Kultur

Warum der Schweizer Tatort behäbig und verknorzt ist

Interview: Jan Derrer. Aktualisiert am 22.02.2011 7 Kommentare

Filmkritiker Wolfram Knorr im Video-Interview über schlechte Drehbücher, verfrühte Sex-Szenen, dramatische Amerikaner und introvertierte Deutschschweizer.

«Den Schweizern fehlt die dramatische Mentalität»: Wolfram Knorr über die Mühe der Schweizer mit dem lockeren Erzählen. (Video: Jan Derrer)

Wolfram Knorr

Wolfram Knorr ist freier Filmkritiker. Er arbeitet unter anderem für die Weltwoche, Radio 1 und Star TV. Er schrieb das Buch «Weil sie wissen, was sie tun. Über den Siegeszug der amerikanischen Unterhaltungsindustrie».

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«Wunschdenken», der erste Schweizer «Tatort» seit zehn Jahren, wurde vom Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) zurückgezogen. Nathalie Wappler, die neue Kulturchefin von SRF, meinte gegenüber der SonntagsZeitung: «Dieser ‹Tatort› genügt unseren Qualitätsansprüchen nicht.» Sie bemängelte das Drehbuch und die fehlende Spannung. Zudem sei die Geschichte voller Schweizer Klischees und der Drehort Luzern zu wenig spürbar. Die Kulturchefin stellte auch die Frage, ob die Hollywood-Schauspielerin Sofia Milos (Sopranos, CSI: Miami) neben Stefan Gubser die richtige Besetzung sei.

Regie geführt hat Markus Imboden. Er widerspricht in der SonntagsZeitung Wapplers Kritik und bezeichnet die Folge als «ganz ordentlich». Nur an Sofia Milos lässt er in der Berner Zeitung kein gutes Haar. Sie habe einen Stil mitgebracht, «der nicht in diese Sendung passt». Imbodens Selbstbeurteilung kommt beim Regisseur Samuel Schwarz nicht gut an. Gegenüber Tagesnzeiger.ch/Newsnetz bezeichnet er Imbodens Schuldzuweisung an die abwesende Schauspielerin als «schäbig». Schwarz verlangt vom Tatort-Regisseur mehr als ein «ganz ordentlich». Gefragt seien Kreativität, Originalität und der Ehrgeiz, das Beste zu geben. Sein Fazit: das Tatort-Debakel ist eine Folge von Filz und Dilettantismus.

Sofia Milos befolgte Anweisungen des Regisseurs

Die Hollywood-Schauspielerin Sofia Milos, die als Kind einige Jahre in der Schweiz lebte und Mitglied der Scientology-Sekte ist, zeigt sich über die Absetzung und Kritik an ihrer schauspielerischen Leistung überrascht. In einem Interview mit der Aargauer Zeitung hält sie fest, das Schweizer Fernsehen sei von A bis Z begeistert gewesen und zwar «inklusive aller schauspielerischen Leistungen». Sie betont auch, sie habe vor der Kamera die Anweisungen des Regisseurs befolgt.

«Ich finds nicht gut, was da abläuft», meint Wolfram Knorr im Videointerview gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Man muss jetzt halt einen Schuldigen finden.» Knorr ist einer der markantesten Schweizer Filmkritiker. Im Interview geht er auf die Geschichte des Tatorts ein und analysiert, was diese Produktion von amerikanischen Krimiserien unterscheidet. Auf die Schweizer Tatort-Folgen angesprochen meint er, unter anderem seien schlechte Drehbücher und die Schweizer Introvertiertheit verantwortlich für deren mangelnde Qualität.

Regisseur Markus Imboden legt Wert auf die Feststellung, dass Wolfram Knorr im Video-Interview alte «Tatorte» als «behäbig und verknorzt» bezeichnet, und nicht Imbodens aktuellen «Tatort» «Wunschdenken».

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.02.2011, 07:25 Uhr

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7 Kommentare

Susanne Reich

19.02.2011, 10:00 Uhr
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Diese gegenseitigen Schuldzuweisungen über einen Film welchen das Fernsehpublikum noch nicht mal schauen konnte, werden langsam mühsam. Wir möchten uns selbst ein Urteil bilden! Oder besteht eventuell Gefahr, dass durch diesen Film für einmal etwas Abwechslung in die doch recht karge SF DRS Landschaft kommen könnte? Antworten


Bruno Waldvogel

19.02.2011, 18:41 Uhr
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Locker ein Drama erzählen? Höre ich richtig? Das könnten viele. Die Probleme liegen für uns Autoren an einem ganz anderen Ort. Nämlich die Vergabe von Geldern und Aufträgen. Da wurden und werden bis heute Pfründe bewacht. Die Kulturszene der Schweiz ist ein sich geschlossenes System. Wer nicht Vitamin B hat, kommt da gar nicht rein. Für die meisten bleibt nur die Auswanderung. Antworten




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