TV-Kritik: «Wie im Wartezimmer eines Urologen»
Von Rico Bandle. Aktualisiert am 23.09.2010 51 Kommentare
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Wochenlang wurde über diese Bundesratswahl gesprochen, vor allem über die Frauenfrage und die Konkordanz. Und kaum stellt man am Wahlmorgen den Fernseher an, wird wieder über die Frauenfrage und die Konkordanz gesprochen. Das Hirn hat bei diesen zwei Worten schon fast die automatische Zensur aktiviert, da taucht plötzlich die Politologin Regula Stämpfli auf. In ihrer gewohnt aufgeregt-euphorischen Art verkündet sie, dass es für sie nicht genug Frauen im Bundesrat haben könne, denn wenn sie sich in der Wirtschaft oder auch in diesem Moment in der Wandelhalle mit all den männlichen Medienvertretern umsehe, dann «gleicht das dem Wartezimmer eines Urologen».
«Der beste Verkehrsminister Europas»
Das Wartezimmer eines Urologen – für solche Aussagen lieben wir Regula Stämpfli, sie bringen etwas Heiterkeit in diesen langen Vormittag. Müsste man noch das Leiden der Patienten in dem nervösen Wartesaal Wandelhalle diagnostizieren, wäre der Fall ziemlich eindeutig: Reizblase.
Der Politologe Iwan Rickenbacher, der SF-Hauptanalyst an diesem Vormittag, erklärt Moritz Leuenberger zum erfolgreichsten Verkehrsminister Europas, offenbar wohnt er nicht in der Süd-Anflugschneise des Zürcher Flughafens. Zeit, einmal den Kanal zu wechseln. Auch Tele Züri sendet in Kooperation mit diversen anderen Lokalfernsehstationen live aus dem Bundeshaus. Dem Moderator Markus Gilli stehen in einem Nebenraum die Journalistin Esther Girsberger und der Politologe Andreas Ladner als Experten zur Seite. Die Gespräche sind hier lebendiger als auf SF1, was auch an der Dreierkonstellation liegt. Dafür steht Reto Brennwald vom Schweizer Fernsehen mitten in der Wandelhalle, direkt vor einer Türe in den Bundesratssaal und vermittelt eher das Gefühl, nahe am Geschehen zu sein. Der Trubel scheint Brennwald allerdings zu überfordern, er macht Fehler, lässt sich zu flapsigen Sprüchen hinreissen. Den Präsidenten der FDP Wil (SG) verabschiedet er mit den Worten: «So sehen also Wiler aus.»
SF verschläft das Ausscheiden Jacqueline Fehrs
Als Erstes geht es um den Sitz Moritz Leuenbergers, im dritten Wahlgang kommt es zur grossen Überraschung: Mitfavoritin Jacqueline Fehr scheidet frühzeitig aus. Nur merkt das Reto Brennwald nicht. Gemäss Wahlreglement fällt nach dem dritten Wahlgang der Kandidat oder die Kandidatin mit den wenigsten Stimmen weg. Lange Momente dauert es, bis jemand den Moderator diskret auf sein Versäumnis aufmerksam macht – derweil auf den Lokalsendern längst über die konsternierte Miene Fehrs diskutiert wird.
Die Pausen zwischen den Wahlgängen wollen nicht enden. Die Parlamentarier sprechen im Stakkato ihre Prognose für die nächsten Wahlgänge in die unzähligen Mikrofone, immer und immer wieder. Das Schweizer Fernsehen schaltet zeitweise in die Wohnorte der Kandidaten, wo sich jeweils ein klägliches Fan-Grüppchen vor einem TV versammelt hat. Einige Anhänger der Berner Kandidaten machen auf dem Bundesplatz einen verlorenen Eindruck. Die Moderatoren versuchen verzweifelt, nicht vorhandene Stimmung herbeizureden.
Lokalsender gehen als Sieger hervor
Am Schluss kommt alles so raus, wie erwartet: Simonetta Sommaruga und Johann Schneider-Ammann sind gewählt. Unverzüglich nach der Wahl Schneider-Ammanns haben die Lokalsender die Verliererin Karin Keller-Sutter vor der Kamera («heute ist mein Hochzeitstag, das steht für mich im Vordergrund»), auf SF schwadroniert einmal mehr Iwan Rickenbacher. Dafür schafft es SF etwas später, alle Parteipräsidenten an einen Tisch zu bringen.
Der Kampf um die Bundesratssitze ist entschieden, doch wie steht es im Kampf der TV-Stationen? Unser Urteil: Beide berichteten grösstenteils deckungsgleich, SF hatte ungleich mehr Personal im Einsatz, die weit dynamischeren Expertenrunden und Politikergespräche mit dem souveränen Markus Gilli lassen dennoch die Lokalsender als Sieger hervorgehen.
Am Abend nimmt SF in der Sondersendung «Classe Politique» das Thema nochmals auf, die beiden Gewählten und die Chefs der Bundeshausfraktionen sind geladen. Doch worüber reden, wo es doch keine Überraschungen gab und die Gäste bereits alles tausendmal in irgendein Mikrofon gesagt haben? Ach ja, über die Frauenfrage und die Konkordanz. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.09.2010, 07:59 Uhr
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51 Kommentare
Der Urologen-Spruch ist verächtlich und männerfeindlich. Welcher Mann wäre so taktlos und würde ManagerInnen über 45 öffentlich mit Botox oder Menopause in Verbindung bringen? Nein, für diese Art von Peinlichkeiten lieben "wir" Frau Stämpfli nicht. Antworten
Brennwald war nicht nur gestern ueberfordert. Das ist sein Dauerzustand. Meistens ist er waehrend der Arena intellektuell der Schwaechste. Die Hoffnung bleibt, dass der neue Superdirektor endlich aufraeumt und einige der zeitklassigen Moderatoren rasch ersetzt. Dazu gehoert Brennwald. Antworten
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