Kultur

Das Infantile in der Frau

Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 20.07.2011 3 Kommentare

Wenn Frauen so grob sein dürfen wie Männer blöd: Der Frauenfilm «Bridesmaids» gibt sich demonstrativ frech.

Löst bäumige Begeisterung aus: US-Komödie «Bridesmaids».


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«Bridesmaids» von Paul Feig läuft ab Donnerstag im Kino.

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Wir lesen in der «Herald Tribune» von den «neuen Heldinnen der Komik» und von «der neuen kulturellen Bedeutung eines Drehbuches», wir lesen im «Guardian» über eine neue Komödie, «welche die beachtliche Leistung fertigbringt, gleichermassen brutal und sanft zu sein». Von der «New York Times» erfahren wir, wie akkurat und lustig «Bridesmaids», der neue Frauenfilm, «das Überleben auf dem Weg zum Altar» abbildet. Auch die Schweizer Wochenpresse macht Handstände vor Begeisterung. Wir lesen sie; wir lesen und staunen.

Selbst Publikum und Kritiker sind sich über diesen Film einig, und das kommt nicht so häufig vor. «Bridesmaids» in der Regie von Paul Feig wurde in den USA bereits zum erfolgreichsten Frauenfilm der Galaxie ausgerufen. Und Hauptdarstellerin Kristen Wiig, die für die Satiresendung «Saturday Night Live» arbeitet, sehr für das mitgeschriebene Drehbuch gelobt. Darin verarbeitet die Schauspielerin das Trauma diverser Hochzeiten, das sie als Brautjungfer selbst durchleben musste.Im Film spielt Wiig die unstete Annie, eine unglückliche Mittdreissigerin, die als Bäckerin bankrottgeht, freudlosen Sex hat, ihre neue Stelle hasst und mit zwei Dummen zusammenlebt, um nicht wieder heimzumüssen, wo die Mutter wartet. Als Annies beste Freundin heiratet, eruptieren die Abneigungen, Rivalitäten und Enttäuschungen zwischen den fünf Frauen, die sich um die Braut herum gruppieren. Die Hauptfigur tut sich dabei besonders hervor. Zwar taucht ein netter Polizist (Chris O’Dowd) auf dem Highway des Lebens auf. Aber natürlich muss Annie erst ihren Dünkel überwinden, bevor die beiden mit gellender Polizeisirene in die Nacht hineinfahren.

Dann rumort es im Bauch

«Bridesmaids» bietet einige komische Momente, Dialogfechtereien und Bildwitze. Auch vergibt man der Hauptdarstellerin, dass eine so charmante, wunderschöne Frau wie sie niemals dermassen ausgegrenzt würde, schon gar nicht in Amerika. Trotzdem fühlt man sich von diesem Film gegängelt und getäuscht. Gegängelt, weil die Figuren ihre Derbheit so aufdringlich vorzeigen müssen. Jeder Fick und jedes «fucking» wird vorgeturnt und aufgesagt, als sei die Stelle im Drehbuch mit Leuchtstift hervorgehoben. Zudem spielt jede Frau ihre Rolle als Typisierung eines Klischees: die frustrierte Mutter, die gescheite Dicke, die dünne Zicke. Und wenn dem Ensemble einmal kollektiv schlecht wird, weil das Ethno-Restaurant Unfrisches servierte, weiss man sogleich: Jetzt rumort es dann im Bauch, und es wird unappetitlich. Kurz: «Bridesmaids» leidet an komödiantischer Überdidaktik.

