Wollen alle Stars sein, ist keiner mehr einer
Von Bettina Weber. Aktualisiert am 26.10.2010 6 Kommentare
Die neue SF-Casting-Show «Kampf der Chöre».
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Jetzt also nochmals eine Castingshow. Es nimmt, so scheint es, kein Ende. Das Schweizer Fernsehen bringt mit dem am Sonntagabend gestarteten «Kampf der Chöre» nach «Musicstar» eine weitere Variante des Formats, das wie kein anderes den Voyeurismus bedient und damit verlässlich für hohe Einschaltquoten sorgt. Alle setzen sie seit geraumer Zeit darauf, von ITV in Grossbritannien über RTL, Vox und Pro 7 in Deutschland bis hin zu TeleZüri und dem Schweizer Fernsehen hierzulande.
Ab Januar werden auf SF «Die grössten Schweizer Talente» per Casting gesucht. Und damit wir in Zukunft nicht länger die Demütigung von Zero Points an der elenden Eurovisions-Veranstaltung ertragen müssen, wird der Nächste, der dort verheizt wird, klar, ebenfalls per Casting ermittelt. Selbst der Nachfolger von Moderator Beni Thurnheer soll dergestalt gefunden werden.
Ritterschlag des Daseins
Dem Zuschauer kommt dabei mehr als nur eine passive Rolle zu, er kann den Daumen hoch oder runter halten und sozusagen ins Geschehen eingreifen, indem er seine Stimme abgeben darf. Was urdemokratisch klingt, ist Kalkül: Auch der vor dem Fernseher zu Hause soll sich wichtig fühlen, also ein bisschen als Star, und das ist wichtig in einer Zeit, in der ja überhaupt alle Stars sein wollen. «Ich will ein Celebrity-Leben führen», brachte jedenfalls einer der Kandidaten der Castingshow «Fashion Days Model Challenge 2010» auf Pro 7 unlängst den Grund für seine Teilnahme auf den Punkt: Vor der Kamera zu stehen, ist quasi zum Ritterschlag des modernen Daseins geworden, zur eigentlichen Existenzberechtigung. Und weil der Wunsch, so wahnsinnig gerne etwas Besonderes zu sein, weit verbreitet ist, können sich die Organisatoren solcher Formate vor Anmeldungen kaum retten. Gleichzeitig schaffen sie so gleich selbst die Nachfrage: Angesichts dessen, was da so präsentiert wird am Bildschirm, sieht der gemeine Zuschauer sozusagen sein Ebenbild – das es im Unterschied zu ihm aber ins Fernsehen geschafft hat. Und er denkt: Was der kann, kann ich auch.
Womit ein Paradox entsteht: Wenn alle Stars sein können, ist niemand mehr einer. Wenn jeder, der über eine stupende Portion Selbstbewusstsein und eine noch grössere Portion Eitelkeit verfügt, sich aber ansonsten im Grunde durch ein ausgeprägtes Nichtskönnen auszeichnet, zum Star werden kann, dann wird der Begriff abgewertet, zur Worthülse.
Gewisse Luxuslabels haben sich auf diese Weise beinahe selbst abgeschafft: Luxus bedeutet Exklusivität, funktioniert also ausschliessend. Wird das Logo aber überall platziert, wo es möglich ist, wird das Spezielle zum Gewöhnlichen. Die Marke gilt dann nicht mehr als begehrenswert. Sondern nur noch als peinlich. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.10.2010, 12:17 Uhr
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6 Kommentare
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Hat der Reporter doch ins Marketinghandbuch geschielt... Recht hat er jedenfalls damit, dass jeder meint etwas besonderes zu sein. Ehrlichgesagt ist mir schon lange ein Rätsel, wieso Horden degenerierter Teenager einer Lady Gaga und Co. nacheifern und nachjagen. Keine Botschaft, keine Ausstrahlung (ausser fast nix an) kein gar nix. Seit Elvis tot ist gibts keine richtigen Stars mehr. Antworten
@Markus Stutz und selbst Elvis war am Schluss nur ein fetter, für sein Alter, extrem alt aussehnder Mann. Drogen und fettsüchtig und zu seinem Lebzeiten wollte fast niemand mehr Elvis sehen. Erst durch seinen Tod wurde er zu dem Star, als der er heute angesehen wird. Antworten
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