Kultur

Wer macht die besten Sprüche?

Aktualisiert am 30.05.2009

Der mächtige Jay Leno tritt von der grossen Bühne der «Tonight Show» ab. Hinter den Kulissen führte das zu bösem Blut. Der neue NBC-Talker tritt auf hartes Pflaster.

Wer nicht bei Jay Leno war, dem fehlt etwas im Lebenslauf: Das galt auf für die First Lady.

Wer nicht bei Jay Leno war, dem fehlt etwas im Lebenslauf: Das galt auf für die First Lady.
Bild: Keystone

(Bild: Keystone)

Arnold Schwarzenegger tat es, wiederholte Male. Hillary Rodham Clinton und John McCain genossen ihre zahlreichen Auftritte. Und Präsident Barack Obama flog jüngst gar quer durchs ganze Land, um im Fernsehstudio in Kalifornien neben Jay Leno Platz zu nehmen: Die «Tonight Show» auf dem Sender NBC ist dank dem Gastgeber mit dem markanten Kinn nicht nur unter Künstlern und Show-Sternchen äusserst beliebt – auch Politiker haben sich in den vergangenen 17 Jahren die Klinke in die Hand gegeben. Gestern Abend nun hatte der 59-jährige Leno seinen vorerst letzten Auftritt um 23.30 Uhr. Er machte auf Wunsch seines Arbeitgebers Platz für Conan O’Brien, der am Montag erstmals durchs Programm führen wird.

Lockere Mischung, die besticht

Leno ist beileibe nicht der einzige Talkmaster, der das amerikanische TV-Publikum in den späten Abendstunden mit einer lockeren Mischung aus bissigen Witzen, Alltagsbetrachtungen, Gesprächen und Musik unterhält. Die «Tonight Show», seit 1954 auf Sendung, nimmt aber eine besondere Stellung im Alltag vieler US-Bürger ein – weil sie immer noch untrennbar mit dem Namen Johnny Carson verbunden ist, der von 1962 bis 1992 durchs Programm führte. Carson war es, der das Genre der spätabendlichen Talkshows perfektionierte und die «Tonight Show» zu einer kulturellen Institution formte. So gab er Showstars, Politikern und anderen Berühmtheiten die Gelegenheit, sich von einer anderen, menschlicheren Seite zu präsentieren: als Sprücheklopfer und als Anekdotenerzähler. Carson hatte die Begabung, sich während seiner Interviews zurückzunehmen und sein Gegenüber im bestmöglichen Licht darzustellen.

Der 59-jährige Leno handhabte es ähnlich, auch wenn er sich rasch aus dem langen Schatten von Carson löste. So genoss es Leno, sich über den breiten österreichischen Akzent von Arnold Schwarzenegger lustig zu machen – und doch kehrte der ehemalige Filmstar immer wieder ins «Tonight»-Studio zurück, um den Gastgeber lachend als Idioten zu bezeichnen. Im Jahr 2003 gab Schwarzenegger gar seine letztlich erfolgreiche Kandidatur für den Gouverneursposten in Kalifornien in Lenos Sendung bekannt.

Aushängeschild und Goldesel

Für den Sender NBC, der unter sinkenden Zuschauerzahlen leidet, ist die «Tonight Show» das Aushängeschild und ein veritabler Goldesel: Trotz der harten Konkurrenz durch David Letterman (CBS), Jimmy Kimmel (ABC) und Stephen Colbert (Kabel) gewann Leno in den vergangenen Jahren regelmässig das Rennen um die höchsten Einschaltquoten – gemäss Branchenkreisen entspannen sich von Montag bis Freitag sechs Millionen Amerikaner bei der «Tonight Show». Verständlich deshalb, dass die forcierte Stabübergabe von Leno an O’Brien in der Teppichetage eine gewisse Nervosität auslöst.

Der 46-jährige O’Brien ist für das Fernsehpublikum kein Unbekannter. Seit 1993 unterhielt er Nachteulen mit seiner «Late Night Show», die auf dem Sender NBC unmittelbar auf Lenos Programm folgte und die durchschnittlich von zwei Millionen Menschen gesehen wurde. O’Brien, dessen Markenzeichen eine Tolle ist, sprach dabei aber ein jüngeres Publikum an, das Slapstick, schärfere Witze und schrägere Gäste bevorzugt – passend zu seinem Arbeitsort New York. Er sei sich der Herausforderung bewusst, sagte O’Brien jüngst in einem Pressegespräch, denn der Erfolg der «Tonight Show» habe auch viel mit Gewohnheit zu tun. Auch Leno habe in den Neunzigerjahren mit diesem Problem gekämpft. Als er von Carson das Zepter übernahm, hätten viele Zuschauer das Gefühl gehabt: «Das fühlt sich einfach nicht richtig an.»

Eine Bühne mehr

Einen Unterschied gibt es allerdings: Im Gegensatz zu Johnny Carson, der relativ geräuschlos in den Ruhestand trat, wird Leno weiterhin im Fernsehen zu sehen sein. Aus Angst, die Konkurrenz ködere ihn mit einem lukrativen Angebot, bot NBC ihm nämlich nach einigem Hin und Her eine neue Show an. Ab September wird Leno täglich zwischen 21 und 22 Uhr ein Varieté-Programm moderieren, unmittelbar vor O’Brien also. Das führte, so heisst es hinter vorgehaltener Hand, zu bösem Blut zwischen den beiden Talkmastern. Politiker wie Arnold Schwarzenegger allerdings werden sich darüber freuen: Nun steht ihnen eine weitere Bühne zur Verfügung. (cpm/der bund)

Erstellt: 30.05.2009, 17:47 Uhr


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