Zudem bekommt der Film Angst vor dem eigenen Mut. Die miesen Seiten der sechs Frauen – der Neid, die Gier, die Intrigen, die Herablassungen, die Wutausbrüche – werden nur deshalb inszeniert, um später umso absehbarer, also sentimentaler, im Guten zu verfliessen. Dass «Bridesmaids» vom Grellen ins Ernste, vom Bösen ins Zärtliche umschaltet, ist an diesem Film besonders gelobt worden. Nur verrät er damit seine eigene Frechheit, und die Gemeinheit erweist sich als Nettigkeit zweiten Grades. Symptomatisch dafür ist die zerbrechliche Beziehung zwischen der Hauptfigur und dem scheuen irischen Polizisten. Gerade zwischen ihnen entwickeln sich nämlich die schönsten und komischsten Szenen. Der Film überzeugt somit am meisten, wenn er zu der romantischen Komödie zurückfindet, die der Film als Genre überwinden wollte.Vielleicht hat die ganze bäumige Begeisterung um «Bridesmaids» etwas mit der Erleichterung zu tun, Frauen wenigstens im Ansatz so derb spielen zu sehen, wie die Männer in ihren Komödien blöd tun. Allerdings bleiben Letztere dabei konsequenter. Die beiden Dummen zum Beispiel, die vor elf Jahren in Danny Leiners Kifferkomödie «Dude, Where’s My Car?» durchs Leben stolperten, waren am Ende des Films genauso beschränkt wie am Anfang. Und obwohl ein Regisseur wie Judd Apatow seinen Helden in «The 40 Year Old Virgin» oder «Knocked Up» eine gewisse Entwicklung zutraut, belässt er ihre tapsige Beschränktheit: das Infantile im Manne.

Die Komik unreifer Männer

Apatow hat auch «Bridesmaids» produziert, was ihm von Kritikern als Reifeprozess ausgelegt wurde; früher hatten sie ihn als Sexist beschimpft. Nur ist Reife nicht lustig. «Zeig mir eine Komödie über den heiligen Franziskus», hat John Cleese einmal gesagt, «und ich zeige dir einen garantierten Flop.» Sehr unreife Männer taumeln auch durch die «Hangover»-Filme, deren zweite Ausgabe zurzeit die Säle füllt. Beide zeigen die Rekonstruktionsversuche ungleicher Freunde, die mit schwerem Schädel erwachen und sich an nichts mehr erinnern: wie sie hierher kamen, was sie angestellt haben und was mit ihnen passiert ist. Filme über den Filmriss.

Mit Recht wurde der Erste von ihnen für seine Einfälle gelobt und der zweite für deren Wiederholung kritisiert. Dabei ist das Schlechte an «Hangover 2» vor allem die Zahl; hätte es den ersten Film nicht gegeben, hätte der zweite besser ausgesehen. In beiden Fällen, und das macht die Attraktion des Drehbuches aus, funktionieren die Komödien ein bisschen wie Krimis. Mit dem Unterschied, dass die Opfer ihre eigenen Täter sind und ihre Taten selber aufklären müssen. In welcher Stadt sind wir eigentlich? Warum bin ich tätowiert? Wieso fehlt mir ein Zahn? Was will dieser kleine Affe hier? Und was hat der Tiger in unserem Badezimmer zu suchen?In einem entscheidenden Detail bleiben sich «Bridesmaids» und «Hangover 2» gleich und sind darin ausgesprochen amerikanisch: Es wird reich geheiratet in diesen Filmen, sehr reich. Ohne Geld sind die Probleme, die sich vor der Hochzeit ballen, gar nicht zu haben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.07.2011, 07:51 Uhr

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3 Kommentare

Alain Burky

20.07.2011, 08:23 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Da hier John Cleese zitiert wird:
Ausgelassen-verrueckt zu sein - ohne ins plump-primitive abzugleiten,
ist wohl weniger eine Frage des Stil (oder Nationalitaet), sondern eher eine des Charakters.
Antworten


Reto Hauser

20.07.2011, 09:51 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Gut geschrieben. Am besten finde ich den Schluss-Satz: Ohne Geld sind die Probleme, die sich vor der Hochzeit ballen, gar nicht zu haben. Symptomatisch für unsere Gesellschaft. Antworten



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