Zu anspruchsvoll für Schweizer Zuschauer?
Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 30.08.2010 33 Kommentare
Michel Bodmer ist Redaktionsleiter «Film und Serien» bei SF. (Bild: SF)
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«Was wollen Frauen?», fragt der Hauptdarsteller Don Draper seinen Chef in der Werbeabeilung. Dieser weiss die einzig richtige Antwort. «Who cares!» In der amerikanischen Fernsehserie «Mad Men» kümmert es tatsächlich niemanden, was Frauen wollen. Sie spielt in den Sechzigern, als scheinbar noch niemand etwas von Emanzipation wusste und von Rauchverbot ebenfalls nicht. Bei jeder Gelegenheit wird gequalmt – ausser, es wird gerade Whiskey getrunken. Selbst dem Gynäkologen hängt eine Kippe im Mundwinkel, während eine Single-Frau auf dem Stuhl mit den Fersenhaltern sitzt und sich eine Predigt über Flittchen anhören muss, weil sie sich über die Pille informieren wollte.
Ein Graus für emanzipierte Frauen
Bei den Emmy-Awards von gestern Abend in Los Angeles räumte «Mad Men» zum dritten Mal in Folge einen der Hauptpreise ab, die Auszeichnung für die beste Dramaserie. Sie spielt in einer Werbeagentur an der New Yorker Madison Avenue. Daher der Serienname «Mad Men». «Mad» passt jedoch auch für die Männer in der Serie. Ihr Verhalten ist für jede annähernd emanzipierte Frau von heute ziemlich schräg.
Saufen, Rauchen und Frauen, die maximal als Heimchen am Herd genügen oder als feurige Männerfantasie herhalten müssen – ist «Mad Men» zu viel des Guten fürs Schweizer Fernsehen? «Im Gegenteil. Die aufkommende Emanzipation ist das, was uns am meisten interessiert. Ausserdem wird von uns noch nicht verlangt, Humphrey Bogarts Zigarette zu zensurieren», sagt Michel Bodmer, Redaktionsleiter Film und Serien beim Schweizer Fernsehen. Dennoch wird die so erfolgreiche Serie vorerst nicht auf SF zu sehen sein, obwohl Bodmer und seine Redaktionskollegen sich dafür einsetzen. Gründe dafür gibt es verschiedene. Dass von «Mad Men» bis vor kurzem eine deutsche Übersetzung fehlte, ist nur eine davon.
«Serie ist nicht sofort zugänglich»
«Mad Men» ist so anders als die erfolgreichen «Desperate Houswives», «Dr. House», «Grey’s Anatomy» oder «Brothers and Sisters». Die Figuren sind komplex gezeichnet, es ist weder Krimi noch Komödie, es gibt kein klar erkennbares Gut und Böse und wenn, dann ist das Gute in der nächsten Folge böse und umgekehrt. Sie hat fast schon etwas Dokumentarisches und spielt hauptsächlich in der Geschäftswelt der Sechzigerjahre, in denen Männer das Sagen haben. Werbefritzen versuchen, die Kunden zu manipulieren, während sie selber manipuliert werden. Kein Thema, das einem so zu Herzen geht wie die Schwerkranken aus «Grey’s Anatomy», die Beziehungsprobleme bei «Desperate Houswives» oder eine Fehlgeburt bei «Brothers and Sisters».
«Die Serie ist nicht sofort zugänglich und reizvoll. Möglich, dass die Leute nicht die Geduld aufbringen können, um sich darin zu vertiefen», so Bodmer, den die Serie auch erst nach dem fünften oder sechsten Mal gepackt hat. Es sei nicht einfach, den Leuten zu erklären, warum sie sich die Serie anschauen und sie toll finden sollen. Dass sie in den Sechzigerjahren spielt, macht es nicht einfacher. Das junge Publikum, das Serien schaut, kann mit der Zeit wenig anfangen. Die älteren Leute, die einen Bezug zur Zeit haben, schauen weniger Serien. Entsprechend schwierig gestaltete sich bislang die Suche nach einem geeigneten Sendeplatz für die Serie.
Die Branche ist begeistert
Doch etwas ist dran an der Serie, obwohl die Männer ziemlich chauvinistisch sind und die Frauen spiessig. Die damalige Zeit ist optisch wunderbar umgesetzt, alles ist getreu der Sechziger gestylt. Ganze Modelinien wurden nach der Vorlage von «Mad Men» entwickelt. Der Held, der Werber Don Draper, ist zwar ein absoluter Macho, der laszive Frauen vernascht, obwohl er ein hübsches Blondchen zu Hause am Herd hat. Doch Draper hat auch Stil, er ist cool, ihm haftet etwas James-Bond-mässiges an. «Gehen wir es ein wenig langsamer an. Ich will nicht schwanger aufwachen», sagt er zum Arbeitskollegen, der ihn gerade eingeschleimt hat. Womit er überhaupt nichts anfangen kann, sind selbstbewusste, emanzipierte Frauen, die ihm immer öfter vor der Sonne stehen.
