«Wer etwas in den Wald schmeisst, ist ein Sauhund»

Zum Start der zweiten Staffel der Webserie «Güsel. Die Abfalldetektive» ein Gespräch mit Macher Gabriel Vetter – über illegale Abfallsäcke und Dreck in Teppichetagen.

Gabriel Vetter als Abfalldetektiv.


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«Abfalldetektiv kannst du nicht werden. Abfalldetektiv musst du sein.» Zum zweiten Mal führt uns Satiriker Gabriel Vetter auf den Werkhof von Herblingen, wo er gemeinsam mit seinen Kollegen Oli und Michel als Abfalldetektiv die Welt aus dem Güselsack heraus erklärt. Ein Gespräch zum Staffelstart der hochgelobten SRF-Webserie «Güsel. Die Abfalldetektive», deren gesammelte Episoden hier zu finden sind.

Wer seinen Kaugummi oder seine Zigi auf den Boden schmeisst, soll künftig mit einer Busse von bis zu 300 Franken bestraft werden können. Das ergab eine Vernehmlassung, die bis Anfang dieser Woche lief. Das müsste dem Abfalldetektiv in Ihnen gefallen, nicht?
300 Franken? Wie in Singapur? Das ist ja völlig verrückt. Und wer soll das kontrollieren?

Das fragt ein Abfalldetektiv?
Aber sicher. Die Politik hat sich hier rein gar nichts überlegt. Jeder gesunde Abfalldetektiv weiss, dass ein Abfalldetektiv selber gar keine Bussen ausstellen darf. Falls er denn überhaupt eine Meldung erhält. Da sind die Verhältnisse ganz unterschiedlich. Nehmen Sie Basel: Da werden falsch hinausgestellte Abfallsäcke von den Mitarbeitern der Müllabfuhr im Tiefbauamt den Abfalldetektiven im Amt für Umwelt und Energie gemeldet. Jeder falsche Sack wird departementsübergreifend kommuniziert. Das ist etwa gleich aufwendig wie die 300 Franken für einen weggeworfenen Kaugummi.

Das Bedürfnis nach Sauberkeit scheint in der Schweiz halt ziemlich gross zu sein. Das müssten doch gerade Sie verstehen.
Das ist ein Problem von «Güsel»: Sofort kommt man auf die pädagogische Schiene. Was hatten wir nicht alles schon für Anrufe von irgendwelchen Jugendorganisationen, die uns an ihren Clean-up-Day einluden, um über den spielerischen Umgang mit Abfall zu sprechen. Aber genau das wollen wir nicht!

Sondern?
Abfall und unser Umgang mit Abfall funktioniert als perfekter Spiegel, um die Schweiz zu zeigen. Und Abfall kommt auch unseren Budgetmöglichkeiten entgegen. So günstige Requisiten findet man selten.

Wenn man sie denn noch findet. Kaum ein Land geht so konsequent gegen Abfall vor. In der Stadt Zürich bewerten Experten der Entsorgung + Recycling Zürich die Sauberkeit auf öffentlichen Plätzen auf den Zehntel genau und protokollieren jeden Zigarettenstummel.
Da frage ich mich schon, warum es noch Satiriker und eine Serie wie «Güsel» braucht. Verrückt! Es ist kein Wunder, haben wir ganze Dialogzeilen von echten Abfalldetektiven übernommen. Oft hat unser Umgang mit Littering ja auch etwas unfreiwillig Ironisches. Vergangene Woche hat in Zug so eine Aktion stattgefunden. Die Stadt hat entschieden, den Müll auf einer Wiese für eine gewisse Zeit nicht wegzuräumen, und ihn stattdessen mit übergrossen Schildern in Szene zu setzen, damit sich die Leute etwas überlegen beim nächsten Picknick. Als ob man den Abfall nicht auch so sehen würde, hat ihn die Stadt als eine Art funky Friedhof inszeniert – das hat richtig schön ausgesehen! Und war auch etwas lustig. 200 Meter von dieser kleinen Wiese entfernt befindet sich das Hauptquartier des grössten Rohstoffunternehmens der Welt, das Jahr für Jahr Abertonnen von CO2 und Kohle in die Umwelt rausjagt.

