Und der Mörder...bist du

Die Truecrime-Serie «Making a Murderer» zeigt, dass die Realität spannender sein kann als ein Thriller.

Beteuerte stets seine Unschuld: Steven Avery wurde 2005 wegen Mordes verurteilt. Zuvor sass er 18 Jahre unschuldig im Gefängnis.

Beteuerte stets seine Unschuld: Steven Avery wurde 2005 wegen Mordes verurteilt. Zuvor sass er 18 Jahre unschuldig im Gefängnis. Bild: zvg/Netflix

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Das Leben ist nicht gerecht, und für die meisten Amerikaner ist das gut so. Aber es gibt auch Verlierer, und einer davon ist Steven Avery. In einem Wohnwagen hausend, verdient er etwas Geld mit Schrotthandel. Sein Englisch ist so schlecht wie seine Zukunftsaussichten. Avery ist «white trash». Es erstaunt in der Stadt Manitowoc niemanden gross, als er wegen Vergewaltigung verhaftet wird. Bloss: Der junge Familienvater ist unschuldig, nach 18 Jahren im Gefängnis kommt er 2003 dank eines DNA-Tests frei, verklagt die Behörden, die im Prozess gegen ihn Beweise unterschlagen haben und bekommt eine Entschädigung zugesprochen.

All dies wird in der ersten Episode der zehnteiligen Netflix-Serie «Making a Murderer» erzählt. Danach beginnt das wahre Drama.

Zwei Jahre nach der Entlassung wird Avery erneut verhaftet, wegen des Mordes an einer Fotografin, deren Knochen auf seinem Grundstück gefunden werden – ausgerechnet von den Polizisten, die Avery belangt hat. Wieder wirken die Beweise konstruiert, manipuliert. Diesmal droht Avery lebenslängliche Haft ohne Aussicht auf vorzeitige Entlassung.

Beeindruckende Recherchen

Dass reale Kriminalfälle als Unterhaltungsformat funktionieren, weiss man spätestens seit «Aktenzeichen: XY  . . .». Doch das Revival des Genres könnte weiter vom voyeuristischen Grusel jener Sendung nicht entfernt sein. Wie der Podcast «Serial» oder die Serie «The Jinx» ist «Making a Murderer» ein beeindruckendes Stück Recherchejournalismus. Zehn Jahre lang haben die Filmemacherinnen Laura Ricciardi und Moira Demos den Fall begleitet, Interviews geführt, Aussagen ausgewertet, im Gericht gesessen. Statt eines erklärenden Off-Kommentars legen sie das Material dem Zuschauer vor, der so zum Mitdetektiv und Richter wird. Inzwischen haben sich Prominente in die Debatte eingeschaltet. Hunderttausende Bürger unterschrieben eine Petition für Barack Obama. Dieser solle Avery begnadigen. Doch dem Präsidenten, hiess es aus dem Weissen Haus, sei dies nur für Verbrechen auf Bundesebene möglich.

Die Serie überzeugt nicht nur als kafkaesker Krimi. Wie die Macherinnen anhand der Familiengeschichte der Averys Armut und soziale Ungerechtigkeit dokumentieren, ist schon fast wie bei Dickens. Über die Jahrzehnte wechseln einige Familienmitglieder die Fronten, verunsichert ob der ständig ändernden Faktenlage. Andere mögen einfach nicht mehr. Irgendwann sind nur noch Averys Eltern, ergraut und durch die Prozesskosten verarmt, von der Unschuld ihres Sohns restlos überzeugt.

Der Zuschauer erlebt ein ähnliches emotionales Auf und Ab. Dass Avery das erste Verbrechen nicht begangen hat, ist bewiesen. Doch haben ihn die Jahre im Gefängnis zu einem richtigen Mörder gemacht? Oder wurde er erneut zu einem unschuldigen Mörder gemacht – hereingelegt von den Justizbehörden und der Polizei. «Making a Murderer» entlarvt das US-Rechtssystem als fehlerhaft und kaputt. Gleichzeitig bleibt der Zweifel, ob Steven Avery unschuldig ist oder nicht. Und ob man nicht selbst Opfer seiner eigenen Interpretation ist. Selten war Fernsehen ergreifender.

Sehen Sie sich auf Youtube die erste Folge an:

Die Ganze Serie läuft online auf Netflix Schweiz. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.01.2016, 08:38 Uhr

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