Kultur

«Da war der Spass plötzlich vorbei»

Von Florian Keller. Aktualisiert am 01.09.2010 2 Kommentare

Der Schweizer Regisseur Dani Levy über seinen neuen Film «Das Leben ist zu lang», jüdischen Humor und Quentin Tarantino.

«Die zweidimensionale Kinorealität kommt mir manchmal extrem eng vor»: Regisseur Dani Levy.

«Die zweidimensionale Kinorealität kommt mir manchmal extrem eng vor»: Regisseur Dani Levy.

Der Held in Ihrem neuen Film sagt einmal: «Komödien sind nicht unbedingt dazu da, die Menschen zu erfreuen!» Gestatten Sie die Rückfrage: Wozu denn sonst?
So radikal, wie er das in seinem Albtraum sagt, würde ich diesen Satz selber ja nicht formulieren. Aber was er meint, das sehe ich genauso: Eine Komödie kann mehr sein als bloss heitere Unterhaltung. Jedenfalls ist es nicht ihre alleinige Aufgabe, die Menschen glücklich zu machen. Die Komödie kann ein sehr provozierendes, verstörendes Genre sein. Nehmen Sie etwa einen Komiker wie Sacha Baron Cohen: Was er macht, ist nie einfach nur lustig, sondern auch konfrontativ oder auch unappetitlich. Er spielt mit solchen Grenzüberschreitungen.

In Ihrem Film will der Regisseur Alfi Seliger eine Komödie über den Streit um die Mohammed-Karikaturen drehen, weil er die Freiheit des Humors bedroht sieht. Teilen Sie seine Einschätzung?
Das ging mir schon sehr nahe, wie massiv damals die Presse-, Meinungs- und letztlich auch die Humorfreiheit attackiert wurden. Natürlich war das Ganze eine gezielte Provokation aus der rechten Ecke. Aber die Tatsache, dass Karikaturen einen solchen Kulturkampf provozieren, bei dem so rigoros eine Grenze gezogen wurde, die der Humor nicht überschreiten dürfe – das war für mich ein traumatisches Erlebnis. Da merkte ich, wie weit unsere Gesellschaft von einer fundamentalistisch muslimischen Gesellschaft entfernt ist. Für das noch grössere Problem halte ich jedoch die extremen Ressentiments gegen Muslime, die der Karikaturenstreit nach sich zog.

Aber es ist nicht so, dass Sie selbst einen Film über den Karikaturenstreit hätten drehen wollen?
Nein. Obwohl ich denke, dass das Thema eigentlich reif wäre.

«Das Leben ist zu lang» ist nun ein Film über einen Regisseur in einer Lebenskrise, gespickt mitautobiografischen Verweisen. Auch ein Versuch für Sie, eine eigene Schaffenskrise zu bewältigen?
Ich will nicht leugnen, dass das ein sehr persönlicher Film ist, der durchdrungen ist von Gedanken und Erfahrungssplittern aus meinem Leben – aber eben auf komödiantische Weise und sehr selbstironisch. Wie Alfi wurde auch ich einmal nach kurzer Zeit aus einer Soap gefeuert, weil meine Herangehensweise zu langsam und zu künstlerisch war. Das war in den frühen 90er-Jahren, die Serie hiess «Berlin Break». Alfi hält es im Film nur gerade einen halben Tag aus, mir wurde damals immerhin erst nach zwei Tagen gekündigt. Trotzdem ist mein Leben natürlich weniger krisenhaft als dasjenige von Alfi. Der Albtraum, durch den ich ihn schickte, war auch deshalb so lustvoll für mich, weil ich das so nicht erlebt habe.

Diese Meta-Ebene, als Seliger merkt, dass er nur eine Figur in einem Film von Dani Levy ist: War das von Anfang an so geplant, mit diesem doppelten Boden?
Ja. Mir gefallen Filme, in denen sich plötzlich eine andere Ebene öffnet und die Realitäten sich verschieben. «Being John Malkovich» zum Beispiel mochte ich sehr, wie auch die anderen Filme von Charlie Kaufman. Solche Spielereien mit filmischen Realitäten gab es ja schon in den 20er-Jahren bei Buster Keaton. Da findet man Stummfilme, in denen er plötzlich aus der Leinwand stürzt, auf einer anderen Handlungsebene landet und dann versucht, zurück in die Filmhandlung zu klettern. Die zweidimensionale Kinorealität, in der wir uns eingenistet haben, kommt mir manchmal extrem eng vor. Spannend wirds doch, wenn der Boden, auf dem man sich befindet, gar nicht so stabil ist, wie man denkt, und wenn sich plötzlich ein ganz anderer Raum öffnet – wie eine Hinterbühne der eigenen Wahrnehmung.

