Dafür gibt es jetzt einen Albino-Ork

Kann «Der Hobbit» an «Der Herr der Ringe» anknüpfen? Wir haben Peter Jacksons Tolkien-Umsetzung gesehen. Die Filmkritik.

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Die Fragen, die es zu klären gilt, lauten: Ist der «Hobbit» ähnlich packend wie der «Herr der Ringe»? Wird gezaubert? Laufen Orks auf? Surfen Elben wieder Mammut-Stosszähne herunter? Wie steht es mit der Werktreue?

Die Voraussetzungen für ein Spektakel waren nicht ideal; die Buchvorlagen unterscheiden sich gewaltig. Der «Kleine Hobbit» wurde als Kinderbuch konzipiert, der «Herr der Ringe» als düsteres Epos, beladen mit allerlei katholischer Metaphorik. Wollte Jackson dem Buch treu bleiben, musste er einen Kinderfilm drehen, sprich: sein Stammpublikum vergraulen. Wollte er aber an den «Herr der Ringe» anknüpfen, musste er die Geschichte so frisieren, dass sie nichts mehr mit dem Buch zu tun hat, was nicht im Sinne der Tolkien-Fans wäre.

Zwergen-Team

Der Zuschauer quält sich zuerst aber mit etwas ganz anderem – der wohl längsten Exposition der Filmgeschichte, die eigentlich bloss der Berufung des widerwilligen Helden dient: Bilbo Baggins', des besagten kleinen Hobbits.

Nun sind Hobbits gemütliche Typen, die gerne essen und schlafen. Mit dem Rest von Mittelerde wollen sie am liebsten nichts zu tun haben. Keine idealen Voraussetzungen für eine Hauptfigur in einem actionbetonten Fantasyfilm. Oder doch? «Fish out of water», sagt man in Hollywood dazu. Der Held muss sich in einer ihm fremden Umgebung bewähren.

Im «Herr der Ringe» war das Frodo im Lande Mordor, nun ist es Bilbo, der von Zauberer Gandalf in ein Team von Zwergen installiert wird, das die Stadt Erebor zurückerobern will. Der Haken dabei: Die Zwergenstadt wird vom Drachen Smaug okkupiert. Und das ist eigentlich schon die ganze Geschichte – wie Bilbo und die zwölf Zwerge zum Einsamen Berg marschieren, wo es zum Showdown mit allerlei ungemütlichen Viechern kommen wird.

Flashbacks

Wir haben es nach Frodos Reise zum Schicksalsberg also erneut mit einem Hobbit zu tun, der sich auf Wanderschaft begibt. «Der Kleine Hobbit» wurde von einigen darum prompt als Bildungsroman verstanden. Doch spätestens in der Verfilmung ist davon nichts mehr übrig. Hier geht es nicht um den Entwicklungsprozess Bilbos, sondern darum, aus der schmalbrüstigen Literaturvorgabe ein Maximum an Schauwerten herauszuholen: überwältigende Städte, Landschaften und Kreaturen.

Um diese in die Story einzubinden, bedient sich Peter Jackson eines Tricks, den er bereits beim «Herr der Ringe» anwandte. Passagen, die im Buch eine halbe Seite brauchen, werden zu zehnminütigen Szenen aufgeblasen. Auch Flashbacks setzt er wiederholt ein, damit er Kämpfe zeigen kann, die vor der Buchhandlung spielen. Denn dummerweise beinhaltet der «Kleine Hobbit» bloss eine einzige filmtaugliche Schlacht.

Wer auf Rabatz gehofft hat, kommt auf seine Kosten. Einmal in Fahrt, wird der Film zum veritablen Spektakel, das selbst den «Herr der Ringe» in den Schatten stellt. Doch die Actionszenen vermögen nicht über die fehlende Geschichte und überzeugende Figuren hinwegzutäuschen. Die Zwerge gleichen sich nicht nur im Namen – ausser dem Chef-Wicht, einer Art Mini-Aragorn, sind sie auswechselbare, tumbe Statisten.

«Verfilmungen nach Motiven von Tolkien»

Froh ist man, dass irgendwann Gollum (dem Bilbo den Ring stiehlt) oder die altbekannten Elben Galadriel und Elrond auftauchen – bis diese den Mund aufmachen. Beinahe hätte man vergessen, wie pathetisch die ätherischen Wesen sein können! In solchen Szenen kommt man nicht darum herum, den «Hobbit» und den «Herr der Ringe» mit «Game of Thrones», der anderen grossen Fantasy-Verfilmung, zu messen. Nein, Psychologie, Dramaturgie und Witz sind Tolkiens Sache nicht (in seinen Büchern geht es in erster Linie darum, aufzubrechen, anzukommen oder zu verweilen. Seitenlang überqueren die Figuren Flüsse, Wälder und Berge). Doch Jackson gibt sein Bestes, dies im Film auszublenden. Tolkien-Puristen sehen es zwar nicht gerne, doch der Regisseur darf das. Seine Filme sind offiziell «Verfilmungen nach Motiven von Tolkien».

Kurz, es hätte schlimmer kommen können – aber auch besser. Was unverständlich bleibt, ist Jacksons Entscheidung, das Buch in drei voluminösen Filmen zu erzählen. Hier konnte er sich offensichtlich nicht vom «Herr der Ringe» emanzipieren. Apropos: Kommt es wieder zum Mammut-Surfing? Nein. Dafür gibt es einen Albino-Ork, Turbo-Hasen und einen Zombie-Macher, der wohl Sauron im Frühstadium sein soll. Ist doch auch was. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 07.12.2012, 16:46 Uhr)

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Leider wurde Ihrem Kritiker der Film nicht im neuen 48 Frame per Second Format gezeigt. Eine Einschätzung diesbezüglich fehlt in der Besprechung deshalb.

Film

«Der Hobbit» kommt nächsten Donnerstag in Schweizer Kinos.

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