Kultur

TV-Kritik: Unbefriedigt aus dem Freudenhaus

Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 31.10.2011 51 Kommentare

Im Dunstkreis des Schweizer Sexkönigs Ingo Heidbrink versuchte ein SF-Reporter zu ermitteln und rückte dabei vor allem einen ins Licht: Sich selber.

1/7 Wer ist hier der Protagonist? Nein, nicht der grinsende Mann in der Mitte. Das ist der Reporter. Links von ihm der Zürcher Sexkönig Ingo Heidbrink.
Bild: Screenshot SRF

   

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«Ich wollte den Mann kennenlernen, der ein Leben führt, dass man vor Neid erblassen könnte», sagte der Reporter Marc Gieriet und versuchte seine Faszination für den Luxus gar nicht erst zu verbergen, als er mit dem Sexkönig Ingo Heidbrink auf einen Privatjet zulief, der sie zu einem Termin ins Tessin bringen sollte.

Der 47-jährige Heidbrink ist Besitzer von acht Sexclubs, für die sowohl die Frauen als auch die Männer je 95 Franken Eintritt hinblättern, um drinnen tun und lassen zu können, was sie wollen – für weitere 140 Franken pro halbe Stunde, die die Frauen verdienen. Dieses Geschäftsmodell scheint sich für alle zu lohnen, vor allem aber für Heidbrink selber, musste er im vergangenen Jahr doch 2,8 Millionen Franken Einkommen versteuern.

Wenig Inspirierendes

Von diesem Luxus konnte auch der Reporter profitieren. Er durfte – immer schön im Bild – in Heidbrinks Rolls-Royce und später in dessen Porsche mitfahren, sich in seinem Sexclub ein paar Poledance-Shows ansehen (woran er sichtlich Freude hatte) und mit einer der Prostituierten auf einem Bett sitzend beziehungsweise liegend ein Interview führen – sie nackt, er im weissen Bademantel. «Richtig wohl war mir nicht, als ich ihr folgte. Aber ich stellte mir vor, dass das die einzige Möglichkeit ist, etwas zu erfahren», meinte die Stimme aus dem Off. Mit dieser Vorstellung lag der Reporter jedoch falsch.

«Doofe Frage, nächste Frage», sagte die «sehr bewegliche Dame» auf der Matratze. Etwa so hätte man auch die 23 Filmminuten von «Bordellbesuche – Im Dunstkreis des Schweizer Sexkönigs» beschreiben können. Viel Inspirierendes bekamen wir jedenfalls nicht zu hören, weder von lic. iur. Ingo Heidbrink noch vom Reporter, der – abgesehen von ein paar kritischen Fragen – manchmal fragte wie eine Mischung aus Journalismus-Student und unbeholfenem Single.

«Arbeitest du schon lange hier?», wollte er zum Beispiel von der schönen Blonden im Sexclub wissen, die nackt im Eingangsbereich aufgetaucht war, was den Reporter zur präzisen Feststellung «Sie trägt kein Mikrofon auf sich» verleitet hatte. Offenbar fand er sich selber dabei lustig. Anders ist schwer zu erklären, weshalb er diesen Satz nicht aus dem Film geschnitten hat. Als er die Prostituierte dann noch fragte, wie sie denn die Männer verführe, musste man sich kurz am Kopf kratzen. Welchen Trick muss eine überdurchschnittlich attraktive junge Frau mit einem überdurchschnittlich prallen Busen und überdurchschnittlich blonden, langen Haaren wohl anwenden, um einen Mann zu verführen, der einen Sexclub besucht.

«Ich bin kein Zuhälter»

So erfuhren wir leider fast mehr vom Reporter als vom Sexkönig selber. Diesen konnten wir bei einer Bauplatzbesichtigung im Tessin, im Krafttraining oder im Büro seines Clubs sehen. Sein prachtvolles Haus in Schindellegi bekamen wir dagegen nicht zu Gesicht, weil es noch dunkel war, als das Reporterteam vor Ort war, was einen erneut dazu anregte, sich am Kopf zu kratzen.

Der Zürcher Sexkönig erzählte derweil, er sei vom Menschlichen her ein Guter, gehe fast jeden Sonntag in die katholische Messe, schäme sich nicht für seinen Beruf und sei aus zwei Gründen kein Zuhälter: «Ein Zuhälter ist entweder gewalttätig oder nutzt die Notlage von Frauen aus.» Weil er anders sei, werde er es eines Tages ziemlich sicher – wenn auch knapp – in den Himmel schaffen. Viel mehr Einblicke in seine Gedanken vermittelte der Film jedoch nicht, der Tiefgang fehlte, die Spannung ebenfalls. Es kann nur spekuliert werden, ob Heidbrinks Aussagen nicht mehr hergaben, ob die Zeit zu kurz war oder ob der Reporter einfach den Zugang zu seinem Protagonisten nicht fand. Immerhin versuchte man der Reportage noch einen eigenen Stil zu verpassen, indem man zwischendurch wie in einer Diashow von einer Szene zur nächsten wechselte.

Irgendwann gab der Reporter dann noch zu, der Sexkönig habe bloss zum Film eingewilligt, weil dieser Werbung für ihn sei. Allerdings realisiere er gerade, meinte dieser auf einem Fitnessgerät sitzend, dass dies wohl eher eine schlechte Werbung für ihn sei. «Ich begebe mich in eine Gefahrensituation, weil Journalisten von Haus aus ein Gegenpart sind zu allen, die zu viel Geld verdienen», sagte er und fügte an, «aber es ist interessant.» Für ihn und den Reporter, der kurz von den Freuden eines reichen Sexclubbesitzers profitieren durfte, mochte das vielleicht stimmen, für die Zuschauer aber kaum. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.10.2011, 08:57 Uhr

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51 Kommentare

Jacqueline Lanz

31.10.2011, 09:55 Uhr
Melden 51 Empfehlung

Das konnte nur öd sein, deshalb hab ich mir das auch nicht angesehen. Offenbar herrschte im Kopf des Reporters die absolute Blutleere, was nicht erstaunlich ist, wenn in der unteren Körperregion die Durchblutung auf Hochtouren läuft. Was den Betreiber anbelangt: Auch ein akademischer Titel schützt ihn nicht davor, ein ganz gewöhnlicher Zuhälter zu sein, schmierig halt. Antworten


Stefan Flüeler

31.10.2011, 10:43 Uhr
Melden 47 Empfehlung

Diese Werbung für die Sex-Angebote des Herrn Heidbrink will einfach nicht bei mir ankommen. Nicht mal nach dem pseudo-kritischen Nachschlag von Frau Jeitziner. Es gibt nichts Tristeres als ein Bordell und seine abgefuckten Bediensteten. Nur notgeile Deppen haben die Illusion, dass sie dort dem gewohnten Mief bei sich zuhause entfliehen können und sexuell endlich mal auf ihre Kosten kommen werden. Antworten




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