Hintergrund

«Viele Leute hassen Frauen»

Sie ist die Erfinderin der Serie «Girls» und hat mit 28 ihre Memoiren verfasst: Regisseurin und Produzentin Lena Dunham über bösartige Internetkommentare, brüchige Erinnerungen und weiblichen Erfolg.

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Interessiert Sie, was Zeitungen über Sie schreiben?
Früher habe ich alles gelesen. Dann realisierte ich, dass sich auch Positives in meinem Gehirn festsetzt. Das ist nicht besonders förderlich. Heute versuche ich einfach, bei Interviews überlegte Antworten zu geben, und wenn mir jemand sagt, es gibt da einen interessanten Artikel über dich, dann lese ich ihn. Aber grundsätzlich exponierst du dich nur auf unangenehme Weise, wenn du dich selber googelst.

Seit der Serie «Girls» heisst es, Sie seien exhibitionistisch veranlagt und litten unter einem Aufmerksamkeitsdefizit.
Jemand, der solche Kommentare abgibt, hat zutiefst missverstanden, worum es in der Show geht. Und es ist frauenfeindlich, so etwas zu sagen. Es beleidigt mich nicht auf einem persönlichen Level. Diese Leute kennen mich ja nicht, und sie können auch keine akkurate Einschätzung meines Charakters abgeben. Aber erstens wollen alle Künstler Aufmerksamkeit. Und zweitens ist es sehr beleidigend, zu sagen, dass die Motivation einer Frau, ihren Körper zu zeigen, ein übergrosses Verlangen nach Aufmerksamkeit ist – nach männlicher Aufmerksamkeit wohlverstanden.

Wie gehen Sie damit um?
Manchmal denke ich, die Highschool hat mich auf diese Situation vorbereitet. Die Jungs damals fanden mich nicht süss, und die Jungs im Internet finden mich auch nicht süss. Es ist aber sehr einfach, sich von Meinungen zu distanzieren. Vor allem von jenen, die nicht besonders gut formuliert sind, wie eben solchen bösartigen Internetkommentaren. Schmerzhaft ist hingegen, wenn jemand, den du respektierst, eine ernst zu nehmende Kritik an deiner Arbeit äussert. Aber das ist auch aufregend, weil es bedeutet, dass du dich in einem kreativen Austausch befindest. Der Rest ist Lärm.

Hatten Sie nie das Bedürfnis, sich zu schützen?
Doch. Ich hatte sicher Momente, in denen ich dachte, ich muss Sorge tragen zu mir selber und mich ein wenig zurückziehen aus der Öffentlichkeit. Aber ich hatte nie das Gefühl, weniger von mir preisgeben zu wollen. Etwas mit der Welt zu teilen, macht mir keine Angst.

Gibt es nichts, das Sie bereuen, öffentlich gemacht zu haben?
Nein. Manchmal war ich naiv, wenn es um die Frage ging, wie Leute mit bestimmten Informationen umgehen. Da, wo ich herkomme, hat man sich aber selten gegenseitig für etwas verurteilt. Sicher aber habe ich gelernt, welche Dinge die Leute speziell von einer Frau hören oder eben nicht hören wollen.

Sie haben mal gesagt, die Leute hätten ein Problem mit weiblichem Erfolg.
Frauen sind darauf programmiert, zu denken, dass sie das Accessoire eines erfolgreichen Mannes sind. Männer sind darauf programmiert, zu denken, dass sie erfolgreicher werden als jede Frau, die sie je treffen werden. In den letzten Jahren gab es unter all den Artikeln, die über mich geschrieben wurden, fast keinen einzigen, bei dem es kein Thema war, wie viel Geld ich verdiene. Und ob ich dieses Geld verdiene. Bei Männern interessiert das niemanden.

Sie kommen ja aus einer wohlhabenden Familie.
Lustig, das ist genau dieses Bild, das die Medien kreierten. Meine Eltern sind Künstler, und sie können davon leben, aber sie sind nicht reich. Ich ging an eine Privatschule in New York und lebte in einer schönen Wohnung. Wir flogen aber nicht mit Privatjets herum. Es ist für die Leute offenbar nur schwer vorstellbar, dass eine junge Frau mit 22 einen Film macht, ganz ohne die Hilfe einer wohlhabenden Familie. Also erschaffen sie ein Narrativ, um sich dies zu erklären.

Die Bekanntheit Ihrer Eltern in bestimmten Kreisen hat Ihnen keine Türen geöffnet?
Als «Girls» startete, kam diese Geschichte auf, dass alle Darstellerinnen der Serie berühmte Eltern hätten und dass dies der Grund sei, warum wir bekämen, was wir wollten. Es gibt Tausende von Typen in Hollywood mit berühmten Eltern. Am Ende bist du entweder gut darin, was du machst, oder nicht.

