Todesengel, endlich

Til Schweiger und Helene Fischer zeigten, wie der «Tatort» zu retten ist: Als Rambo-Krimi.

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Es gibt, oh heilige Sofa-Kartoffel, zwei Auswege aus der Biedermeier-Ödnis des zeitgenössischen «Tatorts».

Weg A ist der Meta-Krimi. In welche Richtung dieser Weg geht, zeigten jüngst Autor Bastian Günther und Schauspieler Ulrich Tukur mit ihrer kunstvollen Wiesbadner Selbstbespiegelung. Endstation wäre die Abschaffung des Mordes und damit des eigentlichen Tatorts. Ziellos kreiste alle Detektivarbeit um sich selbst, wäre l’art pour l’art. Über einen Gastauftritt von Jean Baudrillard – «Langeweile ist wie ein erbarmungsloser Zoom auf die Oberfläche der Zeit» – als Hologramm wäre nachzudenken.

Pump-Gun und Bazooka

Weg B ist der Rambo-Krimi. Wohin dieser Weg führt, zeigten in einer Doppelfolge an Neujahr Helene Fischer und Til Schweiger. Eigentlich hätte «Der grosse Schmerz/Fegefeuer» schon im November veröffentlicht werden sollen, wegen der Pariser Anschläge wurde das Epos verschoben; offensichtlich wegen der Geiselszene der zweiten Episode.

Til Schweiger ist als Kommissar Tschiller für den «Tatort», was Daniel Craig für die Bond-Reihe war: die proletarische Bejahung der Blockbuster-Action. Während andere Kommissare witzeln oder über schlechten Kaffee jammern, holt sich Schweiger schon die nächste Schramme. Am Ende von «Der grosse Schmerz» ballerte er mit der Pump-Gun, er ballerte Gangster über den Haufen und Löcher in die Wände. Warum ausgerechnet mit einer Pump-Gun? Warum zückte er in «Fegefeuer» plötzlich die Bazooka? Weils schön pufft.

Auftritt Fischer

Damit er so effektvoll wie möglich aufräumen kann, ist Tschiller in einen mächtigen Apparat eingebunden – auch diesbezüglich übertrifft der Hamburger «Tatort» den Rest. Tschillers Zentrale ist nicht das übliche lausige Loch mit den halb geschlossenen Rollos, sondern ein goldiger Grossraum mit tollen Touch-Screens. Tschiller bietet beim Durchsuchen aus lässiger Gewohnheit ein topmotiviertes Spezial-Kommando auf und telefoniert beim Zugriff schon mal mit seiner pubertierenden Tochter.

Und dann die Gegner erst. Der Rambo-Krimi lebt von Paranoia und der Hydra-Konstellation: hinter jedem bösen Kopf steckt eine unbesiegbare Organisation. Tschiller muss sich nicht sorgen, dass ihm die Feinde ausgehen könnten, nimmt er es doch gleichzeitig mit einer korrupten Politelite, der türkischen und der russischen Mafia auf. Letztere hatte diesmal eine besondere Vertreterin, Sängerin Helene Fischer spielte einen kaputten Rachengel. Sie sagte: «Meine Freundin wurde totgefickt. Ich bin hart und grausam.» Mancher Schunkelfan wird bei der Szene leer geschluckt haben.

Ein Freak namens Tschiller

Ein Freak ist allerdings auch Tschiller selber. In der ersten Folge wurde seine Familie gekidappt, die Frau starb. Sein Handeln war danach von der Mad-Max-Logik bestimmt: Verliert der Held seine Liebsten, gewinnt er den moralischen Freipass, total durchzuknallen.

Vieles gibts für ihn noch aufzuräumen an der Alster, und der Bundesrambo nimmt sich die Zeit. Tschillers Vendetta, die sogar seine Tochter infiziert, ist beispielslos in der «Tatort»-Geschichte und rücksichtslos nicht zuletzt gegenüber den Zuschauern: Sie zieht sich hin, eine einzelne sonntagabendliche Episode genügt bei weitem nicht. Als der blutige Tschiller am Ende die Handschelle hob, daran sein blutiger Intimfeind, da war die Botschaft an die Provinzpolizisten aus Köln, Münster, Luzern und so weiter klar: Dienst nach Vorschrift? Reicht nicht mehr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 03.01.2016, 21:51 Uhr)

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