Agenten, die mit Akten verschmelzen
Von Simon Meier. Aktualisiert am 06.09.2011 3 Kommentare
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Trailer «Tinker, Tailor, Soldier, Spy»
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Manchen Schauspielern glaubt man mehr als anderen. Zum Beispiel dem Briten John Hurt, der mit der Weisheit seiner 71 Jahre und der Erfahrung seiner 171 Filme sagt: «Hören Sie, dieser Film ist ein Meisterwerk.» Oder dem unerhört liebenswürdigen und schlauen Christoph Waltz, wenn er sagt: «Dieser Film ist perfekt. Ich kann gar nicht mehr warten, bis er auf DVD erscheint. Ich will ihn auswendig lernen, Einstellung für Einstellung.»
Christoph Waltz meint natürlich «Carnage» von Roman Polanski, und John Hurt meint «Tinker, Tailor, Soldier, Spy» des schwedischen Regisseurs Tomas Alfredson. Und es vereint diese beiden Wettbewerbsbeiträge nicht nur, dass ihre Regisseure zwei Revolutionäre des Vampirfilms sind – Polanski brachte mit «Tanz der Vampire» 1967 die Ironie in ein tödlich ernstes Genre, und Alfredson sorgte 2008 mit «Let the Right One in» dafür, dass man die zu Teenie-Idolen verharmlosten Viecher wieder ernst nehmen konnte. Nein, Alfredson und Polanski sind besessene und pedantische Perfektionisten, es gibt kein Fädchen an ihren Filmen, das am Ende lose bleibt, alles hat da seine Sorgfalt und seinen Zweck, und man kann darüber nur glücklich staunen.
Dabei ist «Tinker, Tailor, Soldier, Spy» im Gegensatz zu «Carnage» eine unglaublich komplizierte Geschichte. Eine aus den Innereien des britischen Geheimdiensts während des Kalten Kriegs, eine über die totale Einsamkeit der Männer und Frauen, die für diesen Geheimdienst arbeiten und von denen einer für die Russen spioniert. Sie stammt von John le Carré und galt lange als schwer verfilmbar. Der neuseeländische Produzent Tim Bevan, der unter anderem alles von den Gebrüdern Coen produziert hatte, entschied sich für Alfredson wegen dessen «Genauigkeit eines Gerichtspathologen». Und schon nach fünf Minuten ist man gepackt, von einer in ihrer Spannung perfekten Eingangssequenz und von diesen seltsam schönen Bildern, aufgenommen wie durch Zigarettenrauch oder dreckige Fenster.
Mehr Tempo wäre schon zu viel
Es manifestiert sich in dieser kränkelnden Optik die Undurchsichtigkeit riesiger, geheimnisvoller Aktenarchive und von der Zeit geschundener Büroverliese. Chamäleonartig verschmelzen die depressiven Agenten darin mit ihren Tapeten und Aktenbergen. Und das professionell beeindruckendste und privat traurigste Reptil unter ihnen ist Gary Oldman, der als Pensionär geholt wird, um noch einmal nach dem Spion zu fahnden. Die sehr grausigen Dinge passieren ausserhalb von London, in Budapest oder Istanbul; zu Hause in England wird mit aller Finesse verdächtigt, intrigiert, ermittelt und am Leben an sich und den Männerfreundschaften im Besonderen gelitten. Manchmal ist das ein bisschen zäh, aber mehr Tempo wäre absolut unpassend.
Gary Oldman wird dabei flankiert von seinem grossen Vorbild John Hurt, vom blendenden Benedict Cumberbatch, der gerade auf ARD als Sherlock Holmes zu sehen war, und von Colin Firth, der hier das Gegenteil eines stotternden Königs ist, nämlich ein beredter, gut gelaunter Zyniker, der sich immer zugunsten des besseren Stils entscheidet. Überragend ist allerdings Oldman, eine derartige Leistung hat man dieser Tage in Venedig noch nicht gesehen, und wenn er dafür den Preis als bester Hauptdarsteller nicht erhält, ist das nicht in Ordnung.
Aber ist «Tinker, Tailor, Soldier, Spy» denn auch ein Film fürs grosse Publikum? «Die Filmindustrie neigt ständig dazu, die Zuschauer zu unterschätzen. Ich persönlich erwarte für diesen Film ein unermesslich grosses Publikum», sagt Colin Firth und entscheidet sich wie seine Filmfigur für den guten Stil. Und ja, das Wort «Meisterwerk» ist für diesen Film, auf dessen Regisseur sich die internationale Presse in Venedig stürzte wie auf den neuen Messias, nicht falsch.
