«Was ist es, was wir nicht über die Zukunft wissen?»

In einer Zeit, in der jederzeit traumatische News eintreffen können, helfen uns TV-Serien, das Unwissen zu bewahren, sagt der Filmwissenschafter Mark Sandberg. Aber wehe, es verrät uns jemand eine Wendung.

Wie geht es wohl mit ihm weiter? Jon Hamm als Werber Don Draper in der Serie «Mad Men». Foto: Justina Mintz (AP)

Wie geht es wohl mit ihm weiter? Jon Hamm als Werber Don Draper in der Serie «Mad Men». Foto: Justina Mintz (AP)

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Reden Sie als Filmwissenschafter nur noch über Fernsehserien?
Nicht nur. Aber ich glaube, dass sich das, was früher die cinephile Kultur war, in eine telephile Kultur verwandelt hat. Das Fernsehen hat sich verändert, vor allem bei Serien legt man Wert auf gute Drehbücher, komplexe Storylines, Antihelden. Und es fliesst mehr Geld in die Produktion. Daher haben die Leute das Gefühl, es könne sich lohnen, ihre intellektuelle Energie und viel von ihrer ­Lebenszeit in TV-Serien zu investieren.

Es ist ja eine neue Form von Einsamkeit entstanden, seit man Freunden dabei zuhören muss, wie sie über eine Serie reden, die man selber nicht kennt.
(lacht) In der Serie «Portlandia» gibt es einen Sketch, in der sich zwei Paare gegenseitig von Serien vorschwärmen, aber es gibt keine, die beide Paare gesehen haben. Ein Beispiel für die Kämpfe, die man führt, um über etwas Gemeinsames zu reden. Vor allem das zeitversetzte Fernsehen führt dazu, dass alle in ihrem eigenen Tempo schauen. Ich habe 60 Studenten nach ihren Lieblingsshows gefragt, es kamen 43 verschiedene Antworten. Nur ­Serien wie «Breaking Bad» wurden mehrmals genannt, von anderen hatte nicht einmal ich je gehört.

Eine gewaltige Fragmentierung.
Das ökonomische System der US-Sender erlaubt es heute, Serien nur für 500 000 Leute herzustellen, und es ist immer noch profitabel. Dem Zuschauer wird es so möglich, sich umzuschauen, sich eine Serie auszusuchen. Die Tatsache, dass soziale Medien die Diskussionen um Serien befeuern, bewirkt zudem, dass die Leute nervös werden. Sie fürchten, ­jemand könnte eine Show ruinieren, bevor sie sie gesehen und die Möglichkeit gehabt haben, mitzudiskutieren.

Das ist das Problem des Spoilers, also der Sorge, dass jemand den Plot einer Serie enthüllen könnte, bevor man sie selber erleben kann.
Viele Leute leben in konstanter Sorge darum, dass ihnen jemand das Ende oder die Wendungen einer Geschichte verraten könnte. Es könnte ja das Vergnügen an einem Buch oder einer Serie «spoilen», also verderben. Man versucht dann, sich zu schützen, indem man die eigene Ahnungslosigkeit bewahrt.

Im Alltag kann es dann zu dramatischen Szenen kommen.
Man sagt ja «spoiler alert!», es ist eine Art komödiantischer Notfall in sozialen Situationen, in denen man Freunde davor warnt, dass man gleich etwas verraten wird. Dann halten sie sich die Ohren zu und machen Alarmtöne. Ich habe ­gehört, dass Beziehungen in Brüche ­gegangen sind, weil eine Person Informationen über den Verlauf einer Serie enthüllt hat. Manche nehmen das sehr ernst, es ist für sie ein kleines Trauma.

