«Alle Sexszenen gehen entweder schief oder sind nicht sexy»
Von Florian Keller. Aktualisiert am 18.01.2010
«Meine Mutter war auch entsetzt», sagt Lynn Shelton. Hier am American Film Festival 2009 in Deauville, Frankreich. (Bild: Keystone)
Der Film
«Humpday» läuft in Zürich im Kino Arthouse Movie. Lynn Sheltons Kurzfilm «Beyond Gay» findet man bei www.indiewire.com.
In «Humpday» erzählen Sie von zwei heterosexuellen Freunden, die für ein Kunstvideo miteinander ins Bett gehen. Aber wir wollen gleich klarstellen: Pornografisch ist nichts an Ihrem Film.
Der Plan der beiden Jungs, für ein Kunstfestival einen Porno zu drehen, ist natürlich ein reiner MacGuffin, wie das Hitchcock nannte. Das ist nur der Köder. Überhaupt ist «Humpday» wahrscheinlich der unerotischste Film zum Thema, der jemals gedreht wurde (lacht laut). Alle Sexszenen gehen entweder schief, oder sie sind nicht gerade intim – und erst recht nicht sexy. Letztlich ist es ein Film über Beziehungen zwischen Freunden oder in der Ehe. Vor allem aber über die Beziehung zu uns selbst: Wenn einer, der sich selbst für extrem aufgeschlossen hält, an seine Grenzen stösst, als er mit seinem besten Freund einen Porno drehen will – das ist die Sorte von Identitätskrisen, die mich interessiert hat bei «Humpday». Meine 70-jährige Mutter war auch entsetzt, als sie von dem Film hörte. Sie war dann aber beruhigt, nachdem sie ihn gesehen hatte.
«Humpday» ist vor allem ein Film über eine Männerfreundschaft. Was finden Sie daran so spannend?
Es ist nicht so, dass mich Frauen nicht interessieren würden. Aber die Welt der Männer fasziniert mich ganz besonders, weil sie mir immer ein Stück weit verborgen bleibt – das macht mich erst recht neugierig. Ich bin ja selber hetero und seit zwanzig Jahren mit dem gleichen Mann zusammen, auch wenn ich davor eine Phase hatte, während der ich unbedingt lesbisch sein wollte. Bei vielen heterosexuellen Männern fällt mir aber auf, dass sie sich geradezu ängstlich an ihre Identität als Heteros festklammern. Ich finde das sehr seltsam. Sogar bei aufgeschlossenen Heteros, die viele schwule Freunde haben, scheint oft diese Angst mitzuspielen, sie könnten auch schwul sein. Das amüsiert mich.
Sehen Sie «Humpday» auch als weibliche Antwort auf Judd Apatow und dessen smarte Sexkomödien wie «Knocked Up»?
Nein, überhaupt nicht. Ich bin ja eher im Kunst- und Experimentalbereich daheim, Hollywood ist weit weg für mich. Aber es stimmt, seit «Humpday» werde ich immer wieder auf Apatow angesprochen, und ich mag seine Filme sehr. Er hat dieses derbe, krude Genre mit Realismus, menschlichen Qualitäten und einer Portion Intelligenz versorgt. In der Regel interessieren mich solche Komödien überhaupt nicht, aber Apatows Filme sehe ich mir an, weil ich weiss, dass sie einen gewissen Mehrwert enthalten. Der Unterschied zu «Humpday» ist, dass wir es dabei gar nicht unbedingt auf eine Komödie angelegt hatten. Natürlich war uns klar, dass in der Story ein humoristisches Potenzial und sogar Slapstick steckte. Aber wir schrieben keine Gags, und auch die Schauspieler hatten es nie auf Lacher abgesehen. Wenn der Film lustig ist, dann deshalb, weil wir uns darin wiedererkennen.
Die Jungs in «Humpday» wollen ihren Film für das Humpfest drehen, ein alternatives Festival für selbst gedrehte Pornos in Seattle. Gibt es dieses Jekami wirklich?
O ja, das ist keine Erfindung von mir. Inzwischen habe ich selber einen kurzen Film für das Humpfest gedreht, weil mich der Gründer des Festivals fast dazu genötigt hatte. Er fand, das sei ich seinem Festival schuldig, weil es mir die Inspiration zu «Humpday» geliefert habe. Erst wollte ich mich drücken, weil ich eigentlich viel zu prüde bin, um einen Porno zu drehen. Ich habe dann fürs Humpfest gewissermassen eine Fortsetzung von «Humpday» gedreht. Der Film heisst «Beyond Gay», und es geht auch hier um zwei beste Freunde, die miteinander Sex haben wollen – aber diesmal sind es ein schwuler Mann und eine Lesbe.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.01.2010, 10:25 Uhr




