Als in Woodstock die halb nackten Hippies aus dem Busch sprangen
Von Florian Keller, Cannes. Aktualisiert am 03.08.2009
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In dieser Nacht ist der Nabel der Welt ein wogender Ozean, und mittendrin leuchtet von fern ein glühender Kern. Hat uns Cannes jetzt völlig die Sinne vernebelt? Nein, das liegt nur am LSD, und das Leuchten dort hinten, das ist die Bühne von Woodstock. Wir befinden uns im neuen Film von Ang Lee, dem erstaunlichsten Chamäleon im Autorenkino der Gegenwart.
Auf der Suche nach Entspannung
Nach «Lust, Caution» ist Lee auf amerikanischen Boden zurückgekehrt, um mit «Taking Woodstock» die kollektive Entspannung zu suchen – und dazu seine eigene. Er habe nun 13 Jahre lang nur noch tragische Filme gedreht, sagte Lee bei der Premiere am Samstag. Mit seiner Woodstock-Komödie habe er sich auch von allen diesen bedrückenden Geschichten freischaufeln wollen: Love & Peace als kreatives Antidepressivum.
Der Regisseur von «Brokeback Mountain» vergnügt sich also auf den heiligen Wiesen der Gegenkultur, bis sich die Weide in einen zugemüllten Schlammhügel verwandelt hat. Und es ist typisch für Lee, dass er Woodstock durch den Blick eines gescheitelten Aussenseiters filtert, gespielt vom jungen Komiker Demetri Martin.
Die Unschuld der Blumenkinder
So erzählt «Taking Woodstock» die wahre Geschichte von Elliot Tiber, einem jüdischen Burschen, der dank dem Festival das abgehalfterte Motel seiner Eltern saniert. Eigentlich will er in dem traurigen Kaff nur ein Streichquartett für ein Freiluftkonzert buchen – doch dann bereitet er beiläufig das Feld für das epochale Happening mit einer halben Million Blumenkindern. Dabei küsst er seinen ersten Mann, und seine verbitterte alte Mama, von Imelda Staunton an der Grenze zur Karikatur gespielt, scheucht ein paar halb nackte Hippies aus dem Busch.
Das ist wohltemperiertes Feelgood-Kino, und enttäuschend daran ist höchstens, dass man von Ang Lee mehr erwartet. Woodstock, das macht sein Film zwar deutlich, war auch die Geburtsstunde der Event-Industrie. Aber darüber hinaus mag er hier nicht am Mythos der Gegenkultur kratzen. «Taking Woodstock» ist eine nostalgische Ode an die Unschuld, bevor sie wenige Monate später beim chaotischen, in einer Messerstecherei endenden Konzert der Rolling Stones in Altamont geopfert wurde. Die Konzerte selbst, filmisch längst umfassend dokumentiert, bleiben bei Ang Lee vollständig ausgespart. Denn von der Musik kriegt Elliot nur ein fernes Echo mit, weil er in einem VW-Bus gerade seinen ersten Trip erlebt.
Zärtlichkeiten im Grünen werden auch bei Jane Campion ausgetauscht, aber von freier Liebe wagt die romantische Heldin hier gar nicht erst zu träumen. Campion, seit «The Piano» immer noch die einzige Frau, die jemals mit einer Goldenen Palme aus Cannes abgereist ist, erzählt in «Bright Star» von der Liebe des Dichters John Keats zur jungen Fanny Brawne, die eigentlich lieber extravagante Kleider näht, als Lyrik liest. Ausserdem ist der Poet mittellos, aber was sind schon die Umstände gegen die heilige Wahrheit des Herzens.
Schön dekorierte Langeweile
Mit beiläufiger Ironie zeigt Jane Campion, wie die Rollen verteilt sind: Wenn Männer sinnieren, entsteht Kunst, wenn Frauen nähen, ist es nur Tand. Fürs Auge ist «Bright Star» betörend schönes Kino, durchflutet von sommerlichem Licht und so delikat gewoben wie die Roben, die Fanny schneidert. Aber anders als in «The Piano» und «The Portrait of a Lady» fehlt es diesem Drama an Temperament. Und die junge Abbie Cornish in der Hauptrolle ist bildhübsch, mehr nicht. Hinter erlesenem Dekor lauert die Langeweile. Mehr Temperament ist wohl bereits unterwegs: Morgen Dienstag zeigt Pedro Almodóvar seinen neuen Film mit Penélope Cruz.
BILD KEN REGAN/PD
Im Hippiebus stirbt die Unschuld zuerst: Szene aus Ang Lees neuem Film.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.08.2009, 14:34 Uhr
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