Woher kommt diese Angst?
Ich glaube, sie ist ein Echo der täglichen Routinen. Man ist eingestöpselt in Newsfeeds und weiss, dass man jederzeit unterbrochen werden kann von ­einer traumatischen Nachricht. In den USA strömen nur schon Meldungen über Schiessereien an Schulen permanent auf uns zu. Das Paradigma dafür ist das kollektive Trauma von 9/11. Seither haben die sozialen Medien die Tendenz verstärkt, dass man ständig News ausgesetzt ist. Die Idee, dass die Gesellschaft so zerbrechlich geworden ist, dass ihre Vorgänge jederzeit unterbrochen werden können, ist tief in uns verwurzelt.

Der Spoiler ist also die kulturelle Form der Angst, dass uns plötzlich etwas traumatisieren könnte?
Ja. Er bezeichnet den Verlust von Unwissenheit. Man kann sich ja fragen: Weshalb haben das serielle Erzählen im Fernsehen und die Möglichkeiten, die Serien zu schauen, wann man will, während der letzten Jahre an Bedeutung gewonnen, in einer Zeit also, in der man mit der permanenten Möglichkeit verstörender News zu leben begonnen hat? Ich denke, es liegt daran, dass traumatische News uns sehr verletzlich gemacht haben. Das wiederum beeinflusst unsere Erwartungen gegenüber Erzählformen. Also gibt es Bereiche, in denen wir uns davor schützen, zu erfahren, wie es weitergeht. Man will gewisse Dinge nicht wissen, bevor sie eintreten. Spoiler sind die mildere Form der Verwundung durch eine traumatische News. Der Schirm, auf dem die Serien laufen, ist ja zugleich auch die Quelle potenziell verstörender Nachrichten.

Allerdings muss man auch wieder Energie aufwenden, damit man es schafft, etwas nicht zu wissen.
Es ist interessant, dass zur gleichen Zeit, in der es fast unmöglich wird, etwas nicht zu erfahren, Erzählformen wie TV-Serien entstehen, die Unmengen von narrativen Informationen anhäufen. Man nennt es das «series memory», also das Vermögen einer Serie, sich an sich selbst zu erinnern, damit sie einberechnen kann, was schon passiert ist. Dadurch sollen Widersprüche vermieden werden. Bevor Matthew Weiner, der Schöpfer von «Mad Men», damit begann, die letzte Staffel zu schreiben, wollte er sich zuerst die ganze Serie anschauen, damit er alles im Kopf hat. Aber er musste aufgeben. Er hatte einfach nicht genug Zeit, sich alle Folgen von «Mad Men» anzuschauen.

Hat die Angst vor Spoilern mit der Sehnsucht zu tun, zu einer Zeit zurückzukehren, in der die Katastrophe noch nicht passiert ist? Wenn Schreckliches geschieht, kann man etwa auf der Twitter-Timeline bis zu dem Punkt zurückscrollen, an dem noch niemand etwas weiss.
Man könnte das die «Mentalität des 10. September» nennen. Das Erste, was man im 9/11-Museum sieht, ist ein Amateurfoto von Manhattan am 11. September um 8.30 Uhr, also ein paar Minuten vor dem Ereignis. Da es heute so viele Arten gibt, die Welt zu dokumentieren, ist es möglich geworden, den Moment kurz vor dem Ereignis zu bergen.

Eine Suche nach Unschuld?
Ich sehe es weniger moralisch als erkenntnistheoretisch. Viele Fernsehserien spielen ja in der Vergangenheit, «Mad Men» ist nur eine davon. Oft erzählen sie von brillanten Köpfen mit erheblichen Charaktermängeln. Es sind aber weniger Figuren der Unschuld. Eher verkörpern sie die Ahnungslosigkeit über ein grosses Ereignis, das bevorsteht.

Zum Beispiel?
In der Serie «Manhattan» über den Bau der Atombombe in Los Alamos gibt es einen brillanten Physiker, der zugleich eine Art Idealist ist. Er glaubt daran, dass die Atombombe allen Kriegen ein Ende machen wird. Für mich steckt darin die Frage, was man wissen kann und was nicht. Ich glaube, alle historischen TV-Serien handeln letztlich von unserer heutigen Nervosität der Zukunft gegenüber. Was ist es, was wir derzeit nicht über die Zukunft wissen? Was wird geschehen, das uns im Rückblick so aussehen lässt wie den Physiker?

