Besessen malte Séraphine für ihre Engel
Von Christoph Schneider. Aktualisiert am 29.07.2009
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Interview mit der Hauptdarstellerin Yolande Moreau im aktuellen «züritipp».
Wie Kunst aus dem Wahn entstand, ist oft dargestellt worden, filmisch und literarisch und oft so, als gehörten die Kunst und das Verrücktsein zusammen und seien der Ausdruck der wahren und befreiten menschlichen Gesundheit. Es war ja gern Teil eines beliebten psychologischen Geschwafels, dass der Wahnsinn eigentlich das Gesunde und Authentische sei oder der Preis, den die Götter für eine Art heiliger Genialität fordern; und dass Van Gogh nicht zu seinem Licht und seinen Farben gefunden hätte, hätte er sich nicht ein Ohr abgeschnitten.
Bewiesen ist der Zusammenhang von Ohr und Kunst allerdings nicht, und auch Hölderlin in seinem Tübinger Turm war am Ende kaum noch ein Dichter, sondern vor allem ein umnachteter Irrer. Aber aus der Vorstellung, eine Psychose sei Befreiung, entstehen halt die schönsten Melodramen. Und ein bisschen dienen sie vielleicht immer der Beruhigung der Nichtgenies, die keine besondere Begabung haben, sich dafür aber nichts abschneiden müssen.
Von Kunstsammler entdeckt
Die Lebensgeschichte der Malerin Séraphine Louis (1864–1942) aus Senlis im französischen Departement Oise, Hauptfigur nun im biografischen Spielfilm «Séraphine» von Martin Provost, endete in der Nervenheilanstalt Clermont-sur-l'Oise und in einem langen Verdämmern. Zuvor hatte sie in Jahrzehnten – neben ihrer elenden Arbeit als Wäscherin und Dienstmädchen – ein malerisches Werk von naturreligiöser Intensität, man könnte sagen: von sich geschleudert, weil sie glaubte, der Himmel habe ihr das aufgetragen. Leuchtende Früchte, rote Bäume, das geheimnisvolle Gewirr von Blätterranken. In ihrer Besessenheit berührte es sie kaum, dass sie im besten Fall als arme verrückte Haut bemitleidet und im schlimmeren ausgelacht wurde von kunstsinnigen Provinzlern, die sagten, ihre Äpfel sähen aus wie Pflaumen. Sie malte für ihre Engel und nicht für die Leute, denen sie die Leintücher wusch. Aber im Jahr 1912 entdeckte der deutsche Kunstsammler Wilhelm Uhde die Bilder der Séraphine und versprach der Künstlerin (sie war noch gar nie sogenannt worden), sie berühmt zu machen; und womöglich war es das Schlimmste, was ihr passieren konnte. Denn sie glaubte an Wunder und nahm diesen Uhde, der sich Mühe gab, beim Wort, das er dann nur unzulänglich gehalten hat.
Darstellung einer irren Reinheit
Prächtiger Stoff für eins dieser sentimentalischen Künstlerdramen. Das Feine an Martin Provosts Film jedoch ist, dass er die Figur der Séraphine gerade nicht umspielt mit einer weichlichen Atmosphäre von gesegnetem Wahn. Er nähert sich diesem kleinen Leben und dieser riesigen Begabung mit diskreter Exaktheit, also auch den Widersprüchen eines Charakters, den man im täglichen Umgang nicht so leicht ertrug. Er übt nicht durch Genialitätsklischees (sozusagen: «Wahnsinn als Chance») Verrat am Schmerz einer Verwirrung und einer Einsamkeit. Und er denunziert nicht jenen frühen Entdecker der Séraphine, der wirklich half, wo er konnte, nur weil der aus wirtschaftlicher Vernunft und vielleicht auch wegen eines Mangels an psychologischer Kondition mit einer sehr fordernden Naivität nicht jederzeit zurechtkam; auch seine Widersprüche kommen zu ihrem menschlichen Recht.
Die Schauspielerin Yolande Moreau ist perfekt als Séraphine: eine wahrhaftige Verkörperung in ihrer kantigen Unattraktivität; durch ihre Fähigkeit, gewissermassen von innen zu glühen, es aber mit der künstlichen Hitze nicht zu übertreiben; in der Darstellung einer irren Reinheit, die nie darauf schielt, gern gehabt zu werden, wo es nichts gern zu haben gibt. Ihr Partner – enthusiastisch, aber eben bei unbesessenem Verstand – ist Ulrich Tukur als Wilhelm Uhde. Zusammen geben sie einer Beziehung eine Realität, die zu stimmen scheint und nicht nur stimmungsvoll ist.
Etwas sperrig
Die Abwesenheit von Filmrhetorik und -pathos (kein Bild mystifiziert da die Natur, aus der Séraphines mystische Bilder kamen) macht diesen Film natürlich auch etwas sperrig. Komfortabler hätte man es als Zuschauer schon mit ein paar griffigen Erklärungen und Emotionen. Manchmal wären sie, dramatisch gesehen, sogar nötig. Man ist in «Séraphine» und vis-à-vis von Séraphine ein wenig allein mit seinen seelenkundlichen Spekulationen und kunsthistorisch sogar unterernährt. Aber es bleibt die Bekanntschaft mit einer faszinierenden Figur. Regisseur Provost hat, frei mit Robert Walser zu reden, nie behauptet, er kenne sie ganz. Und warum sollten wir mehr Recht haben?
Séraphine (F 2008). 125 Minuten. Regie: Martin Provost. Mit Yolande Moreau, Ulrich Tukur u.a.
In Zürich im Arthouse Le Paris.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.07.2009, 20:03 Uhr
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