TV-Kritik: Wenn Frauenhändler die einzige Perspektive sind
Ein trostloses Dorf mitten in der Einöde. Verfallene Häuser. Wenige, ärmlich angezogene ältere Menschen sind zu sehen, ein paar Hühner. Das ist das Leben in der moldawischen Provinz. Das Team der SF-Reihe «Dok» ist für seine Recherchen in das osteuropäische Land gefahren, um sich und den Zuschauern ein Bild vor Ort zu machen. Wenn man den Bericht sieht, versteht man, warum die Leute hier wegwollen: Vor allem für junge Menschen gibt es keine Perspektive. Deshalb glauben sie den Versprechen der international organisierten Frauenhändler nur zu gerne. Diese locken sie mit der Aussicht auf eine Stelle als Putzfrau oder Kellnerin ins Ausland.
Ein Opfer erzählt: «Eine Kollegin meiner Mutter kam zu uns und fragte, ob ich als Putzfrau im Ausland arbeiten will. Ich sagte Ja. Sie organisierte alles, den Pass, das Visa. Eines Tages stand sie vor mir, als ich gerade Brot kaufte und sagte, wir müssten nun los. Ich durfte nicht mal mehr das Brot nach Hause bringen.» Svetlana heisst die junge moldawische Frau. Sie vertraut der Bekannten ihrer Mutter und geht mit. Sie wird mit einem Bus nach Istanbul gebracht. Schon am ersten Tag heisst es: «Du hast Kundschaft». Was das bedeutet, ist klar - Prostitution. Als sie nicht mitmachen will, weil sowas nicht abgemacht war, bringt ihr der Mann der Bekannten «Manieren» bei. Schläge und Vergewaltigungen machen sie gefügig. Sie wird gefangen gehalten, darf keinen Schritt ohne Begleitung machen.
Dank eines ausländischen Kunden, der ihr hilft und sie freikauft, entkommt Svetlana den Frauenhändlern und kann zurück nach Moldawien. Für ihre monatelange Arbeit als Zwangsprostituierte sieht sie keinen Rappen. In Moldawien hilft ihr eine Menschenrechtsorganisation, sogar eine Lehre kann sie machen. Doch Svetlana sieht trotzdem keine Zukunft. Voller Zuversicht erzählt sie, ein früherer Kunde aus England habe sie zu einem Sprachaufenthalt eingeladen. Obwohl sie ihm nicht traut und ihn als «nicht nett» bezeichnet, will sie das Risiko erneut eingehen, ihren Sohn und ihre Familie zu Hause lassen und sich wieder ins Ungewisse aufmachen. Hoffnungsvoll wartet sie auf ihr Visum für England, damit sie möglichst bald abreisen kann.
Die Frauen fallen immer wieder auf dieselben leeren Versprechen rein
Warum nur? Svetlana bezeichnet die Zeit ihrer Gefangenschaft als Hölle. Kann nur stockend über das Erlebte berichten. «Viele Frauen, die es schaffen, zu entkommen, haben zurück in Moldawien keine Perspektive», erklärt eine Mitarbeiterin der moldawischen Menschenrechtsorganisation. «Svetlana wäre nicht die Erste, die den Kriminellen erneut ins Netz geht. Sie glauben, beim zweiten Mal könnten sie es besser machen, da sie die Tricks der Frauenhändler kennen.»
Natürlich ist das weit gefehlt. Im türkischen Teil der Insel Zypern folgt «Dok» der Spur der Frauenhändler. Hier haben sie Hochkonjunktur. Das Land ist korrupt, die Prostitution wird von der Politik ignoriert, weil es so etwas nicht geben darf in dieser Gesellschaft. Die Frauen werden am Flughafen abgeholt von Bodyguards, die sie in Appartements ausserhalb der Zentren bringen. Hier kommt den Frauen niemand zu Hilfe. Sie sind hilflos ausgeliefert.
