Intellektuellen-Dämmerung

Es geht wieder einmal gegen die Intellektuellen. Sie seien abgehoben, volksfremd und Wächter über Political Correctness. Sind sie schuld am Populismus, als Gegenreaktion?

Ein Justizskandal als Gründungsmoment des Intellektuellen: Die Degradierung von Alfred Dreyfus. Foto: UIG, Getty Images

Ein Justizskandal als Gründungsmoment des Intellektuellen: Die Degradierung von Alfred Dreyfus. Foto: UIG, Getty Images

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Vor einiger Zeit traf ich in Shanghai eine Gruppe chinesischer Germanistikstudentinnen, ernsthafte junge Frauen. Einige von ihnen absolvierten an den Wochenenden ein Zweitstudium: Betriebswirtschaft. Wir wissen, sagten sie, dass wir 1,4 Milliarden sind. Die Konkurrenz ist gross, wir müssen uns anstrengen.

Die Konkurrenz ist längst überall. Der Arbeiter im amerikanischen Rostgürtel spürt sie, der Bankangestellte in der Schweiz, der Autoschrauber bei VW oder Peugeot. Sie sind schon ersetzt oder bald ersetzbar: von billigeren Kräften aus Indien oder China, von Computern und Robotern. Die Globalisierung und eine weitere Welle der Digitalisierung pflügen den Arbeitsmarkt weltweit um und sorgen für Verunsicherung, gar Verzweiflung. Sie drückt sich auch in Wahlergebnissen aus.

Aber zurückdrehen lässt sich die Modernisierungsschraube nicht. Nationalistische Reflexe – Schutzzölle, Ausweisungen, Handelsbeschränkungen – führen zu allerlei, jedenfalls nicht zu mehr Wohlstand. Also den Dingen ihren Lauf lassen in der Hoffnung, der Markt werde es schon richten und jede Menge neuer Jobs schaffen? Lupenreiner Neoliberalismus ist auch keine Lösung, er zerreisst die Gesellschaft endgültig.

Lupenreiner Neoliberalismus ist auch keine Lösung, er zerreisst die Gesellschaft endgültig.

Politiker sorgen sich um Wähler, die sie nach Zielgruppen gegliedert bearbeiten, Unternehmer um die Gewinnrate. Wer aber schaut über Partikularinteressen hinaus? Es gab mal ein Wort für einen Typus, der sich für das Allgemeine zuständig fühlte, für übergreifende Interessen, für die Gesellschaft als Ganzes, für Werte, die sie zusammenhalten. Man nannte ihn: den Intellektuellen.

Das Ressentiment kehrt zurück

Warum in der Vergangenheit sprechen? Begriff und Sache scheinen derzeit mit Schimpf und Schande verabschiedet zu werden. Der Wahlerfolg von Donald Trump, die grosse Unterstützung für Autokraten wie Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan bei ihrer Bevölkerung, der Zulauf zu rechtspopulistischen Bewegungen wie FPÖ, AfD und Front National haben ökonomische und psychologische Ursachen. Aber auf eine verquere Weise bekommen die Intellektuellen eine Mitschuld daran zugeschoben.

Sie, so kann man dieser Tage lesen, sie verstehen die Welt (vulgo: den «normalen Menschen») nicht mehr, weil sie sich nur noch mit den exotischen Problemen von Minderheiten (Ausländer, Transsexuelle etc.) beschäftigen; sie handeln verantwortungslos (weil ihr Schreiben nie Folgen für sie selbst hat). Ausserdem betreiben sie Sprachlenkung (Political Correctness, «Genderwahnsinn»), manipulieren die Öffentlichkeit und erzeugen einen «Zeitgeist», gegen den die Mehrheit jetzt endlich aufbegehrt. Der Autor Nassim Nicholas Taleb («Der schwarze Schwan») nennt sie die «Intellektuellen-Idioten».

Der rechte Mainstream der Publizistik – von der «Weltwoche» über die BaZ bis, neuerdings, zur NZZ – sieht die Gelegenheit gekommen, diesen Zeitgeist zu drehen. Sein antiintellektuelles Ressentiment ist reaktionär, was er verschleiert, indem er sich zum Anwalt der Verunsicherten und diese schlank­- weg zum «Volk» erklärt. (Ein ideologischer Begriff, der über das entsprechende Adjektiv auch ein unheiliges Erbe mitschleppt.)

Der liberale Mainstream gibt die eigene Verunsicherung zu und schüttet sich Asche aufs Haupt.