Was ist ein Superstar?
Vielleicht könnten die beiden Europäer Alfredson und Polanski ja einmal ihrem hochbegabten amerikanischen Kollegen Todd Solondz unter die Arme greifen. Was für ein guter Mann! Aber was für ein unbelehrbarer Vor-sich-hin-Träumer! Sein letzter Film «Life During Wartime» hatte vor zwei Jahren in Venedig noch den Preis für das beste Drehbuch gewonnen, ist aber nie in die Schweizer Kinos gekommen. Und auch sein Wettbewerbsbeitrag in Venedig, «Dark Horse», ist wieder so klug angedacht, nämlich als böse Demontage des amerikanischen Kults um die Jugend, so hübsch anzuschauen, so rührend und so bitter – und dabei so widerspenstig gegenüber irgendeiner Dramaturgie, dass es zum Verzweifeln ist.
Es ist die Geschichte von Abe (Jordan Gelber) und Miranda (Selma Blair), zwei Mitdreissigern, die noch bei ihren Eltern wohnen, weil sie alleine überlebensunfähig wären. Beide haben nämlich beschlossen, in einem einigermassen infantilen Stadium zu verharren – Miranda in dem der pubertären, suizidgefährdeten Jungdichterin, Abe in dem eines patenten zwölfjährigen Spielzeugfanatikers. Abes Wirklichkeit löst sich zusehends in surreale Tagträume auf, und dass sein Vater (Christopher Walken) auch sein Chef ist und seine Mutter (Mia Farrow) restlos alles für das Kind in ihrem Sohnemann tut, hilft diesem kein bisschen. Wie immer bei Solondz sehen alle aus wie traurige Hunde, und weshalb das so ist, erklärt uns Selma Blair: «Todd verlangt, dass wir ganz uns selbst sind und uns gehen lassen. So sehen wir in Wirklichkeit aus.»
Einsichtige Momente erlebt man auch am Rand des Festivals. Zum Beispiel Lektionen über den feinen intellektuellen Unterschied zwischen Star und Superstar. Ein Star glänzt, ein Superstar denkt. Und wir reden hier nicht von Madonna, die zum Opfer ihres eigenen Luxuslebens geworden ist. Ein Star sagt: «Ich bin Schauspielerin, ich mache alles, ist ja klar» (Keira Knightley über David Cronenberg) oder «Ich bin Schauspielerin, ich mach einfach, was er mir sagt» (Gwyneth Paltrow über Steven Soderbergh). Über einen Superstar heisst es: «Die schönste Szene hat Kate erfunden» (Todd Haynes über Kate Winslet). Und George Clooney, der macht sowieso alles selbst.
Venedig – so schön
Und es gibt die nachdenklichen Momente. Etwa, wenn der bescheidene John C. Reilly, der schon in über fünfzig Filmen gespielt hat und bis zu seiner grossen Rolle in Polanskis «Carnage» zuverlässig Hollywoods bester Mann für den ewigen Verlierer in der Nebenrolle war, sagt: «Ich besitze dieses Selbstbewusstsein vieler Kollegen nicht, dass immer wieder ein Job kommt. Ich fühle mich mies, immer wieder. Ich sitze zu Hause, niemand ruft an, eine Woche vergeht, zwei, drei, und ich denke ganz ernsthaft: Okay, das wars jetzt mit der Schauspielerei. Arbeitslos ist arbeitslos, da gibt es nichts zu beschönigen.»
Und ebenfalls am Rand des Festivals, abseits des Lido, ist da ja auch noch Venedig. Immerzu. Die Stadt, die so schön ist, dass man die nimmermüden Touristenströme vergisst. Oder wie es Christoph Waltz sagt, dem man als einzigem Oscar-Preisträger nachts in einer Gasse noch über den Weg läuft: «Venedig? Venedig kenne ich, seit ich zwölf war. Und jedes Mal, wenn ich da bin, kann ich es nicht fassen, dass es etwas so Schönes überhaupt gibt.» Manche Schauspieler haben einfach recht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.09.2011, 06:39 Uhr
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