Faszinierend ist ja, dass die Figuren in «Mad Men» nie wissen, was in der Weltgeschichte passieren wird.
In «Mad Men» gibt es zwei unterschiedliche Entwicklungen: Einerseits das historische Wissen, das nicht gespoilt werden kann. Man verdirbt niemandem die Lust an der Serie, wenn man enthüllt, dass John F. Kennedy erschossen wird. Gleichzeitig weiss man nicht, wie die ­Figuren sich verhalten werden. Zusammengenommen entsteht aber eine Art dunkle Vorahnung. Und die ist verbunden mit unserer gegenwärtigen Angst vor einem kommenden Trauma. Dass wir nicht wissen, was passieren wird, ist der grösste Spoiler überhaupt. Die Energie, die wir auf Serien verwenden, ist eine Art, diese Angst durchzuarbeiten.

Viele historische Serien spielen in der Umbruchszeit. «Halt and Catch Fire» etwa in den 80er-Jahren vor der digitalen Revolution.
Sowohl die 50er- und 60er-Jahre, die zur Rebellion von 1968 hinführen, als auch die 80er-Jahre sind gute Perioden für das Nichtwissen. In den 80er-Jahren lebt man vor dem Fall der Mauer, vor der Zeit von PC und Internet. Aber es entsteht langsam ein Bewusstsein für die Ver­änderungen. In «Halt and Catch Fire» kommt dazu, dass die alte Technologie zelebriert wird, mit zärtlichen Close-ups von Matrixdruckern.

Wieso ist eigentlich die Ausstattung in solchen Serien derart wichtig?
Man spricht bei der visuellen Fetischisierung von Mode und Objekten immer von der «ungewöhnlichen Aufmerksamkeit für Details». Also ein fast unnötiges Interesse für historisch authentische Ausstattung. In «Mad Men» wurde eine Szene gestrichen, nachdem man herausgefunden hat, dass ein Spielzeug, das in einem Wagen zu sehen war, erst im Sommer 1960 erhältlich war und nicht schon im April, zur Zeit, als die Szene spielt.

Darauf kommt es ja nicht an.
Nein. Aber ich glaube, mit 9/11 hat sich nicht nur die Erfahrung von Zeit schockartig verändert, das heisst, man ist sich bewusst geworden, dass man nicht weiss, dass Einschneidendes bevorsteht. Sondern es hat sich auch die Erfahrung von Raum verändert: Ground Zero ist heute der Ort, an dem nichts mehr existiert. Die Gedenkstätte mit den zwei Brunnen auf den Grundrissen der Türme erinnert daran, dass hier einmal die Twin Towers gestanden sind. Und zugleich hat sich seit 9/11 eine Obsession entwickelt, fiktive Welten so detailliert wie möglich aufzubauen. Fantasieorte, in denen alles vorhanden ist, die voll sind mit glänzenden Dingen.

Eine Art von Trauer?
Diese Orte haben eine riesige psychische Ladung. Seit 9/11 gibt es ein klaffendes Loch in unserer Auffassung der Welt. Historische Serien füllen es auf mit der akribischen Gestaltung von Räumen. Sie sind besessen davon, eine vollständige fiktionale Welt zu erschaffen. Als wäre es ein Wiederaufbau.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2015, 17:35 Uhr

Mark Sandberg
Filmtheoretiker
Der amerikanische Filmwissenschafter und Skandinavist lehrt an der Universität Berkeley im US-Staat Kalifornien. Er ist mit einer Schweizerin verheiratet und weilt derzeit im Sabbatical an der Universität Zürich, wo er ein Buch über Fernsehserien schreibt und am Schwerpunkt «Serialität» des Zentrums Künste und Kulturtheorie mitarbeitet. (TA)

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