswert, oder?


Beat Keller

04.11.2009, 15:35 Uhr

Ein Blick auf die aktuelle On-line-Umfrage zeigt: 3/4 der Teilnehmenden möchten keine Einschränkung bei der Sterbehilfe. Alle anderen Einlassungen dazu sind nur Partikulärinteressen. Ob Palliativmediziner, Abt oder Bundesfuzzi. Das Lebens- und Sterberecht bleibt beim Einzelnen. Dafür einzustehen ist erste Bürgerpflicht. Andernfalls bestimmt der Staat noch bis in die intimsten Bereiche des Lebens.


majo naef

04.11.2009, 15:17 Uhr

@Daniel Seiler Sterbehilfe ist nicht für Demenz- Patienten gemeint. Nur wenn der Patient noch frei selber entscheiden kann ob er seinem Leben selbst ein Ende bereiten will, ist Sterbehilfe zu lässig.


Peter Waldmeier

04.11.2009, 12:19 Uhr

Wenn man liebe Menschen unter unwürdigen Bedingungen sterben sieht, versteht man die Aussagen von EXIT. Es gibt ein Lebensrecht - aber keine Lebenspflicht. Es kann nur der direkt Betroffene entscheiden ! Aus diesem Grunde bin ich seit 1987 Mitglied bei EXIT.


Susanne Hartmann Gillessen

04.11.2009, 12:09 Uhr

Es befremdet doch sehr, wenn ein Palliativmediziner wie Dr. D. Büche Sterbewillige - im Kontext des Leidens ihrer Angehörigen - als egoistisch bezeichnet. Die Angehörigen leiden selbstverständlich mit - vor allem aber, wenn sie das qualvolle Dasein ihres Liebsten hilflos miterleben müssen. Der Tod - wodurch immer er eintritt - ist dann die Erlösung, für den Leidenden wie für die Angehörigen.


Hans Schmid

04.11.2009, 12:07 Uhr

Ich sehe nicht ein, weshalb der Staat sich hier einzumischen hat. Wenn jemand aus dem Leben scheiden will, so ist das sein freier Wille und es ist sicher besser und sozial verträglicher, wenn dies durch professionelle Begleitung geschieht, statt dass sich die Leute vor den Zug werfen oder von einer Brücke stürzen.


Tomas Rupp

04.11.2009, 12:05 Uhr

@Hans Heller wollen sie etwa behaubten das dieses fantasiegebilde an das sie glauben mich in meinem leben einschräken soll. und da der tod, genauso wie die geburt, unwiederruflich zum leben gehört gehört es auch zu meinem persönlichen recht über dieses ereignis selbst zu bestimmen. den niemand auch nicht ihr gott darf und kan mir vorschreiben das ich länger leben muss als ich das will.


Daniel Seiler

04.11.2009, 12:02 Uhr

Wenn Daniel Büche meint, dass Hinterbliebenen leiden, wenn ein Angehöriger "Selbstmord" begeht, dann soll er sich einmal überlegen, was für ein Leid es ist, wenn Angehörige während Jahren mitleiden wie in Heimen ihre Liebsten langsam vor sich hinsterben, ohne dass eine wirkliche Kommunikation mehr untereinander stattfindet (Bin kein Fachmann, aber Demenz nennt man das glaub ich).....


maurus candrian

04.11.2009, 11:59 Uhr

warum soll geld machen mit dem tod (ich rede nicht von waffen-exporten, welche die frommen doppelmoralisten dann wieder mehrheitlich befürworten) verwerflich sein? macht denn nicht gerade die kirche auch ihr grosses geschäft letztendlich mit dem tod (bzw. mit ihrem versprechen gegenüber dem tumben volk auf ein ewiges leben danach)? staatliche minimalregeln ja, überregulierung nein


Hans-Peter Pfenninger

04.11.2009, 11:55 Uhr

Sterben und der Umgang mit dieser unvermeidlichen Gewissheit wurde dank der Autorität der Religionen allzulange verklärend tabuisiert. Ich hoffe auf eine Initiative, welche dem mündigen Bürger ohne Vorbehalt erlaubt, mit Recht zu bestimmen, wann für ihn sein Leiden endet und die letzte Stunde schlägt.