Als Sie «Girls» beim Fernsehsender HBO vorstellten, mussten Sie keine grosse Überzeugungsarbeit leisten.
Das war wegen meines ersten Films, «Tiny Furniture». Die Leute bei HBO hatten ihn gesehen und konnten sich vorstellen, welche Welt ich mit «Girls» abbilden wollte.

Die Serie polarisiert, man hasst oder liebt sie. Eigentlich ist es doch eine harmlose Show über ein paar Mädchen.
Ja, sie ist tatsächlich harmlos. Wir wollen sicher nicht Regierungsgeheimnisse ausplaudern.

Warum tun sich manche Leute trotzdem so schwer damit?
Viele Leute hassen Frauen.

Das ist Ihre Erklärung?
Man kann die Serie nicht mögen, weil sie nervig ist, weil man sie nicht witzig findet. Aber man hat immer die Wahl, sie sich nicht anzuschauen. Ich bin sicher, dass Ablehnung hier aus einer tiefen Misogynie heraus entsteht, manchmal auch bei Frauen. Die Serie hat ein solch einzigartiges Ausmass an Empörung geerntet. Das hat damit zu tun, dass sie viele Leute mit ihren starren Vorstellungen von Weiblichkeit konfrontiert. Mit Gedanken wie: Frauen dürfen nur bestimmte Dinge sagen, Frauen sollten freundlich und nett sein. Diese blinde Wut auf «Girls» interpretiere ich als Unfähigkeit der betreffenden Personen, mit unperfekten und vielfältigen Frauenbildern am Fernsehen umzugehen.

Andere Gründe gibt es nicht?
Es gibt sicher Leute, die sagen: «Girls» ist nichts für mich. Das ist völlig in Ordnung. Aber es ist das Gleiche, wie wenn sich gewisse Zuschauer darüber empören, dass ich mich nackt zeige. Ich meine: Was für eine Beziehung musst du zu deinem eigenen Körper haben, dass du so viel Wut verspürst, wenn sich jemand anderes auszieht – für komödiantische Zwecke? Ich mache keine Pornografie, ich bin keine Prostituierte, und ich degradiere keine Kinder in Amerika. Aber ich will mich da nicht herausreden, manche finden vielleicht einfach mein Gesicht irritierend.

Jetzt haben Sie ein Buch geschrieben und dafür wieder eine sehr persönliche Form gewählt: Es ist eine Mischung aus Tagebuch und Ratgeber.
Ich habe diese Erzählformen immer geliebt: persönliche Narrative, Selbsthilfebücher und Geständnisse in Gedichtform. Meine Schwester hat mich auch darauf aufmerksam gemacht, dass ich ständig solche Bücher lese. Mein erstes Buch ist quasi eine Hommage an diese Art von Literatur.

Das Buch wirkt wie eine Fortsetzung von «Girls». Haben Sie nie darüber nachgedacht, etwas ganz anderes zu schreiben?
Doch. Ich liebe zum Beispiel Geschichte, vor allem wenn sie von Frauen in einer bestimmten Epoche erzählt. Zu diesem Thema habe ich auch bereits einige Projekte geplant. Über sie reden darf ich aber noch nicht.

Sie schreiben einmal davon, dass eine Geschichte auch anders hätte sein können oder dass die Erinnerung Ihrer Mutter zu Ihrer eigenen wird. Ist die Lena Dunham aus dem Buch eine Kunstfigur?
Alles, was ich im Buch erzähle, ist wahr, es ist definitiv nonfiktional. Aber eine Person ist 3-D, ein Buch hingegen nur 2-D. Es ist schwierig, jeden Aspekt davon zu erfassen, wer du bist. Du wirst zu deiner eigenen Figur. Es hat mich sehr interessiert, zu entdecken, was Memoiren sind, wie fragmentiert unsere Erinnerung ist und wie sich unsere Erfahrungen verschieben, wenn wir älter werden und uns verändern. Du blickst anders auf deine Kindheit zurück, wenn du 28 statt 18 bist.

Ihre Kunst reflektiert so stark Ihr Leben, dass es schwierig ist, Fragen über ihre Bedeutung zu stellen. Stattdessen befragt man Sie als Person.
Das stimmt völlig. Ich bringe die Leute in die Position, statt Fragen über das Buch, Fragen über meine Erfahrungen zu stellen. Manchmal würde ich dann gerne antworten: Das steht doch im Buch.

Es gibt keinen Spielraum zur Interpretation.
Es gibt in jeder Arbeit eines Schriftstellers Interpretationsspielraum. Zum Beispiel über seine Absicht oder seine Perspektive. Memoiren sind für mich eine der reichhaltigsten Literaturformen, und ich kann Stunden darüber sprechen, was ein bestimmter Autor mit seinem Buch bezwecken wollte.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.12.2014, 14:49 Uhr

Lena Dunham: Not That Kind of Girl

Lena Dunham wurde mit ihrer TV-Serie «Girls» zur Kultfigur. Jetzt ist ihr erster Roman erschienen.

