Kultur

TV-Kritik: Veronikas Geheimmission im Dienste der Schweiz

Von Simone Matthieu. Aktualisiert am 17.12.2009 19 Kommentare

Im Kalten Krieg hätten sie die Schweiz von einer Besatzungsmacht befreien sollen: Mitglieder der Geheimorganisation P-26 brechen vor laufenden Kamera ihr Schweigen.

Hans-Rudolf Strasser, ehemaliges P-26-Mitglied, und Efrem Cattelan, ehemaliger Chef der P-26.

SF

Nach der Aufhebung der Schweigepflicht outete sich nun die Schaffhauser Politikerin Susanne Günter in «Reporter» als P-26-Mitglied.

Nach der Aufhebung der Schweigepflicht outete sich nun die Schaffhauser Politikerin Susanne Günter in «Reporter» als P-26-Mitglied.

Ein spannendes und schon fast in Vergessenheit geratenes Thema griff die SF-Sendung «Reporter» gestern auf: Die vom Bund ins Leben gerufene Widerstandsbewegung P-26. Seit 69 Jahren hielten sich die ehemaligen Mitglieder der P-26 an ihre Schweigepflicht, die der Bundesrat vor wenigen Wochen endlich aufhob.

Schwierig sei es gewesen, P-26-Leute ausfindig zu machen, heisst es zu Beginn der Sendung. Die Organisation war so geheim, dass bis auf wenige Ausnahmen nicht einmal die Mitglieder selber voneinander wussten. Die Journalisten mussten sich deshalb an zwei P-26-Kader halten, die 1990, als die Geheimarmee im Zuge der Aufklärungen zur Fichenaffäre aufflog, enttarnt wurden: P-26-Chef Efrem Cattelan und Ex-Mitglied Hans-Rudolf Strasser, damals Sprecher des Verteidigungsministeriums.

Die Medien - der Feind

Die Mitglieder der Geheimorganisation hüten sich einerseits noch heute vor der Presse - zu viele Unwahrheiten wurden damals über sie verbreitet und die P-26 als illegale Geheimarmee gefährlicher Guerillakämpfer dargestellt. Andererseits drängt es sie, endlich aufzuklären und dieses Bild zu korrigieren.

Die Reportage kommt nur zustande, weil sich die Journalisten an die Bedingungen der P-26 halten. Um TV-Team und -Zuschauer das Leben der P-26 nachfühlen zu lassen, trifft sich Ex-Mitglied Strasser mit dem Reporter nach alter, konspirativer Manier: Beide müssen Mappe und Zeitung in vorher besprochener Art tragen und beim Treffen einen abgemachten Dialog aufsagen - erst dann ist die Begegnung «sauber».

Wie im Agentenfilm

Wie praktisch jedes Land unterhielt auch die Schweiz während des kalten Krieges eine Widerstandstruppe. Für den Fall, dass feindliche Truppen das Land einnehmen würden, hätte die P-26 Kontakt zum Bundesrat im Exil aufgenommen und die Schweiz aus dem Untergrund zurückzuerobern versucht. Die Mitglieder trainierten in Bunkern, kommunizierten mit chiffriertem Funk und wurden in konspirativer Lebensführung geschult. Nicht einmal die Familie und Lebenspartner wussten von ihrer geheimen Tätigkeit bei P-26.

Das Aufheben des Schweigegebots bewog nun ein bislang nicht enttarntes P-26-Mitglied an die Öffentlichkeit zu treten: Unter dem Decknamen «Veronika» verbirgt sich die ehemalige Präsidentin des Schaffhauser Stadtrats, Susanne Günter.

Ein staatlich abgesegnetes Doppelleben

Günter entsprach genau dem Anforderungsprofil der P-26. Angeworben wurden möglichst durchschnittliche, typische Schweizer Bürger, die aber über technische, intellektuelle Eigenschaften oder Führungsfähigkeiten verfügen mussten. Günter, damals Krankenschwester, wird zur P-26-Kurierchefin der Region Schaffhausen.

Dass sie ihr Umfeld so lange über ihr Doppelleben belügen musste, macht Günter nicht zu schaffen: «Wenn man schon für eine solche Sache einsteht, weiss man, dass die Geheimhaltung dazugehört», sagt sie im Film. «Was mich wurmte war, dass man in der Bevölkerung schlecht über etwas Gutes spricht.»

Später Dank

Die ehemaligen Mitglieder der P-26 wollen, dass die heutigen Generationen die Angst der damaligen Schweiz verstehen, die zur Bildung der P-26 führte. Es schmerzt sie, dass sie als Alpen-Guerillas belächelt werden und ihre Organisation als völlig übertriebene Vorsichtsmassnahme abgetan wird.

Nie haben die Mitglieder der P-26 ein Wort des Dankes für ihren Einsatz fürs Vaterland gehört. Das soll sich nun ändern. Bundesrat Ueli Maurer machte einen Anfang, indem er kürzlich Albert Stierli ins Bundeshaus einlud. Stierli ist der letzte Überlebende des geheimen Widerstands während des Zweiten Weltkriegs in der Schweiz. «Diese Leute verdienen grossen Dank», so Maurer. «Sie setzten unter Lebensgefahr alles ein fürs Land. Heute werden sie belächelt, aber damals waren die Zeiten anders.» Jeder habe sich vor dem andern gefürchtet und davor gezittert, dass am nächsten Tag feindliche Truppen an der Grenze stünden.

Auf Drängen einer privaten Organisation werden nun auch die Mitglieder der P-26 verdankt - wenn sie sich selber melden. Denn die Mitglieder-Liste ist immer noch geheim und eine öffentliche Anerkennung oder ein Dankes-Rundschreiben unmöglich.

Gerne etwas mehr

Am Schluss der Sendung sitzt der Zuschauer leicht unbefriedigt vor dem Bildschirm. Gerne hätte man mehr erfahren über dieses hochspannende Stück Zeitgeschichte. Was hatten die Agenten für eine politische Gesinnung? Wie sah ihr Training aus? Wie lebten sie mit ihrem Geheimnis? Wie fanden Treffen statt? Was sagen Familienangehörige über das Engagement und die jahrelange Verheimlichung? Doch leider ist es wohl unvermeidlich, dass «Reporter» in seinen 30 Minuten Sendezeit nur an der Oberfläche eines solch komplexen Themas kratzen kann. Das ist schade: Wenn schon endlich über die P-26 gesprochen werden darf, wäre ein umfassenderes Bild wünschenswert gewesen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.12.2009, 12:12 Uhr

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19 Kommentare

Stephan Gebert

17.12.2009, 11:05 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Mein Dank gilt diesen ehrbaren und integeren Patrioten, die sich für die Eidgenossenschaft eingesetzt haben – ich verneige mich vor Euch! Antworten


Franz Matt

17.12.2009, 11:50 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Warum die Schweigepflicht seit 69 Jahren? Wurde die P-26 1940 gegründet? Antworten




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