«Beide Seiten schenken sich nichts»

Russland nutze die Fliehkräfte in der Ukraine für seine eigenen Interessen, sagt Osteuropaforscher Malvin Oppold. Kiew müsse nun eine gemeinsame Identität finden – wie es auch im Dokumentarfilm «Maidan» vorgeträumt wird.

Der Dokumentarfilm «Maidan» zeigt die Eskalationen während der Proteste in Kiew 2014. Foto: PD

Der Dokumentarfilm «Maidan» zeigt die Eskalationen während der Proteste in Kiew 2014. Foto: PD

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Wie schätzen Sie die aktuelle Lage in der Ukraine ein?
Erratisch. Der Waffenstillstand hält weitestgehend, eine gespenstische Ruhe ist eingekehrt. Minsk II sieht den Abzug schwerer Waffen vor; weil das nicht geschieht, bleiben beide Seiten wachsam. Das Beste wäre, wenn die kriegerischen Mittel in einen politischen Prozess überführt werden könnten. Unabdingbar ist dabei die Föderalisierung, also lokale Wahlen innerhalb der ukrainischen Verfassung. Das müssen aber auch die Separatisten akzeptieren.

Wie ist die Stimmung im Land?
Ich habe mit Freunden in Kiew telefoniert, die für den Umsturz auf dem Maidan waren. Sie haben gesagt: Es regieren schlimmere Diebe als vorher. Der neue Präsident Poroschenko soll Einfluss auf die Zentralbanken haben, um von Währungsschwankungen zu profitieren. Es herrscht tiefe Enttäuschung, die Stimmung ist pessimistisch.

Was bleibt da noch vom Maidan-Aufstand von 2014?
Für den Maidan war der Umsturz eine Aufhebung der alten Gewissheiten. Es gibt im Zentrum der Ukraine eine positive Utopie, die gegenwärtige Ideen wie Demokratie und Wohlstand in die Zukunft projiziert. Im Osten herrscht eine Art Nostalgie. Man blickt zurück, in die alte Zeit der Sowjetunion und der Industriearbeiter. Hier war der Maidan der Verlust alter scheinbarer Sicherheiten, die heute auch verklärt werden. Der Traum wäre, dass aus dem Krieg eine Erzählung darüber entsteht, was das Land zusammenhält. Im Dokumentarfilm «Maidan» sieht man ja Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und ganz unterschiedlichen Alters. Es sind nicht einfach Banditen und Faschisten.

Vor allem die Russen haben diese Leute als Faschisten bezeichnet.
Trotzdem stellt sich die Frage, welche Rolle die Swoboda bei dem Umsturz gespielt hat. Das ist die Partei, die aus den ukrainischen Nationalisten hervorgegangen ist. Sie waren es, die ab 1942 gegen die Sowjetunion gekämpft und zum Teil mit den Nazis kollaboriert haben. Stepan Bandera, ihr Anführer, wird nun als Nationalheld wiederbelebt. Die Frage, ob er Faschist war oder nicht, wird überlagert von einem Narrativ des Heroischen. Nun werden zu seinen Ehren Monumente gebaut, die ihn in einer ähnlichen Pose wie Lenin zeigen. Bandera ist einer der wenigen Unabhängigkeitshelden, die man in der Ukraine noch konstruieren kann. Der Ruf «Ehre der Ukraine, Ehre den Helden», den man im Film immer wieder hört, stammt vom Bandera-Flügel der Organisation Ukrainischer Nationalisten.

Man nutzt also auch umstrittene Figuren, um eine kollektive Erzählung zu finden.
Es wird versucht, eine nationale Unabhängigkeitsidentität zu konstruieren. Bis heute spielen die Rechtsnationalisten dabei eine Rolle. In der Ostukraine verlässt man sich derzeit auch auf hartgesottene nationalistische Freiwilligenbataillone mit grossem Durchhaltewillen. Für die Russen ist das optimal, sie konnten schon bei den Maidan-Protesten sagen: «Schaut, die brauchen die faschistischen Slogans von damals.» Denn wenn die Sowjetunion irgendeine Errungenschaft hatte, dann den Sieg über den Faschismus. Diese Erzählung ist in Russland sehr anschlussfähig. Sie liefert einen Grund, um den Kampf mit dem Westen durchzuhalten. So war es leichter, das russische Eingreifen als historische Pflicht darzustellen.

Dennoch: Was will Putin?
Ich frage mich vor allem, weshalb Russland diese Risiken eingegangen ist. Es war klar: Je offener Russland in den Konflikt involviert ist, desto schneller muss es damit rechnen, mit dem Westen in Konfrontation zu geraten. Das heisst: wirtschaftlicher Niedergang in einer sowieso nicht ganz stabilen Situation. Das Argument, Russland habe sich vor einem Überschwappen des Protests auf Moskau gefürchtet und deshalb eingegriffen, halte ich für nicht sehr überzeugend. Moskau ist nicht Kiew. Die Gefahr, dass sich der Maidan in Moskau wiederholt, ist sehr gering.

