Zwischen Leichenmaden und geköpftem Teddybär

Trotz loser Fäden in der Story: Die hochgetaktete «Tatort»-Folge «Borowski und das dunkle Netz» fesselt. Scharf.

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Schweres Atmen unter einer Schakalsmaske, unheimliche Flüsterfetzen aus dem Off, und auf gehts in der Egoshooter-Perspektive: Waffe heben, loslaufen, mit der schwarz behandschuhten Hand die Tür des Fitnessclubs öffnen – schiessen. Panische Menschen taumeln durchs Blickfeld. Schiessen, weiterlaufen. Treppe rauf, Türe auf, Blick ins schwarz geplättelte Klo, Treppe runter, Blick in die weiss geplättelte Dusche, weiterlaufen. In der Garderobe hockt das Zielobjekt – schiessen. Schlag von rechts, die Kopfkamera wackelt heftig, das Mikro speichert Gegurgel und Geschrei.

Nach drei Minuten Hardcore-Killeraktion wechselt die Perspektive der neuen Kieler «Tatort»-Folge in den distanzierten Rückblick: Man sieht das blutige Chaos von oben, im grellen Licht der Aufzeichnung einer Überwachungskamera statt im schlecht ausgeleuchteten Head-Cam-Groove.

Der Kameramann geht in die Vollen

Anders gesagt: Der Mann, den die Credits unter «Bildgestaltung» und «Kamera» anführen, der Berner Benedict Neuenfels, geht in «Borowski und das dunkle Netz» in die Vollen. Er orgelt sich durch eine dramatische Neonlichtpalette, kanns aber auch düster-grau, wenn Borowski (Axel Milberg) und seine Kollegin Brandt (Sibel Kekilli) etwa in der drastisch unterbesetzten Cyber-Crime-Abteilung des LKA landen, wo zwei Nerd-Karikaturen vergeblich Drogenflüssen, Bitcoin-Transaktionen und Auftragsmördern im Darknet hinterherfahnden. Selbst flockiges Edutainment mit Comic-Relief-Effekt hat Neuenfels drauf: Da wird dem angejahrten Kultkommissar mit einem herzigen, personalisierten Zeichentrickfilm die Funktionweise des «dunklen Netzes» erklärt – inklusive Tor-Verschlüsselungsprogramm, das überlebensnotwendig für Dissidenten in Diktaturen ist und tödlich für allzu fähige Kriminalisten.

Das Drehbuch von Koautor und Regisseur David Wnendt («Feuchtgebiete») spielt leichthändig, ja, fast flapsig mit den Genres – vom Horror und Splatter über den Whodunnit-Sonntagskrimi bis zur krassen Posse. Da darf auch über den ermittelnden Sturkopf gelacht werden; und oft stiehlt ihm die demnächst verschwindende IT-Expertin Brandt die Show (Kikelli ist, nach sieben Jahren und 13 Folgen, nur noch im Mai in einem «Borowski-Tatort» zu sehen). Der Film jongliert mit diversen Genre-Standards, derweil er über das Seil zwischen realer und virtueller Welt balanciert – und reflektiert. Ein galliger analog-digitaler Spass.

Eine kenianische Schakalfalle kommt zum grausigen Einsatz.

Raubzeugscharf ist zum Beispiel, wie Maximilian Brauer als sklavischer Cyber-Killer durch die Realität turnt. Und wie der Regisseur von einer schneckenhausförmigen kenianischen Schakalfalle – die zum grausigen Einsatz kommen wird – zu Borowski blendet, der, irregeleitet von einer bösen Handystimme namens Sabine (ein Lacher am Rande), in einem Kreisverkehr seine Kurven dreht: Das ist ein optischer Supercoup.

Die Story hat zwar lose Fäden, ein paar der Opfer beispielsweise scheinen während der hochgetakteten 90 Minuten vergessen zu gehen. Dafür sitzen wir, zwischen keuchendem Schakal, fetten Leichenmaden und geköpftem Teddybär, vor dem Bildschirm wie ein Kaninchen vor der Schlange: gefesselt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.03.2017, 09:29 Uhr

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