Buhrufe und Ablehnung für Nazifilm «Jud Süss»
Aktualisiert am 18.02.2010 2 Kommentare
Propagandamachwerk: Das Originalplakat des Films von 1940.
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Vorwürfe zurückgewiesen
In der Pressekonferenz wies Roehler den Vorwurf der Geschichtsfälschung zurück. Vielmehr sei man historisch sehr präzise vorgegangen. Aber natürlich gebe es immer Dinge, die offen für Interpretationen seien. Sonst hätte man einen Dokumentarfilm machen müssen.
Der Medienwissenschaftler Friedrich Knilli hatte Roehler in einem DAPD-Interview Legendenbildung vorgeworfen, weil dieser «ohne Grund zwei wichtige Dinge fälscht.» Zum einen sei Marian anders als im Film nicht mit einer Jüdin verheiratet gewesen, sondern mit einer Katholikin. Zum anderen stimme es auch nicht, dass Marian einen Juden Unterschlupf geboten habe. Roehler habe diese Dinge vermutlich geändert, um seine Chancen auf eine Oscar-Nominierung zu erhöhen, spekulierte Knilli.
Roehler sagte, man habe die Frau zur Halbjüdin gemacht, weil das Paar damit exemplarisch für viele Künstler im Dritten Reich stehe. Auch der im Film gezeigte tödliche Autounfall Marians sei nicht belegt, räumte Roehler ein. Für ihn sei es aber von der Moral her klar gewesen, dass dieser sich am Ende das Leben nehmen müsse. (ddp)
Erstmals zeigt ein Kinofilm, wie Veit Harlans übles Nazi-Streifen «Jud Süss» aus dem Jahr 1940 entstand, wie viel Einfluss Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels nahm und wie tragisch das Schicksal des Süss-Darstellers Ferdinand Marian war. Die Mischung aus Melodram und leicht satirischen Elementen irritierte das Publikum in einer ersten Medienvorstellung allerdings stark, so dass es am Ende auch Buhrufe gab.
Schon während des Films sorgten vereinzelte Szenen für Unmutsäusserungen. Mit gemischten Gefühlen nahmen die Zuschauer auf, dass Moritz Bleibtreu in der Kolportage den Nazi-Verbrecher Goebbels eher als Clown denn als Massenmörder spielte. «Wir gehen mit unserem Film ins Innere der Salons der Nazis, wir sind mitten in der Nazi-Highsociety», hatte Roehler gegenüber der Nachrichtenagentur dpa erklärt. So will der Regisseur von Filmen wie «Elementarteilchen» zeigen, wie die Mechanismen von Macht und Verführung, Erpressung und Unterdrückung funktionieren.
Mörderische Nazi-Highsociety
Mit «Jud Süss», dem wohl verwerflichsten Werk der Filmgeschichte, wollten die Nationalsozialisten die Vertreibung der europäischen Juden legitimieren und ihre Ermordung vorbereiten. SS-Kommandos wurde der Hetzfilm vor ihren Einsätzen gegen Juden gezeigt. Tobias Moretti verkörpert den damals nur als Liebhaber-Akteur bekannten Marian. Die Rolle des bewusst als niederträchtig gezeichneten Süss nimmt er gegen seinen Willen an.
«Er wusste eigentlich von Anfang an, dass das für ihn nicht gut ausgehen kann», sagte Roehler: «Es geht darum, wie das System langsam jeden Widerstand zermürbt.» In weiteren tragenden Rollen sind Martina Gedeck als Marians jüdische Ehefrau Anna, Armin Rohde als Heinrich George und Justus von Dohnanyi als Harlan zu sehen. Roehler zeigt, wie Marians Frau - die in Wirklichkeit allerdings keine Jüdin war - sich von ihrem Mann abwendet, weil er sich durch die Gesellschaft der Nazi-Grössen zunehmend verändert. Viele Freunde der Marians müssen emigrieren. Ausserdem versteckt das Paar den jüdischen Schauspieler Adolf Wilhelm Deutscher im Gartenhaus.
Marian zerbricht am Machwerk
Beim von Mussolini ins Leben gerufenen internationalen Filmfestival von Venedig wird «Jud Süss» vom Publikum begeistert gefeiert. Doch Marian wird sich des verbrecherischen Ziels, das die Nazis mit dem Film rechtfertigen wollen, immer deutlicher bewusst. Er ergeht sich in Alkoholexzessen und immer neuen Affären. Goebbels Liebling ist nicht länger eine Vorzeige-Figur. Dann wird Marians Frau deportiert. Nach Kriegsende endet der Prozess gegen Harlan - «des Teufels Regisseur» - mit einem Freispruch. Marian verliert jeden Halt. Der Künstler stirbt 1946 unter mysteriösen Umständen bei einem Autounfall.
Roehler plant bereits den nächsten Film über die Nazi-Zeit - allerdings in einem anderen Genre. «Ja, ich will einen Gangsterfilm mit dem Titel «Der kleine Doktor - Der unaufhaltsame Aufstieg des Joseph Goebbels» machen», kündigte er an. (rb/sda)
Erstellt: 18.02.2010, 16:16 Uhr
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2 Kommentare
Seltsam, die Premiere des Filmes läuft während ich diese Zeilen schreibe - wie will der Verfasser des Artikels wissen, wie der Film ankommt. Es ist ein heikle Thematik. Der Film darf in D nach wie vor nicht öffentlich gezeigt werden (sollte auch nie) und Bleibtreu als Goebbels kann ich mir auch schwer vorstellen - der "Bock von Babelsberg" soll widerlich aussehen im Film, in echt war er der Teufel Antworten
die deutschen haben ihre nazivergangenheit enttabuisiert und nun wollen sie mit diesen filmen noch kapital daraus schlagen. ich finde es gut, dass sie lernen mit ihrer braunen vergangenheit freier umzugehen. aber es bleibt ein schwieriges thema. ob nun fiktionalisiertes historisches material zur vergangenheitsbewältigung beiträgt, wage ich zu bezweifeln. einzig geld spielt hier eine rolle. Antworten
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