Viel Risiko, Aufwand und Zeit
Erstaunlich, wie viel Aufwand und Zeit in diesen Film investiert wurde. Der Reporter hat – und das ist sicher nicht übertrieben – sein Leben riskiert, als er mit versteckter Kamera keine zehn Meter entfernt filmte, wie die bulligen Verbrecher das zierliche «Frischfleisch» am Flughafen entgegennehmen.
Sogar die Behörden in Zypern werden von «Dok» konfrontiert – im Wissen, dass die Beamten oft selber kriminell und zu allem möglichen fähig sind. Das illustriert die Erzählung eines Opfers: Sie habe es geschafft, zur zypriotischen Polizei zu flüchten. Doch der Diensthabende habe sie postwendend zu den Frauenhändlern zurück gebracht – und kam am selben Abend noch als Kunde zu Besuch, um sich von der Hilfesuchenden bedienen zu lassen. Zustände, wie man sie sich bei uns gar nicht vorstellen kann.
Doch auch in der Schweiz arbeiten Opfer von Frauenhändlern. Eine von ihnen darf nach Hause. Grund: Sie hat während der Zeit, als sie zur Prostitution gezwungen wurde, das Insulin nicht bekommen, das sie dringend gebraucht hätte. Fast blind wird sie nach Hause «entlassen». Man kann sie in ihrem Zustand nicht mehr brauchen.
Die bittere Wahrheit wird unter den Teppich gekehrt
Die Krux: Die Frauen warnen, zurück in Moldawien, nicht vor dem, was ihnen widerfahren ist. «Keine Frau würde erzählen, dass sie zur Prostitution gezwungen wurde», heisst es bei der moldawischen Menschenrechtsorganisation. «Sie wissen, dass sie dann aus der Gesellschaft ausgeschlossen würden.»
Und so erfahren die Moldawier nur die positiven Geschichten ihrer Landsleute, die das Glück im Ausland suchten. Wenn etwa der Nachbar eine neue Kuh hat, sich ein Auto leisten kann oder ein Haus baut mit dem Geld, das ein Familienmitglied aus dem Ausland geschickt hat. Sofern die Leute überhaupt etwas davon wissen, dass es ihnen im Ausland auch sehr dreckig ergehen könnte, dann ignorieren sie diese Möglichkeit. Jeder denkt, er würde auch Erfolg haben, niemand glaubt, dass ausgerechnet er oder sie an Menschenhändler gelangen könnte.
Zukunftsperspektive: Keine Veränderung
Jahr für Jahr gehen neue Frauen den falschen Versprechungen auf den Leim. Bei einer Schweizer Hilfsorganisation sieht man wenig Veränderung in nächster Zeit: «Wir können vielleicht einer Frau helfen, aber gleichzeitig stehen schon wieder drei neue an der Grenze.»
Das Schlimmste: Die traumatisierten Frauen bräuchten eigentlich besonders dringend ein Umfeld, das sie stützt. Aus Scham und Angst vor Ausgrenzung können sie ihre Geschichte aber niemandem erzählen. Und bleiben weiterhin allein in ihrem Elend - auch wenn sie das Glück hatten, den Verbrechern zu entkommen.
Das Risiko hielt die Reporter zum Glück nicht ab
Man kann die Macher von «Dok» nur zu ihrem Mut beglückwünschen, sich einem solchen Thema anzunehmen. Die Recherchen waren, das wird im Film deutlich, mehr als kompliziert. Das Risiko, beim Dreh in Schwierigkeiten zu geraten, gross. Trotzdem hat sich hier jemand die Mühe gemacht, auf etwas aufmerksam zu machen, über das sogar die Betroffenen lieber schweigen. Auch wenn sich so schnell nichts an der Situation ändern wird: Je mehr öffentliche Aufmerksamkeit auf die Frauenhändler fällt, desto grösser ist die Chance, dass dieser Missstand angegangen wird. Und dass die Frauen als das wahrgenommen werden, was sie sind: Opfer und keine Prostituierten, die sich ihres Schicksals schämen müssen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 09.10.2009, 10:06 Uhr




