«Wenn man nicht zahlt, nehmen sie einem die Niere raus»

Die Odyssee von Flüchtlingen – festgehalten auf dem Smartphone. Der WDR hat aus den selbst gedrehten Videos eine Dokumentation gemacht.

Ein kurzer Einblick in die Handy-Dokumentation des WDR. (Quelle: WDR)

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Ein Militärjet nähert sich, für einen kurzen Moment lang sieht man vier fallende Bomben auf den verwackelten Bildern. Eine Person ruft immer wieder «Allahu akbar», Panik erfüllt ihre Stimme. Kurz darauf: Eine Detonation ist zu hören, Rauchwolken steigen aus den Trümmern eines Hauses in einer syrischen Stadt auf. Die Bomben haben nur wenige Meter vom Filmer entfernt eingeschlagen. Ein unscharfes Handyvideo bildet den fesselnden Einstieg in die ungewöhnliche WDR-Dokumentation «My Escape/Meine Flucht» von Elke Sasse.

Das Element der Handyvideos wird sich durch den ganzen Film ziehen. Die Doku erzählt anhand von selbst gedrehten Clips die Geschichte von Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan oder auch Eritrea auf ihrem Weg nach Europa. Bombenexplosionen, Flüchtlingslager, überfüllte Flüchtlingsboote. Wer glaubt, in den allabendlichen Nachrichten und Zeitungen bereits alles gesehen zu haben, der irrt. Die Handyaufnahmen zeigen ein anderes, eindrücklicheres Bild: Die Flucht aus der Ich-Perspektive.

Material aus den Flüchtlingsheimen

Das Material für die Dokumentation erhielten die Journalisten von den Flüchtlingen selbst. «Wir sind in Flüchtlingsheime gegangen und haben die Menschen dort gefragt, ob sie Videomaterial zu ihrer Flucht haben», erzählte die WDR-Redakteurin Jutta Krug der «Süddeutschen Zeitung». Die meisten Flüchtlinge seien sofort dabei gewesen und zeigten den Journalisten ihre Handyfilme.

Material war für die Dokumentarfilmer mehr als genug vorhanden. Damit bauten sie in bloss sechs Wochen die Doku zusammen. Die einzige Schwierigkeit sei gewesen, dass man eine Dramaturgie hinkriege, so Krug. Deswegen beschränkte man sich schliesslich auf einige wenige Schicksale. Dabei beschlossen sie, den Fokus auf Flüchtlinge zu legen, die in ihrer Heimat zum (gehobenen) Mittelstand gehörten. Der Zuschauer soll so eine Nähe zu den Flüchtlingen spüren.

Ein schauriger Reisebericht

Die Aufnahmen zeigen wie ein Onkel mit seinem achtjährigen Neffen quer durch die Wüste marschiert, wie die Flüchtlinge ihre Habseligkeiten vor der Überfahrt nach Griechenland in wasserdichte Folie verpacken oder wie Schleuser in Izmir seelenruhig den Flüchtlingen ihr Geld abnehmen und einen Dollarstapel nach dem anderen durch die Geldzählmaschine jagen.

Begleitet werden die Aufnahmen nicht von der Stimme eines Kommentators, sondern von den Erzählungen der Flüchtlinge selbst. Episodenhaft erzählen diese einen schaurigen Reisebericht. Sie erzählen von Überfällen und Menschenhändlern, welche die aufgegriffenen Flüchtlinge per Telefon feilbieten. Selbst wenn die Luft in einem verschlossenen Lieferwagen knapp wird, ist das Handy noch mit dabei.

«Benehmt euch wie die Deutschen»

«Ich will zeigen, dass das keine helfenden Menschen sind, sondern eine Mafia», erzählt ein Flüchtling, der die Schlepper heimlich gefilmt hat. Ein anderer berichtet über das unmenschliche Vorgehen der Menschenhändler: «Wenn man nicht zahlt, dann nehmen sie einem die Niere raus.»

Aber die Handybilder zeigen auch ein anderes Bild der Flucht. Sie zeigen, dass die Flüchtlinge selbst unter den widrigen Umständen ihrer beschwerlichen Reise den Humor nicht verlieren. Etwa als nach der Ankunft in Passau ein Flüchtling die anderen anweist: «Leute, lauft nicht auf der Hauptstrasse! Benehmt euch wie die Deutschen.» Oder als ein anderer auf einer Weide in Mazedonien freudig ruft: «Schaut mal, selbst die Kuh ist gekommen, um uns zu begrüssen.»

Die Dokumentation «My Escape/Meine Flucht» ist in der WDR-Mediathek abrufbar. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 18.02.2016, 13:32 Uhr)

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