Dass die Stadt Zug trotzdem eine saubere Wiese möchte, ist doch verständlich.
Ja, natürlich. Aber sorry, gerade Zug. Ich kenne die Stadt nur vom Durchfahren. Und erlebe sie dabei als eine Anhäufung von übelstem Gebäudelittering – ein hässliches Gebäude folgt dem nächsten. Da kann man sich schon fragen, was mehr stört: der Kaugummi auf dem Boden oder die Struktur des Profits dahinter.

Wenn der Littering-Begriff nun schon ausgedehnt wird: Der sogenannte Dekogipfel, der heute noch vor vielen Bäckereien in der Schweiz anzutreffen ist, scheint es Ihnen besonders angetan zu haben. Sie twittern regelmässig Sichtungen und ein Gipfel hat es jetzt auch in die Serie geschafft.
Ich bin ein grosser Fan des Dekogipfels. Allerdings muss man korrekt bleiben. Der Dekogipfel heisst in der Fachsprache nicht Dekogipfel. Auch nicht Riesengipfel, den gibt es in der Migros für 2.40 Franken. In Wahrheit ist der Gipfel ein 3-D-Werbeschild. Aber das macht es auch nicht besser. Ich habe früher in Stein am Rhein gewohnt, einer museumsgewordenen Kleinstadt, deren Ortsbild strengstens reglementiert ist. Der Volg oder die CS müssen auf ihre Logos verzichten und stattdessen eine Beschriftung aus Gusseisen anbringen – als ob es die CS schon im Mittelalter gegeben hätte. Die grosse Ausnahme: Der Beck im Dorf darf einen Dekogipfel aufstellen – allerdings nur einen kleinen.

Und der stört Sie?
Nein, der Dekogipfel ist die harmloseste Variante von Werbelittering. Nehmen Sie einen x-beliebigen Bahnhof in der Schweiz: Da wird man von Werbung richtiggehend belästigt. Das ist wahres Littering. Wir müssten uns grundsätzlich darüber unterhalten, was im öffentlichen Raum stört, und was nicht. Nehmen Sie die Bettler: Mit grossem Aufwand wird in der Schweiz versucht, das Betteln aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. Dabei ist der Unterschied zu einem Werbeschild und einem Bettler im Grundsatz gar nicht so gross: Beide wollen Geld von dir. Ich will jetzt nicht zu hippiemässig klingen: Aber wir sollten einen Menschen besser behandeln als eine Werbetafel.

Das ist jetzt schon etwas hippiemässig.
Ja, aber unser schräges Verhältnis zum Abfall lässt sich an vielen Dingen zeigen. Nach jedem Festivalsommer regen sich die Leute über die Müllbilder bei den Open Airs auf. All dieser Dreck, all die Zelte, die die Leute einfach stehen lassen. Man kann sich fragen, warum das so ist: Wenn heute ein Zelt für fünfzig Franken zu haben ist, dann kann sich der 22-Jährige UBS-Angestellte mit seinen 8000 Stutz im Monat seinen Stundenlohn beim Abbauen des Zelts ausrechnen – und lässt es stehen. Das ist der gleiche Mechanismus wie bei den Leuten, die in der Schweiz alles zu teuer finden, und stattdessen die Billigware aus China oder woher auch immer posten. Alles muss immer billiger sein und gleichzeitig regt man sich auf, dass immer mehr weggeworfen wird. Ein Wahnsinn!

Sie scheinen beinahe etwas verzweifelt. Für wie schmutzig halten Sie die Schweiz?
Ich wünsche mir ganz naiv, dass das alles nicht stimmt, was man so liest. Von der Bahnhofsstrasse, von der Korruption bei der Fifa, von den Genfer Anwälten und ihren dreckigen Geldern. Ich glaube, so geht es noch vielen Schweizern. Der Zwiespalt zwischen sauberem Land und schmutzigen Geschäften ist einem bewusst, und darum wird man auch so hässig, wenn man darauf hingewiesen wird.

Und genau das macht Ihr Abfalldetektiv.
Ich weiss nicht. Der denkt nicht so weit. Er findet einfach: Wer etwas in den Wald schmeisst, der ist ein Sauhund. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.06.2015, 12:25 Uhr

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