Carla Juri steckt den Kopf in den Ofen

Gar nicht zum Fürchten: Frauke Finsterwalder zeigt im deutschsprachigen Spielfilmwettbewerb ihren Erstling «Finsterworld». Als Drehbuchautor mit dabei: Ihr Ehemann Christian Kracht.

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Ganz neue Erkenntnis am 9. Zurich Film Festival (ZFF): München liegt nicht in Europa. Dort nämlich, am Münchner Filmfest, hatte der Film mit dem verwunschenen Titel «Finsterworld» im Juli seine Weltpremiere. Am ZFF wird er jetzt trotzdem als Europapremiere angekündigt, im deutschsprachigen Spielfilmwettbewerb. Europa klingt halt irgendwie grösser und glamouröser als so eine gewöhnliche Schweizer Premiere.

Ein bisschen schummeln gehört offenbar zum Geschäft, aber seis drum, der Film kann ja nichts dafür, und die Regisseurin auch nicht. Die heisst fast wie ihr Erstling, nämlich Frauke Finsterwalder. Nebenbei ist sie seit sechs Jahren mit dem Schweizer Schriftsteller Christian Kracht («Faserland») verheiratet, mit dem zusammen sie auch das Drehbuch geschrieben hat. Und im Titel schillert dieser Film schon mal richtig schön: Da hat die Regisseurin ihren eigenen Namen zu einem denglischen «Finsterworld» verballhornt, daneben klingt ihr erklärter Lieblingscomic «Ghost World» mit, vor allem aber natürlich der finstere Wald als mythologisch befrachtete deutsche Sehnsuchtslandschaft.

Hochkarätig besetzt

Wobei: Finster ist es selten in diesem sanft überdrehten und hochkarätig besetzten Ensemblefilm. Michael Maertens, bestens bekannt vom Zürcher Schauspielhaus, kurvt hier als Fusspfleger durch die Gegend, und wenn er im Altersheim auf Hausbesuch geht, nimmt er die abgeschabte Hornhaut seiner betagten Lieblingskundin fein säuberlich mit nach Hause, für Liebesbeweise der delikaten Art. Eine junge Dokumentarfilmerin (Sandra Hüller) strebt verzweifelt nach Authentizität à la Ulrich Seidl, findet aber nur stumpfe Langeweile statt abgründige Wahrheit. Für den bescheideneren Fetisch ihres Freundes hat sie da kein Gehör: Der ist Verkehrspolizist (Ronald Zehrfeld) und tauscht seine Uniform gerne mal für ein Bärenkostüm ein.

Solche Verschrobenheit könnte furchtbar penetrant sein, wäre das als aufgekratzte Komödie angelegt. Doch Finsterwalders finstere Welt funktioniert mehr wie ein modernes Märchen, bei dem jemand die Parameter von Gut und Böse verschoben hat. Uniform und Zottelpelz, das Wilde und das Ordentliche: So kreist «Finsterworld» in mehr oder weniger skurrilen Episoden um sehr deutsche Obsessionen – und träumt letztlich von der unmöglichen Rückkehr in die Unschuld.

Schulische Vergangenheitsbewältigung

Und dann ist da noch die schulische Vergangenheitsbewältigung: ein paar Teenager auf einer Schulreise ins Konzentrationslager, darunter Carla Juri mit Streberbrille und Stinkefinger. Die wird dann, als sie im KZ zu tief in den Ofen guckt, von ihrem sehr blonden, sehr herrenmenschlichen Schulkameraden ins Loch geschubst – von den «Feuchtgebieten» direkt in die Asche der deutschen Menschheitsverbrechen. Die Szene im KZ habe ihr einigen Ärger an der Filmschule eingetragen, erzählte Frauke Finsterwalder gestern nach der Premiere. Das Drehbuch war ihre Abschlussarbeit, aber an dem Film ist jetzt gar nichts auf Provokation angelegt.

Ja, manchmal hört man es auch recht deutlich krachten in diesem Film. Wie in Krachts jüngstem Roman «Imperium» gibts auch hier einen Aussteiger, der im Wald seine Sehnsucht nach dem Urzustand lebt – ohne Jünger allerdings und auch ohne Kokosnüsse. Und wenn einer der Schüler mit Stilkunde erklärt, warum Deutschland heute so hässlich ist, redet er daher wie ein Gymnasiast, der zu viel Kracht gelesen hat: «Im Dritten Reich, da sah doch alles recht gut aus», sagt er. Die Flaggen, die schick geschnittenen Uniformen: Die Nazis hätten halt Stil gehabt. Und weil das nie wieder passieren dürfe, müsse heute alles extra scheusslich aussehen in Deutschland. (Kleine Besetzungspointe am Rande: Die Frau, die dem Jungen zuhört, weiss genau, wovon er spricht, denn gespielt wird sie von Corinna Harfouch, die ja auch schon Frau Goebbels war, damals in «Der Untergang».)

Und was sagt Kracht dazu? «Für mich», sagte er nach der Premiere, «gehts in dem Film um die Frage, wie das Böse in die Welt kommt.» Also wie schon in «Imperium», irgendwie. Dann lächelte er verlegen und ging gleich wieder ab, aus dem Rampenlicht in den Schatten.

«Finsterworld» am Zurich Film Festival: So, 15.45 Uhr, Kino Corso / Mi, 18.15 Uhr, Kino Arena / Fr, 22.30 Uhr, Kino Corso. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 29.09.2013, 11:42 Uhr)

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Unterwegs in Deutschland: Trailer zu Frauke Finsterwalders «Finsterworld».

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