Die aufkommende Emanzipation ist Kern der Serie, obwohl sich dies einem nicht gleich zu Beginn erschliesst. Doch bereits in der dritten Staffel ist die Vormacht von Don Draper und den Machomännern arg in Gefahr. Weil die Serie einen völlig neuen Ansatz wagt, hat sie die Branche von Anfang an begeistert. Der Erfolg bei den Emmys ist der Beweis dafür. Ob sie den durchschnittlichen Serienzuschauer ebenfalls zu überzeugen vermag, ist unsicher. In den USA ist «Mad Men» nur über Kabel zu sehen, das sich die Abonnenten einiges kosten lassen müssen. Die Zuschauerzahlen halten sich mit 2,9 Millionen entsprechend in Grenzen. Doch kein Grund für SF, die anspruchsvolle Serie zu ignorieren, vor allem, da die Quoten von Folge zu Folge steigen und dem Kabelsender AMC den bislang grössten Erfolg bescherten. Das anspruchsvolle Publikum zu berücksichtigen, ist schliesslich auch eine Aufgabe des gebührenfinanzierten Fernsehens. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 30.08.2010, 15:19 Uhr
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33 Kommentare
Serien sind ja was schönes, aber es wäre wirklich mal Zeit sich mit was anderem zu beschäftigen als der Glotze, jeden Abend davor zu sitzen und nicht denken zu müssen ist ja eine einfach Variante der Unterhaltung, aber unsere Gesellschaft verdummt. Ich zietere Herr Lardi, viele Menschen wissen dann nicht mehr was Realität heisst und lassen sich von diesem Quatsch beinflussen. Lest doch ein Buch. Antworten
Eine solche Serie wie Mad Men wäre sehr zu begrüssen im SF. Es darf ruhig ein bisschen anspruchsvoller und weniger tränenreich sein. Ausserdem ist die heutige Jugend durchaus noch an den 60gern interessiert. Vielleicht nicht der Durchschnitt aber auch junge Menschen können und müssen anspruchsvoll sein. Antworten
Fernsehen als Opium fürs Volk, dass dieses Pauschalurteil aus dem Munde selbstverliebter Schöngeister längst der Vergangenheit angehört zeigen Serien wie "Mad Men". Es ist an der Zeit, dass snobistische Cüpli-Intellektuelle einsehen: An Anspruch und Komplexität steht das Fernsehen der Literatur mit Serien wie "Mad Men", "In Treatment" oder "The Wire" in nichts mehr nach! Antworten
SF zeigt(e) viel mehr anspruchsvollere Serien als die deutschen Sender: "The Sopranos", "Damages", "Breaking Bad", "Six Feet Under", "In Treatment", "John Adams" etc. Ich kenne "Mad Men" und diese Serie ist bestimmt nicht schwerer zugänglich als die Gegnannten. Dass sich im späteren Abendprogramm kein Platz findet,ist mir schleierhaft... Antworten
Da kann ich nur lachen! Nicht reizvoll? Und was soll dann an der x-ten Spital-/Ärtzeserie reizvoller sein? Schade, denn da wird dem (nicht über Kabel oder DVD-Player verfügenden) Schweizer Publikum wahrlich ein Juwel vorenthalten. Dass die aufkommende Emanzipation Kern der Serie ist, ist übrigens nicht schwer zu erkennen. Und wann hat man je wieder soviel Ästhetik im Fernsehen erleben dürfen? Antworten
Braucht es wirklich noch eine Weichspühl-Serie mehr ? Jede Woche der mit dieser und diese mit dem und nächste Woche wieder umgekehrt, immer dieselbe Story. Angefangen hatte es ja mit Dallas, Denver und mittlerweile laufen Dutzende solcher Formate - sorry sowas brauchen wir nicht am TV. Wer das will besorgt sich die DVD und lässt sich zuhause weichspühlen. Antworten
Schade, schade.... SFDRS beweist wieder mal, dass intelligente Programmgestaltung nicht zu ihren Kernkompetenzen gehört. Mad Men ist ein absolutes Must und hätte auf einem der Zielgruppe entsprechenden Sendeplatz Top Ratings erzielt. Und wenn dann mal ein Serienhighlight wie "Glee" eingekauft wird dann wird es auf dem völlig unpassenden Sendeplatz am Samstag verheizt... Antworten
Hab meinen Fernseher vor 3 Jahren weggeschmissen weil ich den langweiligen Schrott nicht mehr aushielt, muss aber trotzdem die "Kopfsteuer" an BIllag zahlen, weil ich übers Internet Wilmaa oder Zattoo schauen könnte, wenn ich mir das Leben noch langweiliger machen wollen würde. Videothek ist einfacher und geht einem weinger auf die Nerven. Antworten
