Kultur

Das Glück und der Horror am Rande der Autobahn

Von Christoph Schneider. Aktualisiert am 17.02.2009

In «Home» erzählt die Regisseurin Ursula Meier die Geschichte einer Familie, der die Idylle zum Albtraum gerät. Ein hinterlistiger Schweizer Film, wie es lange keinen gab.

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Das Bundesamt für Kultur wollte «Home» für die Schweiz in das Oscar-Rennen schicken. Der Film handelt von einer Familie die sich neben und auf der Autobahn häuslich eingerichtet hat.

   

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Der Film

Home (CH/F/B 2008). 95 Minuten. Regie: Ursula Meier. Mit Isabelle Huppert, Olivier Gourmet, Kacey Mottet Klein u. a.

Ab Donnerstag in Zürich im Arthouse Alba und im Kino Riffraff.

Das Schweizer Fernsehen zeigt Ursula Meiers Erstling «Des épaules solides» heute Mittwoch im Zweikanalton: «Die Sprinterin», 23.59 Uhr, SF 1.

Man weiss es nicht genau, aber ein Chaos im verkehrstechnischen Ordnungssystem oder eine Panne im öffentlichen Tiefbau müssen diese familiäre Idylle ermöglicht haben. Es ist ein vorerst sehr geräumiges Huis Clos, in dem uns der Spielfilm «Home» von Ursula Meier als stille Besucher duldet. Wir sehen – irgendwo, nirgendwo, überall – ein Glück, das sich der planungspolitischen Ineffizienz verdankt.

Da steht ein Haus, gross genug für fünf, und ringsherum ist lauter Landschaft und frische Luft, und gleich vor dem Haus zieht sich von Norden nach Süden (und umgekehrt) eine Autobahn, als gehöre sie dazu wie ein etwas länglicher Spielplatz oder ein erweitertes Wohnzimmer, je nach Laune der Bewohner. Denn es ist auf der nie freigegebenen Strasse in zehn Jahren keiner gefahren, die ursprüngliche Bestimmung ging quasi verloren, und die Grenze zwischen öffentlichem und privatem Besitz hat sich im angewandten Gewohnheitsrecht aufgelöst.

Liebevoller Umgang mit den Figuren

Die Welt der anderen ist weit weg, aber doch nicht so weit, dass die Post, die Abfallentsorgung und der ordentliche Schulbesuch nicht mehr funktionierten. Natürlich haben sich abseits der üblichen Sozialkontrollen ein paar freizügige Skurrilitäten ausgebildet, jedoch nichts, was nicht noch als Normalität durchginge. Alles scheint möglich, und besser könnte es eine Familie nicht haben.

Jedenfalls nicht diese Familie: ein Vater (Olivier Gourmet) im unbedrohten Gefühl, als zärtlicher Ernährer alles richtig zu machen; die Mutter (Isabelle Huppert) in ihrer resoluten Häuslichkeit; der zehnjährige Bub (Kacey Mottet Klein, eines dieser wunderbar talentierten Kinder) als faktischer Eigentümer einer vierspurigen Rollschuhbahn; eine erwachsene Tochter (Adélaïde Leroux), die in ihrer Schmerzlosigkeit nie mehr gebraucht hat als einen Bikini, einen Liegestuhl und zwei Kopfhörer; und eine Halberwachsene (Madeleine Budd) in ihrer selbst gewählten Unscheinbarkeit.

So weit die Ausgangslage, für die Ursula Meier viel Geduld aufwendet, ohne uns je ungeduldig zu machen. Es ist ja immer erstaunlich, welche Anziehungskraft und welches Wirklichkeitsgefühl entstehen können durch die Begabung, liebevoll mit Figuren umzugehen, und durch eine Detailgenauigkeit, die eine filmische Welt zuerst bei der Logik der Dinge packt und nicht gleich bei ihrem absurden Potenzial. Hier herrscht bereits im Zustand einer friedlichen, realistischen Undramatik geradezu mitreissendes Leben. «Home» lebt da ganz von Atmosphäre.

Eine Ahnung von gut getarnter Absurdität ist einem dennoch jederzeit erlaubt, und man kommt dann schon noch auf seine handfesteren tragikomischen Kosten. Nämlich, wenn die kleine Normalität an einer grösseren zerbricht und es um eine Familie in ihrer stillen Weite erstickend eng und laut wird. Der Staat – irgendwo, nirgendwo, überall – will die Autobahn, die nie als Vorgarten gedacht war, eröffnen; und nun steigert sich dieser Film ganz fein hinein in die Hysterie, die womöglich entsteht, wenn einem Illusionen unter der Hand sterben.

Isabelle Hupperts grosse Leistung

Es ist die grossartige, disziplinierte Inszenierung eines privaten Zusammenbruchs unter der Macht des öffentlichen Interesses. Und es ist, dramaturgisch und rhythmisch betrachtet, wie das Aufziehen eines Unwetters. Erst donnert es leise, das ist das erste Auto (ein rotes, gesteuert von einem Monsieur Georges Schwed, wie das Radio vermeldet – solche Details unterscheiden eine durchdachte von einer routinierten Fiktion). Darauf warten Vater und Sohn noch locker gestimmt wie auf eine der seltenen totalen Mondfinsternisse. Dann rollt er heran, der blecherne Strom, und dagegen nützen weder gute Stimmung noch Ohrenstöpsel noch die Einbildung von psychischer Stärke. Jetzt zerbröckeln in «Home» Seelen.

Kaum eine unter den europäischen Schauspielerinnen spielt so etwas ja so gut wie Isabelle Huppert. Sie ist in diesem Film wieder eine einzigartige Harmonie aus Dissonanzen: energisch und fürsorglich, mädchenhaft und rührend, am Ende fast totenstarr vor Verzweiflung, und noch näher am Ende hämmert sie sich, buchstäblich, wieder ins Licht (so viel verraten wir hier).

Aber das ist nicht ein Film der Huppert, sondern eines der eher seltenen Beispiele für eine Geschichte, die funktioniert, weil sie nicht ein einziges grosses dramatisches Ziel anvisiert, sondern viele kleine. Sie handelt von der hilflosen Wut hinter einem männlichen Selbstbild; von der Angst, unter Menschen zu müssen, hinter der demonstrativen mütterlichen Fürsorglichkeit; von der Sehnsucht nach einer grösseren Welt hinter der Schmerzunempfindlichkeit; und von einer paranoiden Genialität hinter der Unscheinbarkeit.

Dieser Film rührt ohne jedes Pathos sozusagen ans Apokalyptische. Er erzählt – vielleicht ist da, quasi als Hintergrundprospekt eines Familienlebens, doch etwas wie ein Generalthema – von der Brüchigkeit jeder Idylle und von der Bunkermentalität derer, die sie bewohnen. Und man könnte behaupten, das mache «Home» – im Irgendwo, Nirgendwo und Überall – zum hinterlistigsten Schweizer Film seit langer Zeit. Erinnern wir daran (obwohl wir hier nichts zu sagen haben), dass er dieses Jahr für den Schweizer Filmpreis nominiert ist!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.02.2009, 20:26 Uhr

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