Ein Wahlkampf wie nach dem Drehbuch

Amerikanische Fernsehserien stellen die Politik nicht mehr nach, sie nehmen sie voraus. Und beeinflussen den laufenden Wahlkampf.

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Richard Nixon steht vor einem Porträt John F. Kennedys, seinem Rivalen über den Tod hinaus. «Sie schauen dich an und sehen, wer sie gerne wären», sagt er – «und sie schauen mich an und sehen, wer sie wirklich sind.» Wenig später muss der mürrische Republikaner, zwei Jahre nach seiner Wiederwahl, wegen der Watergate-Affäre zurücktreten.

Die Szene aus dem Film «Nixon», den Oliver Stone 1995 mit Anthony Hopkins als griechische Tragödie inszenierte, ist erfunden wie so vieles, was der Regisseur in seinen Filmen aufführte, gerade wenn er sich an historischen Persönlichkeiten abarbeitete. Aber sie beschreibt präzis die Rollenverteilung, mit der Hollywood die Darstellung amerikanischer Präsidenten so oft belegt: Demokraten treten als Idealisten auf, Republikaner treten nach Skandalen ab. Die Guten sehen aus wie Kennedy, die Schlechten handeln wie Nixon.

Verklärung und Paranoia

In der Politik haben es die Demokraten seit Kennedy und trotz Watergate immer schwer gehabt, seit 9/11 haben sie es noch schwerer. Dafür dominieren sie das amerikanische Kino mit Figuren, die sich das demokratisch gesinnte Hollywood zurechtfantasiert: charismatisch, empathisch, moralisch. Dass mit Ronald Reagan ausgerechnet ein Republikaner als erster Hollywoodschauspieler das Weisse Haus bezog, liefert die ironische Bestätigung. Es sei doch so, sagt der Redenschreiber und Drehbuchautor Elie Attie: «Zu anschwellender Musik und einer wehenden Flagge den Präsidenten sagen zu lassen: «Lasst uns die Steuern der Reichen senken!», lässt sich einfach nicht so poetisch inszenieren.» Der Satz fällt im exzellenten neuen Dokumentarfilm von Emilio Pacull über die Fiktionalisierung amerikanischer Präsidenten, den das Schweizer Fernsehen mitproduziert hat und den es morgen Sonntag zeigt.

Nun ist Elie Attie Partei: Er hat als Redenschreiber für die Demokraten Clinton und Gore gearbeitet und später an der brillanten Fernsehserie «The West Wing» mitgeschrieben, in der Martin Sheen einen fiktiven demokratischen Präsidenten spielt. Solche Serien sagten mehr über Hollywood aus als über Washington, fanden konservative Kommentatoren. Den Republikanern gefiel dafür die atemlose Serie «24» viel besser, deren Hauptfigur vor Folter und Mord nicht zurückschreckt, um die Interessen seines Landes zu wahren. Was «The West Wing» idealisierte, wird bei «24» brutalisiert: Demokratische Verklärung kollidiert mit republikanischer Paranoia.

Auffallend an solchen Serien ist etwas anderes: Sie stellen die politische Entwicklung der USA nicht mehr nach, sie nehmen sie voraus. Schon bei den Anschlägen des 11. Septembers drängten sich Ähnlichkeiten zum Actionkino Hollywoods auf, doch hatten diese mehr pyrotechnischen oder ideologischen Charakter. Die neuen Fernsehserien überraschen – weit präziser – mit Präsidenten und Kandidaten, die das Personal des laufenden Wahlkampfes vorweggenommen haben.

Obama: Vorbild und Nachahmer

Bei «24» zum Beispiel gibt Denis Haysbert den ersten afroamerikanischen Präsidenten der USA, in «Commander in Chief» spielt Geena Davis eine Vizepräsidentin, die nach dem Tod ihres Vorgesetzten zur ersten Präsidentin aufrückt. In den beiden letzten Staffeln von «The West Wing» schliesslich kandidiert ein Latino namens Matt Santos (Jimmy Smits) für das Präsidentenamt. Er startet als Aussenseiter mit wenig parlamentarischer Erfahrung und ohne aussenpolitisches Gewicht. Er will nicht zum Vertreter einer Minderheit reduziert werden und weigert sich, die Gegenseite zu dämonisieren. Er fasziniert die Öffentlichkeit mit seinem blendenden Aussehen und seinem Charisma, mit Jugendlichkeit, rhetorischem Talent und Kompetenz. Matt Santos gewinnt die Nomination gegen weit erfahrenere Konkurrenten und tritt zuletzt gegen einen unberechenbaren, in gesellschaftlichen Fragen liberalen und wesentlich älteren Republikaner an.

Eli Attie, der vor vier Jahren die Figur des Matt Santos für «The West Wing» entwickelte, inspirierte sich nach eigenen Angaben an einem unbekannten schwarzen Politiker, der für den amerikanischen Senat kandidierte und am Parteitag der Demokraten mit einer mitreissenden Rede aufgefallen war: Barack Obama. Der wiederum orientiert sich bei seinen Auftritten subtil an der Figur, die Attie von ihm abgepaust hatte. Die Realität inspiriert sich an einer Fiktion, die ihrerseits die Realität kopiert.

Liebe, Bewunderung und Tod

Filmische Erzählungen bieten Probehandlungen an, sie haben eine Gewöhnungsfunktion. Der Medienprofessor Evan Cornog, der die amerikanischen Wahlen als «landesweites Casting mit 300 Millionen Regisseuren» bezeichnet, sieht die Erwartungen der Wähler durch Geschichte, Vorurteile und Filme geprägt. Eine vom Zynismus der Bush-Regierung angeekelte Wählerschaft träumt sich anhand der Inszenierung ihrer Politik eine andere Welt herbei. Diesen Traum verspricht ihnen jetzt Barack Obama, der junge, schöne, schwarze Kandidat. Die Amerikaner lieben es, sich mithilfe ihrer eigenen Mythen zu remotivieren. Der Senator aus Illinois liefert ihnen die Projektionsfigur dafür.

Wie die Reaktion auf seine eventuelle Wahl ausfällt, ist damit noch nicht gesagt. «Noch jeder amerikanischer Politiker, den das Land aufrichtig lieben und bewundern gelernt hat, ist umgebracht worden», sagt der Schauspieler Dennis Haysbert, der in «24» den afroamerikanischen Präsidenten mimt. Seine Figur fällt in der fünften Staffel einem Attentat zum Opfer. Die Folge erreichte Spitzenquoten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2008, 10:22 Uhr

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