Der Trainer, der Vater, der Fremde

Vergewaltigung ist ein Verbrechen, das nicht ungestraft bleiben darf, aber es dennoch oft tut. Warum, zeigte der gestrige SRF-Dok über Missbrauchsopfer.

Vier Frauen, vier verschiedene Vergewaltigungsgeschichten: In diesem Dokfilm brechen sie ihr Schweigen. (Quelle: SRF)


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«Hure!» schreibt Marie-Ange Brélaz auf die kleine Tafel, hält sie in die Kamera und posiert damit für ein Porträt. Es ist ein Zitat ihres Vergewaltigers. Seine Worte, während er sie sexuell misshandelte. Sie war damals 17 Jahre alt. Das Foto macht Grace Brown, Gründerin des Projekts Unbreakable, das den Überlebenden von sexuellem Missbrauch eine Stimme verleihen will. Brown nennt sie bewusst nicht Opfer, da «der Begriff etwas Definitives hat». Der Ausdruck Überlebende sei offener, lasse Raum für Neues.

Um das Neue, das ‹Danach› geht es auch den Filmemachern Philippe Mach und Marc Wolfensberger im Dokumentarfilm «Tabu Vergewaltigung – Frauen erzählen» (2014), der gestern auf SRF 1 gezeigt wurde. Darin porträtieren Mach und Wolfensberger vier Frauen, die sexuell missbraucht wurden, und stellen nicht das Ereignis in den Vordergrund, sondern den mühevollen Heilungsprozess, der mit einer langen Phase des Schweigens einherkommt.

Der Trainer, der Fremde, der Masseur

Isabelle Demongeot ist eine der vier Frauen, die ihre Geschichte erzählen. Die ehemalige französische Tennisspielerin wird neun Jahre lang von ihrem Trainer sexuell missbraucht. Beim ersten Mal ist sie 13 Jahre alt. Lange schweigt sie, zeigt ihn schliesslich 25 Jahre später an — und enthüllt 23 Frauen, die vom selben Mann misshandelt wurden. Marie-Ange Brélaz schweigt 30 Jahre lang. Den Mann, der sie mit 17 Jahren vergewaltigt, zeigt sie nie an. Manon Leresche wird von drei Männern in einen Tunnel verschleppt und vergewaltigt. Zur Polizei will sie nicht, doch ihr Umfeld ermutigt sie, Anzeige zu erstatten, was sie dann auch tut. Cécile Zec sagt mit anderen Opfern vor Gericht aus: Sie wurde von einem Serienvergewaltiger misshandelt, der seine Massagekunden betäubte, stundenlang vergewaltigte und sich dabei filmte.

Die Geschichten sind eindeutig, jede einzelne auf ihre Art schockierend, zum Teil unglaublich. Wie unangenehm es ist, darüber zu sprechen, sieht man den Frauen an. Sie schauen direkt in die Kamera, erzählen nüchtern, was geschah, wie es ihnen seither ergangen ist. Dass sie aus Scham und Schuldgefühl lange schwiegen, lässt ein bedrückendes Gefühl zurück. Eines, das bestätigt: Die meisten Fälle werden nie gemeldet.

Loswerden, verarbeiten

Tennisspielerin Demongeot etwa klagte ihren Täter erst mit 38 an, als ihr Arzt Spätfolgen der Vergewaltigung erkannte. «Wie können Sie das wissen?», fragte sie ihn. Doch die Frage bleibt im Dokumentarfilm unbeantwortet: «Es gibt viele Frauen, die das erlebt haben.» Erst die Sichtbarkeit der Wunde brachte sie dazu, das lange Verheimlichte aufzuarbeiten.

«Du bist nichts», «Liebst du mich denn nicht?», «Vertrau mir, das fühlt sich gut an.» – Für das Projekt «Unbreakable» zitieren Opfer ihre Täter.

Umso wichtiger erscheint das Projekt Unbreakable, das es den Überlebenden ermöglicht, einen kleinen Teil des Traumas loszuwerden und an die Öffentlichkeit zu bringen. Ob anonym (einige halten die Tafel vor das Gesicht) oder offen («Sags deiner Mutter nicht», mein Vater): Das Projekt gibt unzähligen Opfern – auch männlichen – eine Stimme, macht sie hör- und sichtbar.

Ohnmacht, Hilflosigkeit

In «Tabu Vergewaltigung» werden männliche Missbrauchsopfer nicht berücksichtigt. Als wichtige Personen im Leben der Frauen (Bruder, Ehemann, Vater) kommen Männer dennoch zu Wort und schildern auch ihre Ohnmacht, Hilflosigkeit und das unangenehme Gefühl der Zugehörigkeit und Identifikation mit dem Geschlecht des Täters.

Dass Missbrauchsopfer ihr Schweigen brechen, ist wichtig. Was aber in dieser Dokumentation viel deutlicher wird: Es ist noch lange nicht selbstverständlich. Und, dass Vergewaltigung ein Verbrechen ist, das nicht ungestraft bleiben darf, aber es dennoch oft tut – und letztlich an den Opfern haften bleibt. So beendet Manon Leresche den Film auch mit den Worten: «Sie haben alles kaputt gemacht, aber ich habe alles wieder aufgebaut.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.01.2016, 14:07 Uhr

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