3D-Horrortrip für Kinder
Von Florian Keller. Aktualisiert am 26.08.2009 1 Kommentar
Coraline landet später in der fürchterlichsten Familienhölle.
Film
«Coraline» (USA 2009). 100 Minuten. Regie: Henry Selick. Stimmen: Dakota Fanning, Teri Hatcher u.a. Der Film ist ab Donnerstag in Schweizer Kinos zu sehen.
Willkommen in der häuslichen Idylle, wo die Kinder noch glücklich sind! Hier, in der farbenprächtigen Parallelwelt des Films «Coraline», regiert noch Mutterliebe wie in alten Zeiten. Die Mutter ist hier nicht den Verlockungen der Berufswelt erlegen, sondern steht selig lächelnd am Herd und hat alle Zeit der Welt, um ihrem Töchterlein die feinen Pancakes zu kochen, die jetzt auf dem Küchentisch dampfen. Familie könnte so schön sein.
Unheimliche Mutter
Aber die Idylle ist verdammt unheimlich. Denn die gute Mutter, sie hat buchstäblich Knopfaugen: Wo die Augen sein sollten, sind sauber zwei Knöpfe ins Gesicht eingenäht. Dem Mädchen Coraline ist das zwar nicht ganz geheuer, aber sie bleibt ganz unbesorgt, als sie abends zu Bett geht. Wie sie am anderen Morgen aufwacht, ist Coraline zurück in der tristen Realität: Die richtige Mutter ist schwer gestresst, hockt pausenlos am Computer und schreibt Kolumnen für eine Gartenzeitschrift, ohne jemals einen Blick in den Garten draussen zu werfen; der lasche Vater genauso, nur dass er auch noch schlecht kocht. Was nützen Eltern mit menschlichen Augen, wenn sie immer so abgelöscht schauen?
Wir sind hier in der fabelhaften Welt von Autor Neil Gaiman und seinem illustrierten Schauermärchen «Coraline». Jetzt hat der Stop-Motion-Zauberer Henry Selick, berühmt für seinen animierten Totentanz «Nightmare Before Christmas», das Buch als digital aufpolierten Puppentrickfilm fürs 3-D-Kino hergerichtet. Es ist die Geschichte von einem Mädchen, das mit seinen Eltern in eine verwunschene alte Villa auf dem Land einzieht. Für unerschrockene Kinder ab Schulalter ist der Film ein gruseliges Kabinettstück höchster Animationskunst; für Erwachsene bietet er eine fabelhafte Abwechslung für den Fall, dass man sich zwischen den gewohnheitsmässig vortrefflichen Pixar-Filmen – mit «Up» steht schon bald das nächste Abenteuer am Start – wieder mal nach struppigeren Texturen und weniger disziplinierter Erzählkunst sehnt.
Fantastisches Variété
Stimmt schon: Die schrulligen Randfiguren, mit denen Selick die Welt seiner Coraline ausschmückt, bremsen immer wieder den Erzählfluss. Aber das sind nun mal Gestalten, wie sie einer überbordenden Fabulierfreude entspringen: In der Dachwohnung der Villa begegnet Coraline dem russischen Artisten Bobinsky und seinem Mäusezirkus, im Souterrain hausen zwei dicke alte Diven mit ihren Schnauzern. In solchen Passagen schlägt der Film manchen Purzelbaum hinüber ins fantastische Variété. Und wenn Selick später den verwahrlosten Garten zum Leuchten bringt, kommt es einem vor wie der erste kinderfreundliche LSD-Trip.
Schon die Titelsequenz, die uns in eine gespenstische Werkstatt entführt, ist ein kleines Meisterstück. Da hantieren spindeldürre Klauen aus Stahl wie ferngesteuert mit Nadel und Faden. Stoff wird vernäht und ausgepolstert, und am Ende ist vor unseren Augen eine Puppe gebastelt worden, die unserer Titelheldin unheimlich ähnlich sieht. Auf ihren Streifzügen durch die baufällige Villa entdeckt die richtige Coraline dann ein geheimnisvolles Türchen, das durch ein Wurmloch geradewegs zurück in die eigene Familie führt. Oder genauer: Als sie durch die Luke schlüpft, wartet am anderen Ende des Korridors das häusliche Paradies, das sie sich immer erträumt hat. Doch der Wunsch nach der glücklichen Familie erfüllt sich als Albtraum.
Der Pakt
Bald nämlich sitzt Coraline fest in der Familie ihrer Träume. Sie dürfe gern für immer hier bleiben, sagt die Mutter mit den Knöpfen. Nur eine Kleinigkeit müsse sie dafür erledigen. Da bekommt Coraline eine hübsch verpackte Schachtel geschenkt, und darin liegen Faden, Nadel und zwei Knöpfe. Wehe dem, der Knopfaugen nach diesem Film noch herzig findet.
Das Schauermärchen, das Regisseur Selick mit «Coraline» auf der Leinwand ausbreitet, dockt mit vielen seiner Motive bei der literarischen Tradition der schwarzen Romantik an. Das Mädchen, das sich mit der Nähnadel die Augen ausstechen soll: Es ist nicht verkehrt, hier an E.T.A. Hoffmanns Erzählung «Der Sandmann» zu denken, die Freud zu seinem Essay über das Unheimliche inspirierte. Wie bei Hoffmann erliegt auch die Heldin in «Coraline» einer eingebildeten Liebe – nur dass es hier die liebe Mutter ist, die sich allerdings als genauso monströs mechanisch erweist wie die schöne Olimpia im «Sandmann».
Vor einigen Wochen traute sich Roger Köppel in der «Weltwoche» aufs Feld der Märchendeutung. Die Geschichte von Hänsel und Gretel, so Köppels bahnbrechende neue Lesart, erzähle letztlich von der tief verwurzelten Angst der Kinder vor der bösen Hexe namens Fremdbetreuung. So gesehen, könnte man «Coraline» als liberalen, zeitgemässen Gegenentwurf zum Familienbild bei den Gebrüdern Grimm verstehen. Mag sein, dass die berufstätigen Eltern in «Coraline» so gestresst sind, dass sie kaum mehr Zeit für ihre kleine Tochter haben. So sehnt sich Coraline nach einer Mutter, die als selig lächelnde Hausfrau in der Küche steht. Aber in ihrem reaktionären Wunschtraum ist es gerade diese «gute» Mutter, die sich als die wahre Hexe entpuppt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.08.2009, 08:37 Uhr
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1 Kommentar
Der Film ist wirklich gelungen. Die Story erinnert stark an Chihiros Reise ins Zauberland. Der Film läuft in einigen Kinos in 3D. (Ob sich dieser neue Trend, die zusätzliche Dimension, positiv auf den Filminhalt bzw. die Drehbücher auswirken wird, bleibt abzuwarten. Gegenwärtig ist dies nicht der Fall (s. Ice Age 3). Coraline ist dennoch mehr als nur sehenswert. Steht alles bei BONZ bloggt. Antworten
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