"In den USA ist «Mad Men» nur über Kabel zu sehen, das sich die Abonnenten einiges kosten lassen müssen." Der Sender AMC (American Movie Classics) ist Bestandteil von Basic Cable. Basic Cable. Kostet 29 USD pro Monat. es gibt keine Billag- Gebühren. die Aussage 'einiges kosten lassen' ist somit falsch, denn praktisch alle haben Basic Cable. AMC zeigt viele Filme aus der gleichen Epoche. Antworten
Es bevölkern schon genug amerikanische Serien FS DRS. Es wird wohl niemand sterben, wenn diese Serie nicht auch noch gezeigt wird. Das gleiche gilt für den Sport. Viele in der Schweiz betriebene Sportarten finden keine Erwähnung, dafür haufenweise Autorennen und Fussball ohne Ende und Meldungen über irgendwelche amerikanische Sportanlässe, die wohl höchstens eine kleine Minderheit interessieren. Antworten
@ Hans Ineichen: Ich gehe mal davon aus, dass Sie Mad Men gesehen haben, was ist daran "ewig gleich"? Für mich ist das etwas ganz Neues, Anspruchsvolles eben nicht als abgeschlossene Einzelfolgen sondern Handlungsstränke zum Teil über 10 Folgen. Bitte nennen Sie mir die angeblich gleiche Vorlage, die müsste ich in dem Fall unbedingt auch schauen... Antworten
Ich bin eine linke Emanze und ich kann nur sagen: Mad Men ist eine der hervorragendsten Serien der letzten 20 Jahre. Typisch fürs Schweizer Fernsehen, dass sie sich diese Chance entgehen lässt. Ich habe die Sendung übers Internet schon auf Englisch gesehen, wie auch die meisten meiner jungen Schweizer Freunde (-40 und sogar mein Mami, das altersmässig wohl eher SFDRS Klientel ist). Antworten
Mir würde es schonr reichen wenn man wiedermal eine der preisgekrönten HBO-Serien (Band of Brothers, The Pacific) auf SF zeigen würde.... Grundsätzlich finde ich, dass SF bei der Auswahl der Serien ein gutes Händchen zeigt (True Blood, In Treatment). Antworten
"Eine anspruchsvolle Serie? Nein! Sowas gibts nicht im deutschsprachigen TV!" Oder interpretiere ich die Argumentation von Herrn Bodmer jetzt falsch? Aber eigentlich egal, den diversen und redundanten TV/Radio-Redakteuren sei Dank steht schon länger ein PC mit diversen Anschlüssen im Wohnzimmer. Antworten
Habe leider nicht die Geduld darauf zu warten, bis SF realisiert, welche TV-Juwelen es noch zu entdecken gibt. Zudem ist es schade, kann man sie nur entweder auf Deutsch oder Original schauen (falls Zweikanalton überhaupt angeboten wird). Wieso geht es hier nicht wie z..B. in Schweden, wo Serien mit Untertiteln laufen? Don Draper auf Deutsch.... ein Graus! Antworten
"Mad Men" ist etwas vom Besten, dass man zurzeit überhaupt schauen kann. Die Charaktere sind komplex und es braucht tatsächlich ein wenig Hirnschmalz, um sich mit "Mad Men" auseinander zu setzen. Das ist TV erster Güte für intelligente Wesen, die sich auch mal gerne herausfordern lassen. Don Draper einfach zur als Macho darzustellen ist etwas gar einfach. Seine Abgründe werden früh genug offenbart Antworten
Ich lebe in den USA und in der Schweiz. Ich sah mir alle Folgen von Mad Men an. Super cool. Ich liebe diese Herrengesellschaft. In der Schweiz mit diesen linken Frauen beim Schweizer TV nicht moeglich. Die linken Frauen in der Schweiz haben zu grosse politische Macht, sodass diese Show nie in die Schweiz kommt. Schade, waere cool fuer die Schweizer Maenne. Antworten
Die Herrenanzüge sind heute noch dieselben wie damals. Ansonsten ist es beeindruckend, mal den Spiegel vorgehalten zu kriegen und zu sehen, welche Entwicklung Gesellschaft, Rollenbilder, Emanzipation, Gleichberechtigung und Wirtschaft seither durchgemacht haben. Natürlich gibts immer viel zu tun für die Gesellschaft, doch vergisst man manchmal ein wenig Stolz auf das Erreichte zu sein. Antworten







Tanja Blass
Jetzt hätte die Schweiz endlich mal die Chance, etwas total Neues zu senden, denn Mad Men ist in unseren Breitengraden nur auf dem FOX Channel (Pay-TV) zu sehen. Die Serie macht süchtig und ist unglaublich gut umgesetzt und spannend. Nicht zuletzt hat diese Serie die ganzen internationalen Modeschöpfer beeinflusst - Einflüsse hierzu sind in jedem Schaufenster zu sehen. Absolut sehenswert. Antworten