Grossartig hingegiftet

Ulrich Tukur mit Doppelgänger versteht sich und die irre Welt nicht mehr: Der neue Wiesbaden-«Tatort» ist ein superwitziges Vexierspiel fernab vom klassischen Krimi.

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Was ist das? «Wer bin ich?» ist jedenfalls kein normaler «Tatort». Eher gar keiner oder aber einer in Potenz. Den Medienkulturpreis 2015 hat er jedenfalls schon eingefahren, und ein hochironisches Schelmenstück ist er allemal. Da tummeln sich gleich mehrere «Tatort»-Kommissare: Ulrich Tukur als Wiesbadener LKA-Ermittler Felix Murot und sein Sidekick Magda Wächter (Barbara Philipp); das neue Frankfurter «Tatort»-Team in Gestalt von Wolfram Koch und Margarita Broich; und der ehemalige Darsteller des Leipziger Kommissars, Martin Wuttke. Die sind freilich nicht als Kriminalisten im Einsatz, sondern als Schauspieler, die gerade in «Tatort»-Drehs mittun. Tukur gibt also Tukur, der tagsüber vor der Kamera Murot spielt und abends angeödet im Hotel hockt. Dieser fiktionale Tukur gerät ins Fadenkreuz einer Mordermittlung, die wiederum von den «echten» Wiesbadener Kommissaren Kugler und Kern geführt wird (Sascha Nathan, Yorck Dippe). Alles klar?

Weil der fünfte Tukur-«Tatort» mindestens so metafiktional und mehrschichtig daherkommen soll wie der letzte, die ebenfalls preisgekrönte Folge «Im Schmerz geboren», werden diesmal keine Shakespeare-Passagen eingeschoben, sondern die Tukur-Figur macht sich selbstständig à la Luigi Pirandellos «Sechs Personen suchen einen Autor». Nur sucht die Person hier nicht das Rampenlicht, sondern im Gegenteil das freie Leben jenseits des Spotlights. Die vom Schauspieler Tukur losgelöste Figur geht quasi als Mr. Hyde auf die Piste, macht einen drauf und baut am Ende einen Unfall, bei dem der 19-jährige Assistent der Aufnahmeleitung des neuen Tukur-«Tatorts» zu Tode kommt. Hält «Im Schmerz geboren» mit 47 Toten den Leichenrekord der Krimireihe, entpuppt sich hier das einzige Opfer als ein Kollateralschaden der Emanzipation einer Fantasie. Das ist sozusagen ein Negativrekord. Der neue Wiesbaden-Fall ist ein Vexierspiel fernab von jedem klassischen Krimi.

Filmwelt als Natterngezücht, Film als Kuddelmuddel

Bis sich alles klärt, muss Tukur so richtig schön unten durch: Der Fernsehredaktor (Michael Rotschopf) will den Verdächtigen fallen lassen, der «Tatort»-Regisseur plant die nächsten Szenen ohne ihn (Justus von Dohnányi), und die eifersüchtigen Kollegen wittern ihre Chance. Oberwasser hat dagegen Drehbuchautor Bastian Günther, der in «Wer bin ich?» auch Regie führt. Günther kann alle TV-Krimi-Beteiligten volle Kanne durch den Kakao ziehen: Wie etwa Wolfram Koch und Margarita Broich sich gegenseitig die Schau zu stehlen versuchen und von ihren Theatertriumphen schwadronieren, ist urkomisch. Und Broichs Real-Life-Ehemann Wuttke spielt sich hier wunderbar als Versager auf der ganzen Linie: als einer, der – pleite und verlassen von seiner Frau – krummen Geschäften nicht abgeneigt ist. Kurzum: Die Filmwelt zeigt sich kokett als Natterngezücht und der Film als herrliches Kuddelmuddel.

Nebenher – aber wirklich nur nebenher – findet eine durchaus nicht unspannende Erpressung statt. Ein bisschen authentisches brutal Böses muss sein. Aber im Kern stehen das banal Böse und die ganze Tristesse des «Tatort»-Business. Aber nie war Grämlichkeit galliger. Grossartig hingegiftet! (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 27.12.2015, 21:56 Uhr)

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