Der liberale Mainstream gibt die eigene Verunsicherung zu und schüttet sich Asche aufs Haupt. Intellektuelle Leitmedien wie «Zeit», «Frankfurter Allgemeine Zeitung» und «Süddeutsche Zeitung» fragen sich derzeit, ob der prononcierte Multikulturalismus, die Fokussierung auf Minderheiten nicht die Interessen der Mehrheit und die soziale Frage aus dem Blick gerückt habe.

Antiintellektuelles Ressentiment hat eine unrühmliche Tradition. Hätte es in den 30er-Jahren schon Google gegeben, wäre bei der Eingabe des Stichworts «Intellektuelle» der Ergänzungsvorschlag «zersetzend» ganz oben erschienen. Das «Dritte Reich» hat kritische Denker physisch verfolgt und sie als Gruppe markiert und diskreditiert, mit Attributen wie «wurzellos» oder «volksfremd» (gemeint war oft einfach: jüdisch). In den 50er-Jahren wurde weiter munter gegen die «Nestbeschmutzer» polemisiert. In den 70er-Jahren, als er sich gegen eine linke Übermacht wehren zu müssen glaubte, veröffentlichte der berühmte Soziologe Helmut Schelsky das Buch «Die Arbeit tun die andern. Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen.»

Es sind Vorwürfe, die heute wieder erhoben werden. Man kann sie herunterbeten: abgehoben, elitär, weltfremd, unproduktiv, risikoscheu, verantwortungslos seien die Intellektuellen. (Zum Thema Verantwortung: Wie viele Politiker und wie viele Manager, die Mist gebaut haben, auf Kosten vieler «kleiner Leute», fallen weich oder gar die Treppe hinauf?)

«J’accuse»

Die Vorwürfe führen direkt zurück zur Geburtsstunde des Intellektuellen. Sie liegt im Jahr 1898 und in Frankreich. Dort war der jüdische Hauptmann ­Alfred Dreyfus zu Unrecht des Hochverrats verurteilt worden – ein Justizskandal, den Militär und Politik zu vertuschen versuchten und gegen den sich eine zivilgesellschaftliche Bewegung um Schriftsteller wie Emile Zola und Publizisten wie Georges Clemenceau bildete. Der Titel von Zolas Artikel «J’accuse» ist bis heute sprichwörtlich, der Artikel selbst die Gründungsakte der Intellektuellen. Der neue Begriff wurde von den Gegnern abwertend, von ihnen selbst stolz verwendet.

Die Dreyfus-Affäre hat definiert, was intellektuelles Engagement bis heute ausmacht: die Reputation, die jemand durch künstlerische, publizistische oder wissenschaftliche Leistungen erworben hat, für allgemeine, gesamtgesellschaftliche Werte, Ziele und Interessen einzusetzen, mit den Mitteln der Öf­fentlichkeit, hier der neuen Massenpresse.

Ein Risiko ging damals durchaus ein, wer sich in einer militarisierten, antisemitischen Gesellschaft für einen verurteilten Juden einsetzte und damit für Recht und Gerechtigkeit. So floh Emile Zola aus Frankreich, um einer Gefängnisstrafe wegen «Verleumdung» zu entgehen. Vier Jahre nach seinem bahn­brechenden Artikel starb er an Kohlenmonoxidvergiftung; viel spricht dafür, dass es ein raffinierter Mord durch «anti-dreyfusards» war.

Grössere Risiken gingen Intellektuelle in gefährlicheren Zeiten, an gefährlicheren Orten ein: beispielsweise die Dichter, Künstler und Journalisten, die sich in der Résistance engagierten.

Noch grössere Risiken gingen Intellektuelle in gefährlicheren Zeiten, an gefährlicheren Orten ein: beispielsweise die Dichter, Künstler und Journalisten, die sich in der Résistance engagierten. Oder der deutsche Autor Günter Wallraff, der sich in den 70er-Jahren mit einem Protestplakat gegen die griechische Junta mitten in Athen ankettete. Die Angehörigen der Intelligenzija, die in der Sowjetunion im Gulag oder vor dem Erschiessungskommando starben. Der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, der in einem chinesischen Gefängnis sitzt.

Risiko ist kein Prüfstein

Das sind Risiken für Leib und Leben, die zum Glück den gemeinen westlichen Denker heute nicht bedrohen. Der riskiert allenfalls Unangenehmes: einen Shitstorm, das Naserümpfen seiner «peer group», den Verlust einer Anstellung. Überhaupt ist das Risiko manchmal der Preis, aber nicht der Prüfstein für die «Echtheit» intellektuellen Engagements, auch wenn das mancher heute wieder fordert, unter dem Etikett «skin in the game» (Taleb).

