Bruno Ganz' beredtes Schweigen auf SF
Die Szene berührt in ihrer fast schon peinlichen Stille den Zuschauer vor dem TV: Im Zusammenhang mit seinem aktuellen Film «Der grosse Kater» wird Bruno Ganz am Mittwoch für die SF-Kino-Sendung «Box Office» interviewt. Von Anfang an ist ihm unwohl dabei. Er ist auf die äusserste Kante des Sofas gerutscht, wartet jedesmal lange mit seinen Antworten. Oder sagt einfach gar nichts. Etwa auf die Frage, wie er mit dem Alter umgeht. Er habe keine Meinung dazu, sagt er. Zweimal kratzt die Moderatorin mit ihren Fragen am Privatmann Bruno Ganz. Der schaut in die andere Richtung, versucht mit Allgemeinplätzen verlegen abzulenken und bleibt schliesslich stumm.
Ganz verweigert sich der vorherrschenden Selbstinszenierung im Showbusiness völlig. Eine wohltuende Abwechslung zu den meisten seiner Kollegen, die sich um jeden Preis im Gedächtnis der Öffentlichkeit zu halten versuchen. Ganz gibt kaum Interviews und wenn, dann nur zu seiner Arbeit. Mit der Boulevard-Presse spricht er grundsätzlich nicht. Er zeigt sich öffentlich nur an Filmpreis-Verleihungen oder Premieren seiner eigenen Filme und Theaterstücke. Bilder von Ganz gibt es lediglich von offiziellen Anlässen.
Das wenige, das man von Ganz persönlich weiss, ist in einem Satz erzählt: Der Sohn eines Schweizer Fabrikarbeiters und einer Italienerin wohnt in Zürich, ist seit Jahren mit der Fotografin Ruth Walz liiert, hat einen 37-jährigen Sohn, der mit vier Jahren erblindete und rührt keinen Alkohol mehr an, seit er vor rund zehn Jahren nach einigen Gläsern zu viel bei einer Probe schwer stürzte.
Ein bekannter Unbekannter
Trotz seiner grossen Zurückhaltung hat man bei Ganz nicht das Gefühl, er wolle sich dem Publikum vorenthalten. Im Gegenteil, er ist so bodenständig und normal geblieben, dass ihn das Interesse an seiner Person offensichtlich wirklich befremdet und ihm unangenehm ist. Er dreht den Kopf nicht aus Arroganz weg bei privaten Fragen, sondern aus Verlegenheit.
So sehr er auf der Bühne und vor der Kamera zu Hause ist, so fremd ist er in der Glitzerwelt des schönen Scheins, die scheinbar untrennbar zu seinem Beruf gehört. Bruno Ganz gelingt es, zu trennen, was von vielen heute als selbstverständliche und notwendige Begleiterscheinung zum Schauspielerdasein akzeptiert wird: Die totale Durchmischung von Privat- und Berufsleben.
Als grossen Unbekannten empfindet man ihn trotzdem nicht. Erstens, weil er in seinen Rollen dermassen viel von sich zeigt, dass ein jeder den Bruno Ganz zu kennen glaubt. Zweitens, weil er sich nicht hinter Zäunen, getönten Limousinen-Fenstern und Bodyguards versteckt, sondern einer aus dem Volk geblieben ist. Ihn, einen der grössten und international erfolgreichsten Schweizer Künstler, sieht man denn auch schon mal in der Rushhour am Hauptbahnhof Zürich auftauchen. Und sogleich wieder in der Menschenmenge abtauchen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.01.2010, 14:29 Uhr
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