Ihr Held Seliger ist Jude, wie Sie. Wie wichtig ist das für den Film?
Als Aussenseiter ist man immer anfälliger auf Liebe und Ablehnung. Wenn ich jetzt wieder Kritiken lese, denke ich manchmal, dass es eben doch grosse kulturelle Unterschiede gibt. Über den jüdischen Humor lässt sich ja so leicht theoretisieren. Aber bei der Umsetzung stösst man doch immer wieder auf Unverständnis oder auf Wut. Zum jüdischen Humor gehört eben gerade dieses Selbstzerstörerische, und dazu gehört auch, dass man sich immer wieder selbst in Frage stellt und auf die eigenen Wunden zeigt. Dem steht diese deutsche Haltung gegenüber, wo man lieber Stärke und Heldenhaftigkeit sieht. Dieses Spannungsverhältnis zwischen jüdischer und deutscher Kultur reizt mich – aber es ist auch anstrengend.

Vor sechs Jahren wurden Sie nicht zuletzt in Deutschland dafür gefeiert, dass Sie mit «Alles auf Zucker!» die jüdische Komödie neu belebten. Hatte das auch was Traumatisches, plötzlich so heftig umarmt zu werden?
Im Moment war das nicht traumatisch, sondern überraschend und überwältigend. Plötzlich so geliebt zu werden für die Perspektive eines Aussenseiters! Darum bin ich umso glücklicher, dass ich danach «Mein Führer» machte und dieselbe humoristische, subversive Haltung auf den Nationalsozialismus anwendete. Aber da war der Spass plötzlich vorbei, zumindest in Deutschland.

Es hagelte damals Verrisse. Und zwei Jahre später feierte dann ein anderer Film grosse Erfolge, der ebenfalls eine alternative Geschichte des Dritten Reichs präsentiert: Quentin Tarantinos «Inglourious Basterds». Waren Sie neidisch auf Tarantino?
Ich habe damals schon das Drehbuch gelesen, als Tarantino den Film in Berlin drehte, und ich fand es toll. Trotzdem hätte ich nicht gedacht, dass er damit davonkommt.

Wie meinen Sie das?
Ich war mir sicher, dass man ihm seine absolut frei erfundene Version der Ereignisse im Dritten Reich vorwerfen würde. Aber dann passierte das Gegenteil, die meisten Leute feierten gerade das als Katharsis: Man erlebt bei Tarantino genau die Befriedigung und die Befreiung, die in der realen Geschichte nicht stattfand. Ich empfinde das als gefährlich, und diesen Aspekt von «Inglourious Basterds» sehe ich nach wie vor kritisch. Dennoch fand ich toll, wie Tarantino den historischen Film so gründlich entstaubt und auf den Kopf gestellt hat. Auch sein Film wird irgendwann verjähren, aber nach «Inglourious Basterds» wird es jeder historische Film, der sich auf konventionelle Weise mit dem Dritten Reich befasst, sehr schwer haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2010, 08:10 Uhr

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2 Kommentare

Liliana Amberger

01.09.2010, 11:48 Uhr
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Treffender wäre als Titel für Dani Levys neuster Film "Der Film ist zu lang". Offenbar sind ihm die Ideen für den 2. Teil des Filmes ausgegangen. Im ersten Teil hat es wenigstens noch die eine oder andere Szene zum Schmunzeln oder Lachen. Der Bruch ab der Filmmitte lässt die Geschichte ins Nirgendwo abgleiten, schade. Antworten


David Mamet

05.09.2010, 04:02 Uhr
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Die jüdische Komödie neu belebt?? So gesehen wäre praktisch jede amerikanische Komödie eine "jüdische" Komödie. Der Unterschied jener "jüdischen" Comedies zu Levy ist allerdings, dass die Amerikaner manchmal auch tatsächlich lustig sind. Levy's Neuster ist, das stimmt, "zu lang" aber auch völlig humorlos. Dass sich Levy mit Tarantino und Woody Allen vergleicht ist dafür ein richtig guter Witz. Antworten



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