Auch nicht die persönliche Lebensführung. Wer sich für eine Verringerung des CO2-Ausstosses einsetzt und trotzdem in den Urlaub fliegt, mag inkonsequent und unsympathisch wirken; sein Monitum ist trotzdem richtig. Auch die Herkunft ist kein charakteristisches Merkmal des Intellektuellen. Revolutionäre kamen oft aus der Schicht, die sie dann entmachteten (Mirabeau, Lenin). Kritische Geister fanden und finden sich oft im «privilegierten» Bürgertum, aber auch durchaus in unterprivilegierten Schichten (Albert Camus, Pierre Bourdieu, aktuell Didier Eribon).

Prüfstein intellektuellen Engagements ist allein, ob es über das eigene Interesse hinausgeht, ob es das Wohl des Ganzen im Auge hat. Es geht nicht um eine Charakter- oder Mutprüfung des Intellektuellen, sondern um sein Urteilsvermögen, seine Fantasie, seine Originalität. Die kann «abgehoben» sein, sogar «weltfremd», weil die «Welt» ja nicht das «Volk» ist, eine homogene Menge mit einheitlichen Zielen, sondern die Gesellschaft, ein komplexes Gebilde aus widerstreitenden Interessen, die es gegeneinander abzugrenzen, gegebenenfalls auch einzuhegen gilt – und dies heute im globalen Massstab.

Wer Hymnen auf Stalin, Mao oder Fidel Castro schreibt, hat sich als Intellektueller disqualifiziert.

Dieses aufs Allgemeine, Universelle, Ganze zielende Interesse unterscheidet den Intellektuellen auch vom Experten, vom Technokraten, vom Berater, vom «spin doctor». Dieser Typus steht den Handlungsträgern und Machthabern näher und damit auch ihren (partikulareren) Interessen. Dasselbe gilt für die Thinktanks, die meist im Auftrag von Wirtschaftsverbänden oder Regierungen handeln. Und von ihnen auch bezahlt werden.

Es stimmt: Nicht jeder, der freischwebend über den Zustand der Welt schwadroniert, bringt diese weiter. Es stimmt auch, dass Intellektuelle nicht vor Verführbarkeit oder Korrumpierbarkeit gefeit sind. Die Beispiele aus der Geschichte sind Legion. Wer Hymnen auf Stalin, Mao oder Fidel Castro schreibt, verrät seine Aufgabe, wie es Julien Benda 1927 in «La trahison des clercs» klassisch definiert hat, und hat sich als Intellektueller disqualifiziert.

Intellektuelle sind auch keine Welterklärer noch gar Propheten, denen man blind folgen kann. Sie sind aber dazu da, in einer Welt, in der Gruppenegoismen sich immer stärker artikulieren, daran zu erinnern, dass es Werte und Interessen gibt, die über den Eigennutz hinausgehen – zum Nutzen aller. Frauenrechte und Meinungsfreiheit, Minderheitenschutz und Rechtssicherheit sind solche zentralen Werte.

Die globale Konkurrenz friedlich auszutragen: Das wird die grösste Aufgabe der Weltgeschichte.

Der Anspruch auf ein grosses Haus, ein schnelles Auto, einen gut bezahlten Job gehört nicht dazu. Wohl aber, die Rahmenbedingungen zu schaffen, sich diese Dinge mit fleissiger Arbeit zu erwerben. Das wird schwieriger, weil immer mehr Menschen um schwindende Ressourcen konkurrieren, nicht nur junge Chinesinnen mit Doppelstudium in Shanghai. Das, was Fabrikarbeiter in den USA der 50er-Jahre für selbst­verständlich hielten – aber für viele heute keineswegs mehr selbstverständlich ist –, das wollen Vietnamesen, Indonesier, Brasilianer und Nigerianer auch. Es ist weder faktisch möglich noch moralisch vertretbar, es ihnen grundsätzlich zu verwehren.

Wie diese globale Konkurrenz friedlich auszutragen ist: Das wird die grösste, schwierigste Aufgabe der Weltgeschichte. In dieser Perspektive ist ein US-Präsident Trump bloss eine Episode. Für diese Aufgabe braucht es Erfinder, die auf dem Gebiet der Energie, der Ernährung, des Umweltschutzes Lösungen finden. Technokraten, die sie umsetzen. Unternehmer, die daraus Geschäftsmodelle machen. Politiker, die die richtigen Prioritäten setzen und Mehrheiten dafür schaffen. Aber auch Intellektuelle, die kritische Fragen stellen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.12.2016, 22:41 Uhr

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