Hat Putin einen Masterplan?
Russland will seine strategische Position – vor allem die Südflanke – mittels Krimbesetzung, Schwarzmeerflotte und Distanzierung der Nato verteidigen. Man muss dem Westen vorwerfen, dass er die klare Ansage der russischen Führung missachtet hat. Sie sagte: «Wenn die Nato in die Ukraine kommt, ist die rote Linie überschritten.» Weil dann das Militärbündnis auch dort bis an die russische Grenze reicht. Auch wenn man diese Argumentation nicht akzeptiert, ist es verantwortungslos, darüber hinwegzusehen. Doch genau das wurde gemacht. Also hat Russland strategische Überlegungen angestellt, um die Fliehkräfte in der Ukraine für seine eigene Interessenpolitik einzusetzen.

Das sind vor allem geostrategische Interessen?
Ja. Russland hat seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Attraktivität für die Länder rundherum verloren. Verglichen mit der EU ist Russland ein Zwerg. Dabei braucht jedes Land, das eine eigenständige Politik betreiben will, Partner. Sobald diese fehlen, muss ein Staat reagieren. Seit dem Zerfall der Sowjetunion steckt Russland zudem in der Verliererposition. Es weiss: Mit der EU und der Nato-Anbindung kommen für die Ukraine bald die wirtschaftliche Integration und eine Abkehr von Moskau. Insofern hat Putin einen Verhandlungserfolg erzielt und die militärische Anbindung der Ukraine an den Westen verhindert. Die Nato-Beitritt ist jetzt weit weg.

Dafür hält man Putin nun für einen grössenwahnsinnigen Neo-Zaren.
Ich glaube nicht, dass Putin abgeschottet von der Realität lebt, obwohl das nicht ausgeschlossen ist. Sicher wird ein Narrativ wiederbelebt, das die russische Politik flankiert. Also: Wiederbelebung der Sowjetunion, deren Zerfall als grösste geopolitische Katastrophe im 20.  Jahrhundert dargestellt wird. Wiederbelebung des zaristischen Motivs, des Empires. Die neurussische Idee soll als eine Art «soft power» fungieren.

Es geht um die Konstruktion von Narrativen. Wird das auch im Krieg in der Ostukraine versucht?
Ja, es ist ein Bilderkrieg, in dem mit Information und Desinformation gespielt wird. Eine Form von virtueller Kriegsführung. Man nutzt automatisierte Computerprogramme, um Bilder zu streuen. Darunter sind solche aus anderen Kriegen, etwa die Aufnahme eines erschossenen Kindes aus dem syrischen Bürgerkrieg. Beide Seiten, die prorussischen und die prowestlichen Kämpfer, haben es in sozialen Netzwerken geteilt, um zu zeigen, wie brutal der Gegner vorgeht. Dazu kommen retuschierte Bilder: Ein Foto von Antiregierungsprotesten in Griechenland, auf dem ein Polizist von einem Demonstranten geschlagen wird, wurde so geändert, dass man nicht mehr sieht, dass es aus Griechenland stammt. Die russischen Medien brachten es unter dem Motto: «Seht, wie brutal die Demonstranten in der Ukraine auf Polizisten einschlagen.» Beide Seiten schenken sich dabei nichts. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.03.2015, 19:28 Uhr)

Malvin Oppold

Der 28-Jährige ist Co-Leiter des Bereichs Russland & GUS der Young Initiative of Foreign Affairs and International Relations. Er belegt an der Uni Bern Politologie und Osteuropastudien.

«Maidan» als Film

Ukraine-Programm im Kino Xenix

Was klingt da für ein Lied? «Vitja ciao» hallt über den Maidan in Kiew, ein Song gegen den damaligen Präsidenten Wiktor Janukowitsch nach dem italienischen Partisanenlied «Bella ciao». Immer wieder bläst es Fetzen von Hymnen und Reden über die 2014 in Kiew protestierende Menge, als polyfone Off-Stimme zur Revolution. Sonst lässt Sergei Loznitsa in seinem eindringlichen Dokumentarfilm «Maidan» die Tableaus des nationalen Erwachens kommentarlos laufen: Er blickt als Alltagsforscher auf ein historisches Ereignis und zeigt in kontrollierten Einstellungen, wie ein Aufstand organisiert wird und wie die Lage im Zusammenprall mit der Polizei eskaliert. Der Film lief wenige Monate nach der Flucht von Janukowitsch am Festival in Cannes und ist nun noch bis Ende März im Rahmen des Programms «Ukraine 2014» im Kino Xenix in Zürich zu sehen. (blu)

Video

«Maidan», Trailer. Quelle: Youtube

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