Jakob Denzler

04.11.2009, 11:52 Uhr

Das wichtigste Menschenrecht ist das Selbstbestimmungsrecht. Religiöse Gruppierungen und der Staat versuchen uns immer mehr einzuschränken, zu bevormunden (von Bewilligung für Verwandte um Kinder zu hüten bis eben Sterbehilfe). Mein Lebensende ist etwas vom Intimisten und da will ich nicht entmündigt werden. Es ist mein Leben! Kein Arzt, kein Religiöser, kein staatl. Behörde hat mir vorzuschreiben


Beni Schärer

04.11.2009, 11:49 Uhr

Die Sterbehilfe darf auf keinen Fall durch den Staat eingeschränkt werden. Nur die leidende Person kann nachvollziehen wieviel Schmerzen ertragbar sind und somit auch selber entscheiden können, ob sie aus dem Leben scheiden will oder weiterleiden will. Wenn eine kranke Person enscheidet, nicht an lebensverlängernde Maschinen angehängt zu werden ist das auch Sterbehilfe! Das ist wieder ok!


Edwin Tschopp

04.11.2009, 11:36 Uhr

Es kann nicht angehen, dass das Grundrecht auf den selbstbestimmten Tod durch irgendwelche Instanzen und Gremien ausgehebelt oder verkompliziert wird. Nur der eigene Wille zählt. Auch Leute, die unerträgliche psychische Leiden haben, sollen den begleiteten Selbstmord wählen dürfen. Wer sich hingegen an die Vorgaben von Kirchen oder Gutmeinern halten will, bitte schön, lasst uns aber in Ruhe damit.


Hans Heller

04.11.2009, 11:35 Uhr

Wer glauben sie zu sein, dass sie über das Leben und Sterben anderer bestimmen sollen. Sehen sie sich in der Rolle von Gott?


Claudia Kerner

04.11.2009, 11:34 Uhr

Jede/r sollte für sich selber bestimmen können, was er will. Religiöse Fanatiker die einen "Reifeprozess aufzwingen" wollen die Macht der Kirche zementieren. Sie sollten nicht für andere ihr Leben bestimmen.


Sandra Fürer

04.11.2009, 11:30 Uhr

Die Kritiker von Sterbehilfe sollten sich mal in die Lager versetzt sehen, unerträgliche Schmerzen ertragen zu müssen und die Medikamente wirken nicht mehr. Das ist einfach barbarisch.


Philipp goldinger

04.11.2009, 11:28 Uhr

Was ist Palliativmedizin? Dies wurde im Club leider nicht definiert. Entweder es geht dem Patienten mit medizinischer Hilfe besser. Oder aber, die Medizin ist am Ende. Dann wird der Patient abgeschoben, entweder nach Hause oder in ein Heim. Palliative care müsste ausgebaut und erweitert werden.


Kurt Aegeri

04.11.2009, 11:25 Uhr

Also diese Diskussion ist nun einfach ein Hammer. Der Staat beweist täglich, dass er weder von Moral noch von Ethik etwas versteht. Und da will er ernsthaft bei etwas so Persönlichem, wie dem Sterbewunsch mitreden? Was mich am meisten ärgert, ist die Tatsache, dass man sich nicht mal die Mühe macht, richtig und seriös zu recherchieren! Aber dann das Maul aufreissen. Pfui.


Norbert Schädler

04.11.2009, 11:12 Uhr

Sollte das Verbot tatsächlich in Kraft treten ist dies ein Schritt zurück ins Mittelalter. Konsequenterweise müsste dann auch der Schwangerschaftsabruch verboten und unter Strafe gestellt werden. Religiöse Argumente haben in dieser Diskussion keinen Platz, in diesem Sinne ist auch der Abt von Einsiedeln eine Fehlbesetzung gewesen. Palliativmedizin ist ein schönes Märchen wil keine Plätze vorhanden


Andreas Keller

04.11.2009, 11:02 Uhr

Von der heutigen Wohlstands-Generation wird dereinst wohl längst nicht mehr jede/r bis zum letzten Röcheln in die Windeln machen wollen. Wenn der Körper mehr schlecht als recht funktioniert, werden sich in Zukunft viel mehr Betagte vom Leben verabschieden wollen, auch wenn sie nicht todkrank sind. Damit sich jene nicht unschön vom Balkon stürzen, muss man die Sterbehilfe noch gewaltig überdenken.



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