Das «Time»-Magazin wählte Lena Dunham 2012 zur «coolsten Person des Jahres». Die 28-jährige Erfinderin, Regisseurin und Hauptdarstellerin der HBO-Serie «Girls» hat einen hauptsächlich weiblichen Fanclub, der quer durch die Generationen geht. Wie hat sie das geschafft?
Dunham hat den kulturanalytischen Scharfsinn einer Susan Sontag und den Humor eines Woody Allen. Aber vor allem hat sie den Mut, sich selbst zum Untersuchungsobjekt ihrer künstlerisch-ethnologischen Studien zu machen: ihren, gemessen an Hollywood-Idealen, zu runden Körper, ihre Ängste, ihre Selbstbezogenheit. In der Serie «Girls» erzählt sie von vier jungen New Yorkerinnen, die wissen, dass sie die glücklichsten Frauen der Welt sein müssten. Doch das Einzige, was sie in Überfülle haben, sind Ängste und Neurosen. Was die Serie so überzeugend macht, ist vor allem die unzeitgemässe Zärtlichkeit gegenüber ihren Figuren.
Neben der Serie (und einer Reihe von Filmen) ist nun Dunhams erstes Buch erschienen. In der deutschen Übersetzung heisst es: «Not That Kind of Girl. Was ich im Leben gelernt habe». Die Erwartungen sind riesig: Hält das Buch, was «Girls» verspricht?
Die Protagonistin heisst diesmal nicht Hannah Horvath, sondern Lena Dunham. Und obwohl sich Dunham im Text nicht ausziehen kann, um wie in «Girls» eigenartige Sexszenen zu spielen, ist auch hier ihr wichtigstes Arbeitsinstrument die Selbstentblössung. Wir erfahren alles über ihren Selbsthass. Ihre Zwangsstörungen und ihre Hypochondrie. Ihr Übergewicht und ihre Essgewohnheiten. Und wir werden mit ihrem Schmerz konfrontiert: «Man sieht mir das alles nicht an, wenn ich auf Partys gehe. Unter Leuten bin ich gnadenlos komisch, aufgetakelt in Second-Hand-Kleidern, mit aufgeklebten Fingernägeln, im ewigen Kampf gegen die Müdigkeit von den 350 mg Tabletten, die ich abends nehme. Ich tanze am wildesten, lache am lautesten über meine eigenen Witze und rede von meiner Vagina wie andere über ihr Auto oder ihre Kommode.»
Man kann das alles trivial finden. Und darauf hinweisen, dass die geschwätzige Tagebuchform nichts mit literarischer Gestaltung zu tun hat. Die Erfahrungen der Ich-Erzählerin mögen tatsächlich banal sein, doch genau darum geht es in diesem Buch: «Ich bin eine junge Frau mit dem ausgeprägten Interesse zu bekommen, was mir zusteht, und was hier folgt, sind die hoffnungsvollen Nachrichten von der Front, an der ich dafür kämpfe.» Dass eine Frau auch dann dieses Recht hat, wenn sie weder wie eine fleischgewordene Männerfantasie durch die Welt geht noch Lust hat, auf Schritt und Tritt jemandem eins auf den Deckel zu geben, ist gar nicht so selbstverständlich. Der Text ist angestrengt ideologiefrei, doch zwischen den Zeilen verschafft sich eine Stimme Gehör, die sagt: Schaut, was ihr aus mir gemacht habt. Und staunt darüber, dass ich all das als Material für meine Kreativität benutze.
Um dies in ihrem Text umzusetzen, wählt Dunham eine Mischung aus zwei traditionell weiblichen Formen des Erzählens: die Selbstsuche im Tagebuch und die Hilfestellung für andere im Ratgeberformat. Das erlaubt ihr, als Kunstfigur konsequent davon zu erzählen, was sie in den modrigen Schatten der medialen Bilder erlebt, an denen Frauen gemessen werden. Das Genre lädt zur Demontage von Klischees ein, was sie lustvoll betreibt, und weil alles so witzig ist, muss man sehr genau lesen, um zu erkennen, dass hier eine Feministin mit Spürnase für die Verlogenheiten ihrer Zeit spricht. «Ich finde nichts mutiger, als wenn jemand verkündet, dass seine Geschichte es wert ist, gehört zu werden, vor allem, wenn dieser Jemand eine Frau ist», schreibt sie. Da kann man ihr nur zustimmen. Christine Lötscher

Lena Dunham: Not That Kind of Girl.
Was ich im Leben gelernt habe. Aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz und Tobias Schnettler. S. Fischer, Frankfurt am Main 2014. 304 S., ca. 29 Fr.

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